• Hoch hinaus Teil II

    July 28 in Peru ⋅ ⛅ 18 °C

    Leider half es nicht wirklich.
    Klar – endlich mal wieder tief durchatmen zu können tat gut.
    Die Kopfschmerzen blieben trotzdem.
    Nach ein paar gemeinsamen Fotos und einer kurzen Verschnaufpause ging es auch schon wieder weiter. Der nächste steile Abstieg – und kurz darauf direkt der nächste Anstieg – warteten bereits auf uns.
    Tatsächlich fielen mir die Abstiege sogar schwerer als die Aufstiege. Meine Zehen knallten ständig vorne gegen die Wanderschuhe und die Gelenke der großen Zehen mussten bei jedem Schritt das gesamte Körpergewicht abfangen. Irgendwann tat einfach alles weh. Zum Glück konnten die Wanderstöcke wenigstens einen Teil der Belastung übernehmen.
    Also ging es erst wieder hinunter auf rund 3.500 Meter nach Pacaymayu, wo unser heiß ersehntes Mittagessen auf uns wartete. Wir hatten mittlerweile nämlich einen ordentlichen Kohldampf.
    Eine Siesta wie am Vortag gab es diesmal allerdings nicht.
    Dafür wartete schon der zweite Pass.
    Etwa anderthalb Stunden später standen wir erneut auf knapp 4.000 Metern.
    Spätestens jetzt waren wir alle vollkommen im Eimer.
    Ich hatte das Gefühl, mein Körper lief nur noch auf Autopilot. Gespürt habe ich kaum noch etwas.
    Einfach einen Fuß vor den anderen.
    Egal wie langsam.
    Nur nicht stehen bleiben.
    Nach diesem letzten Anstieg beschleunigten viele aus unserer Gruppe beim abschließenden Abstieg plötzlich noch einmal ordentlich.
    Ich dagegen fragte mich die ganze Zeit, warum ihnen das so viel leichter fiel als mir.
    Irgendwann erreichte auch ich das Camp.
    Völlig erschöpft.
    Körperlich komplett am Ende.
    Den Tee und das Briefing für den nächsten Tag hielt ich noch irgendwie durch.
    Das Abendessen ließ ich aus.
    Hunger hatte ich sowieso keinen.
    Ich wollte einfach nur noch in meinen Schlafsack.
    Tag 3
    Schon morgens merkte ich, dass mir die Nacht unglaublich gutgetan hatte. Abgesehen von einem ordentlichen Muskelkater fühlte ich mich tatsächlich wieder ziemlich fit.
    Und wir wussten alle:
    Die härtesten Tage lagen hinter uns.
    Jetzt durfte sich langsam ein bisschen Entspannung breitmachen.
    Von der Strecke her war dieser Tag für mich der schönste.
    Wir befanden uns mittlerweile am Rand des Amazonasgebiets. Plötzlich war alles viel grüner. Überall Pflanzen, Vögel und moosbewachsene Bäume. Gleichzeitig knallte zwischendurch ordentlich die Sonne auf uns herunter, bevor wir wenige Minuten später wieder angenehm im Schatten liefen.
    Immer wieder standen wir auf einem neuen Bergrücken und konnten die Wege sehen, die wir erst wenige Stunden zuvor gelaufen waren.
    Es war kaum zu glauben, wie weit wir in so kurzer Zeit gekommen waren.
    An diesem Tag erreichten wir schon gegen Mittag unser Camp.
    Die zehn Kilometer wirkten nach den vergangenen Tagen fast schon lächerlich.
    Zum ersten Mal hatten wir tatsächlich etwas Zeit, einfach nur herumzusitzen und nichts zu tun.
    Dieses Camp hatte sogar kalte Duschen.
    Allerdings waren sie so beliebt, dass kaum jemand Lust hatte, die wertvolle Freizeit mit Anstehen zu verbringen.
    Also blieb es bei einer etwas rustikaleren Körperpflege.
    Ganz in der Nähe des Camps besuchten wir noch die Inkastätte Wiñay Wayna.
    Unser Guide erzählte wieder unglaublich viele spannende Dinge.
    Zum Beispiel, dass Peru über 4.000 Kartoffelsorten und mehr als 50 Maissorten besitzt.
    Oder warum die peruanische Küche heute zu den besten der Welt zählt.
    Durch die unterschiedlichsten Höhenlagen wachsen hier seit Jahrhunderten die verschiedensten Lebensmittel, plus Fisch von der Küste, Gemüse aus unterschiedlichsten Klimazonen und Fleisch aus den Bergen.
    Eigentlich logisch, dass daraus irgendwann eine außergewöhnliche Küche entstanden ist.
    Mein persönliches Highlight an diesem Tag waren allerdings eindeutig die Lamas im Camp.
    Ein hellbraunes tauften wir kurzerhand Honey, ein dunkleres bekam den Namen Sugar.
    Ich hätte mich ehrlich gefreut, wenn sie uns noch ein Stück begleitet hätten.
    Aber nein.
    Das Gras im Camp schien einfach zu gut zu sein.
    Mehr als fressen hatten die beiden nämlich wirklich nicht im Sinn.
    Am nächsten Morgen sollte unser letzter Wandertag beginnen.
    Und endlich würden wir Machu Picchu erreichen.

