• In den Luberon

    June 22 in France ⋅ ☀️ 35 °C

    Der Mont Ventoux sieht auch im Sommer aus als wäre seine Kuppe mit Schnee bedeckt. Die Erosion hat die obersten Schichten des weißen Kalksteins in faustgroße Kieselsteine verwandelt. Durch diese Mondlandschaft schraubt sich mein treuer Bergsteigerbus immer weiter dem Gipfel entgegen. Ganze Schwärme von Radfahrenden wollen überholt werden.
    Ein besonders erschöpft aussehendes Exemplar steht am Straßenrand und winkt mir panisch anzuhalten. Man hat ja schon einiges über Überfälle mit Lockvögeln gehört, aber der Mann sieht wirklich absolut durchgeschwitzt und verzweifelt aus. Er bittet mich, ihn ein Stück bis zur letzten Zwischenetappe vor dem endgültigen Aufstieg zum Gipfel mitzunehmen. Der Motor seines E-Bikes hat schlapp gemacht. Mit viel Fingerspitzengefühl verstauen wir sein Fahrrad gemeinsam in meinem Wohnzimmer. Unterwegs habe ich Gelegenheit gaaaanz tief in meinem Schulfranzösisch zu kramen, natürlich spricht der Mann kein Englisch. Ein paar gute Tipps zu meinen Reisezielen der nächsten Tage habe ich immerhin verstanden und mein Karmakonto ist für heute auch aufgefüllt.

    Bei meinem nächsten Etappenziel, dem Städtchen L'Île sur la Sorgue, parke ich etwas außerhalb und kühle zunächst meine Füße im am Parkplatz vorbeifließenden Seitenarm der Sorgue ab. Mit jeder Haarnadelkurve auf dem Abstieg vom Mont Ventoux hat die Hitze proportional zugenommen.
    Das spüre ich auch nicht zu knapp bei meinem Stadtbummel durch das "Venedig der Provence". Die ganze Altstadt ist von kleinen Kanälchen durchzogen, durch die glasklares Quellwasser fließt. Nur ein paar Kilometer flußaufwärts entspringt die Sorgue einem Karsttopf, der über 300 Meter tief ist. Im sommerlichen Licht sieht das Wasser mit seinen schillernden Farben und dem wogenden Seegras am Grund sehr mystisch aus, so als müsste jeden Moment eine verzauberte Wassernixe daraus emporsteigen.
    Die Kühle hingegen zieht leider nur sehr ungenügend aus den Kanälen in die Gässchen hinauf. Ich suche Zuflucht bei zwei Kugeln Eis, die auch nur kurzfristig helfen. Nachdem ich die Altstadt einmal umrundet habe, nehme ich nochmal den Nebenfluss am Parkplatz in Angriff. Diesmal mit Badehose und von Kopf bis Fuß. Eigentlich müsste man es zischen hören, als mein durchgekochter Körper in das eiskalte Wasser eintaucht. Wassernixe: heute mal anders.

    Auf den Spuren von Peter Mayles Buch "Mein Jahr in der Provence" habe ich mein nächstes Ziel mitten im Luberon gefunden. Der Campingplatz mit Naturpool liegt direkt am Fuße des malerischen Bergdorfs Bonnieux.
    Bei der ersten abendlichen Rundfahrt mit dem Fahrrad durch die an den Hang geschmiegten Gässchen riecht es aus offenen Küchenfenstern nach gebratenem Knoblauch und Rosmarin. Die Hitze steht in den Gassen, vereinzelte Touristen schieben sich träge übers Pflaster und bestaunen die bunt bepflanzen Blumenkästen, die die Straßen zieren.
    Vom höchsten Punkt aus wirken die in allen Brauntönen gesprenkelten Ziegel der Dächer unter mir wie winzige Schuppen eines riesigen sich in der Sonne aalenden Reptils. Die Abendsonne taucht die Landschaft in goldgelbes Licht, in der Ferne blitzen die violetten Quadrate der Lavendelfelder.
    Von unterhalb meines Aussichtspunkts klingt Jazzmusik und Geschirrklappern an mein Ohr. Kurzentschlossen setze ich mich auf die Aussichtsterasse und bestelle ein Entrecote. Wenn man schonmal in Frankreich ist, sollte man mindestens ein Entrecote gegessen haben.
    Ein Chor von Zikaden besingt vielstimmig den Sonnenuntergang, auf dem gegenüberliegenden Bergkamm flimmern die Lichter in den Fenstern von Lacoste orangerot und vom Horizont winkt mir der Mont Ventoux.
    La vie est belle.
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