Die beiden Hauptkirchen von Gyumri
September 18 in Armenia ⋅ ⛅ 24 °C
Die beiden Kirchen am Vardanants-Platz, dem großen Hauptplatz von Gyumri, könnten unterschiedlicher kaum wirken. Die eine ist die monumentale Erlöserkirche, die andere die etwas niedrigere, geheimnisvollere Kirche der Sieben Wunden. Beide gehören zur Armenisch-Apostolischen Kirche und sind eng mit der Geschichte der Stadt verbunden.
Wir besichtigen zunächst die Surb Amenaprkich, die „Kirche des Heiligen Erlösers“. Sie ist mit ihrer gewaltigen dunklen Tuffsteinfassade kaum zu übersehen. Sie wurde zwischen 1858 und 1872 errichtet und 1873 geweiht. Ihr Vorbild war die berühmte mittelalterliche Kathedrale von Ani, der einstigen armenischen Hauptstadt, deren Ruinen heute in der Türkei liegen.
Sie war zu ihrer Zeit eines der markantesten Kirchengebäude der Region. Die Einwohner von Alexandropol – so hieß Gyumri damals – wollten damit ganz bewusst ein repräsentatives geistliches Zentrum ihrer mehrheitlich armenisch-apostolischen Stadt schaffen.
Dann kam der 7. Dezember 1988. Das große Erdbeben von Spitak zerstörte bzw. beschädigte die Kirche schwer. Die Kuppel und große Teile des Bauwerks wurden zerstört. Jahrzehntelang wurde an ihrer Wiederherstellung gearbeitet. 2024 wurde sie erneut geweiht – deshalb ist die Kirche heute auch ein starkes Symbol für den Wiederaufbau und die Widerstandskraft Gyumris.
Während der Sowjetzeit wurde die Kirche geschlossen und zeitweise sogar als Konzertsaal genutzt.
Direkt gegenüber, an der Nordseite des Platzes, steht die aus schwarzem Tuffstein errichtete Kathedrale der Heiligen Mutter Gottes, besser bekannt als Yot Verk – „Sieben Wunden“. Sie entstand im 19. Jahrhundert und wurde in ihrer heutigen Form etwa von 1873–1884 errichtet. Sie ist Sitz der Diözese Schirak der Armenisch-Apostolischen Kirche.
Ihr Name ist besonders schön und zugleich traurig: Er bezieht sich auf eine Ikone der Muttergottes der Sieben Wunden. Die sieben Wunden symbolisieren die großen Leiden Marias im Zusammenhang mit dem Leben und Sterben Jesu. Die Ikone kam im 19. Jahrhundert schließlich nach Gyumri und wurde zum Mittelpunkt der Kirche.
Diese Kirche war und ist ungewöhnlich offen für verschiedene christliche Konfessionen. Sie besitzt mehrere Altäre bzw. Apsiden, die historisch verschiedenen Glaubensgemeinschaften dienten: der armenisch-apostolischen Kirche, Katholiken, Orthodoxen und sogar der assyrischen Gemeinde.
Noch erstaunlicher: Während der Sowjetzeit, als viele Kirchen in Armenien geschlossen oder zweckentfremdet wurden, blieb Yot Verk geöffnet. Sie war zeitweise der einzige Ort in Gyumri, an dem weiterhin christliche Gottesdienste stattfanden. Sogar während der Sowjetzeit konnten hier unterschiedliche christliche Traditionen ihren Gottesdienst feiern.
Und dann gibt es noch eine sehr eindrucksvolle Spur des Erdbebens: Die beiden kleinen Kuppeln, die beim Erdbeben 1988 herunterstürzten, liegen heute im Kirchenhof.
Als wir die Kirche besichtigen, kommen viele sehr junge und extrem hübsche Frauen herein, bekreuzigen sich, beten innig, reden miteinander und gehen wieder rückwärts zur Kirchentür hinaus, wobei sie sich verbeugen und ein Kreuz schlagen. Die Menschen hier sind noch immer tief gläubig, und sonntags gibt es in der Kirche keinen freien Platz. Der Gottesdienst dauert drei bis vier Stunden. Die Menschen beten eng aneinander gedrängt im Stehen.Read more



