    Tag 4
    Easy Day.
    Zumindest theoretisch.
    Denn trotzdem klingelte der Wecker bereits um 3 Uhr morgens.
    Diesmal gab es Frühstück to go und um halb vier mussten wir bereits startklar sein.
    Nur wenige Meter vom Camp entfernt befand sich nämlich ein Tor, vor dem sämtliche Wandergruppen warteten.
    Und natürlich wollte jede Gruppe die erste sein.
    Punkt 4:30 Uhr wurde das Tor geöffnet.
    Und plötzlich ging alles ganz schnell.
    Diesmal hatten wir ein ordentliches Tempo drauf.
    Wir wussten schließlich alle:
    Ein paar Kilometer und ein paar Treppen? Nach den vergangenen Tagen war das mittlerweile fast schon ein Spaziergang.
    Keine halbe Ewigkeit später standen wir plötzlich oben.
    Vor uns – noch leicht von Wolken umhüllt – lag Machu Picchu.
    Und für einen kurzen Moment wurde es erstaunlich still.
    Ich dachte immer, der berühmte Postkartenblick wäre einfach nur... ein schönes Foto.
    Aber wenn man nach vier Tagen Wandern plötzlich dort oben steht und diese riesige Inkastadt zwischen den Bergen auftaucht, versteht man erst, warum Menschen aus der ganzen Welt hierherkommen.
    Es war einer dieser Momente, den kein Foto wirklich festhalten kann.
    Natürlich folgte direkt danach das obligatorische Fotoshooting.
    Am Abend zuvor hatten wir alle unsere neon-grünen Gruppen-Shirts bekommen.
    Damit die Gruppenfotos auch schön einheitlich aussehen.
    Meine Güte...
    Wir fanden diese Farbe wirklich alle potthässlich. 🤭
    Aber einem geschenkten Lama schaut man schließlich auch nicht ins Maul.
    Wir bahnten uns also unseren Weg von oben nach unten durch Machu Picchu.
    Alle anderen Touristinnen und Touristen, die mit Zug und Bus angereist waren, liefen den Weg genau andersherum.
    Ein kleines bisschen stolz war man da natürlich schon.
    Schließlich hatten wir uns diesen Moment in den letzten vier Tagen tatsächlich Schritt für Schritt erarbeitet.
    Wobei sich die Zugreisenden vermutlich gefragt haben, wie wir mit unserem steifen Gang überhaupt hier hochgekommen sind.
    Zu diesem Zeitpunkt stiegen wir Treppen hoch wie Menschen, die spontan um 40 Jahre gealtert waren.
    Als wir schließlich mitten in Machu Picchu ankamen, erzählte unser Guide noch einige spannende Fakten.
    Nachdem die Inka die Stadt verlassen hatten, wurde sie nach und nach vom Dschungel zurückerobert.
    Erst 1911 machte der amerikanische Forscher Hiram Bingham Machu Picchu weltweit bekannt.
    Die Einheimischen wussten allerdings natürlich schon lange, dass die Stadt existierte.
    Eigentlich hat er Machu Picchu also nicht entdeckt – sondern lediglich dem Rest der Welt vorgestellt.
    Außerdem erfuhren wir, warum die Anlage bis heute so erstaunlich gut erhalten ist.
    Die Inka bauten ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem mit Terrassen und unterirdischen Drainagen.
    Ohne diese Technik wäre ein großer Teil der Stadt vermutlich schon vor Jahrhunderten den Berghang hinuntergerutscht.
    Nachdem wir alles bestaunt, fotografiert und bewundert hatten, brachte uns der Bus endlich zu einem richtigen Restaurant.
    Mit Stühlen.
    Und Tischen.
    Luxus.
    Der Abschied fiel mir schwer.
    Vier Tage zuvor waren wir noch zwölf Fremde gewesen.
    Jetzt saßen wir zum letzten Mal gemeinsam beim Essen.
    Natürlich tauschten wir Telefonnummern aus und luden uns gegenseitig in die verschiedensten Länder dieser Welt ein.
    Ob wir das jemals schaffen umzusetzen?
    Wer weiß.
    Ich würde es mir wünschen.
    Alles in allem waren diese vier Tage eine unglaubliche Erfahrung.
    Körperlich.
    Aber mindestens genauso emotional.
    Es ist verrückt, wozu unser Körper fähig ist.
    Immer wieder denkt man: Jetzt geht wirklich nichts mehr.
    Und dann geht plötzlich doch noch ein Schritt.
    Und noch einer.
    Ich würde diese Wanderung jederzeit wieder machen.
    Nicht, weil sie leicht war – ganz im Gegenteil.
    Sondern weil sie mir gezeigt hat, dass meistens viel mehr in uns steckt, als wir selbst glauben.
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