• Julian Müller-Enßlin
  • Julian Müller-Enßlin

Provence je t'aime

Auf der Suche nach der Lavendelblüte, Ruhe und verschlafenen Dörfchen. Read more
  • Trip start
    June 19, 2026
  • Lavendel!

    June 21 in France ⋅ ⛅ 31 °C

    Die Nacht auf dem Parkplatz eines Yachthafens mit öffentlicher Toilette und direkt am Genfer See gelegen ist kurz. Gegen 8.30 Uhr plätschert französisches Palaver durch die Dachluke in mein Bett. Ein Sprung ins glitzernde Wasser mit Blick auf die Ausläufer der Alpen vertreibt die müden Geister. Mein erster Urlaubstag hat begonnen!
    Auf der Höhe von Grenoble mache ich an einem Carrefour halt. Mit ihrer Liebe zum Essen treiben die Franzosen es hier in puncto Lebensmittelgeschäft auf den Gipfel: um jeden Winkel des Supermarchés abzulaufen, bräuchte man ordentliche Wanderschuhe und vermutlich drei Tage Zeit. Nur auf ein Vesper könnte man getrost verzichten, da es in dieser Halle die gesamte kulinarische Vielfalt Frankreichs und weit darüber hinaus zu bestaunen gibt. Nach nur einer Stunde Schatzsuche habe ich dem Futterlabyrinth alle Köstlichkeiten entrungen, die zu einem Frankreichurlaub dazugehören. Käse hört hier auf solch gesegnete Namen wie Saint Marcellin, Saint Felicien oder Saint Mure. Das Mousse de Canard mit dem gelblichen Fettrand darf ebenso wenig fehlen wie ein Schälchen der rosafarbenen Crevettes nebst knoblauchschwerer Aioli. Dazu einen weißen Cote du Rohne.
    Als ich Abends auf dem Campingplatz bei Sault in der Haute Provence ankomme, reicht es gerade noch für ein kurzes Bad im Swimmingpool (warum schließen die Pools in den südlichen Ländern eigentlich immer schon am späten Nachmittag?). Der Abend endet unter dem im warmen Wind rauschenden Blätterdach der Eichen mit vollem Bauch bei Buch und Kerze. Eine einzelne Zikade singt für die Ehre ganz Südfrankreichs.

    Erst am nächsten Morgen komme ich dazu, mir das nahe Städtchen Sault anzuschauen. Genau so stellt man sich einen provenzalischen Ortskern vor. Zwischen zwei bis drei touristischen Lavendelgeschäften, die man schon lange bevor man sie sieht am betörenden Duft erkennen kann, und Unmengen an Radfahrenden auf ihrem Weg zum Mont Ventoux, findet das Dorfleben ungeachtet der Eindringlinge statt. Man steht in praller Sonne Schlange an der Boulangerie um eine Flute und ein Croissants zu ergattern. Wenn sich Einheimische treffen, begrüßt man sich mit drei Küsschen, links, rechts, links, wechselt ein paar Worte und geht seiner Wege. Hauptsache man küsst!
    Abseits der dörflichen Idylle drehe ich noch eine morgendliche Runde mit dem Fahrrad durch die landwirtschaftlich geprägte Umgebung.
    Ich hatte vergessen wie gut Ginster riecht! Der Duft dieser Büsche mit den postbusgelben Blüten wabert durch die von der mediterranen Sonne aufgeheizte Luft. Die Lavendelfelder liegen verstreut zwischen kleinen Siedlungen und Höfen, deren Häuser aus dem allgegenwärtigen rotbraunen Naturstein gebaut sind. Es gibt feinsäuberlich gepflegte Felder, auf denen sich Lavendelstrauch an Lavendelstrauch reiht und solche, auf denen sich zwischen den lila Bäuschen immer wieder großes und kleines Unkraut bahnbricht. Je nachdem von welcher Seite man schaut, stehen die Lavendelsträucher sauber geordnet in Reih und Glied oder es sieht nach einem unkontrollierbaren Chaos aus Lila und Blassgrün aus. Eines haben alle Felder gemeinsam: sie belegen die Landschaft mit einem violetten Schimmer der herzzereißend schön ist, der in der Sommesonne flimmert und glitzert wie ein Schatz. Warum bin ich nicht schon früher hier hergekommen?
    Provence, je t'aime.
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  • In den Luberon

    June 22 in France ⋅ ☀️ 35 °C

    Der Mont Ventoux sieht auch im Sommer aus als wäre seine Kuppe mit Schnee bedeckt. Die Erosion hat die obersten Schichten des weißen Kalksteins in faustgroße Kieselsteine verwandelt. Durch diese Mondlandschaft schraubt sich mein treuer Bergsteigerbus immer weiter dem Gipfel entgegen. Ganze Schwärme von Radfahrenden wollen überholt werden.
    Ein besonders erschöpft aussehendes Exemplar steht am Straßenrand und winkt mir panisch anzuhalten. Man hat ja schon einiges über Überfälle mit Lockvögeln gehört, aber der Mann sieht wirklich absolut durchgeschwitzt und verzweifelt aus. Er bittet mich, ihn ein Stück bis zur letzten Zwischenetappe vor dem endgültigen Aufstieg zum Gipfel mitzunehmen. Der Motor seines E-Bikes hat schlapp gemacht. Mit viel Fingerspitzengefühl verstauen wir sein Fahrrad gemeinsam in meinem Wohnzimmer. Unterwegs habe ich Gelegenheit gaaaanz tief in meinem Schulfranzösisch zu kramen, natürlich spricht der Mann kein Englisch. Ein paar gute Tipps zu meinen Reisezielen der nächsten Tage habe ich immerhin verstanden und mein Karmakonto ist für heute auch aufgefüllt.

    Bei meinem nächsten Etappenziel, dem Städtchen L'Île sur la Sorgue, parke ich etwas außerhalb und kühle zunächst meine Füße im am Parkplatz vorbeifließenden Seitenarm der Sorgue ab. Mit jeder Haarnadelkurve auf dem Abstieg vom Mont Ventoux hat die Hitze proportional zugenommen.
    Das spüre ich auch nicht zu knapp bei meinem Stadtbummel durch das "Venedig der Provence". Die ganze Altstadt ist von kleinen Kanälchen durchzogen, durch die glasklares Quellwasser fließt. Nur ein paar Kilometer flußaufwärts entspringt die Sorgue einem Karsttopf, der über 300 Meter tief ist. Im sommerlichen Licht sieht das Wasser mit seinen schillernden Farben und dem wogenden Seegras am Grund sehr mystisch aus, so als müsste jeden Moment eine verzauberte Wassernixe daraus emporsteigen.
    Die Kühle hingegen zieht leider nur sehr ungenügend aus den Kanälen in die Gässchen hinauf. Ich suche Zuflucht bei zwei Kugeln Eis, die auch nur kurzfristig helfen. Nachdem ich die Altstadt einmal umrundet habe, nehme ich nochmal den Nebenfluss am Parkplatz in Angriff. Diesmal mit Badehose und von Kopf bis Fuß. Eigentlich müsste man es zischen hören, als mein durchgekochter Körper in das eiskalte Wasser eintaucht. Wassernixe: heute mal anders.

    Auf den Spuren von Peter Mayles Buch "Mein Jahr in der Provence" habe ich mein nächstes Ziel mitten im Luberon gefunden. Der Campingplatz mit Naturpool liegt direkt am Fuße des malerischen Bergdorfs Bonnieux.
    Bei der ersten abendlichen Rundfahrt mit dem Fahrrad durch die an den Hang geschmiegten Gässchen riecht es aus offenen Küchenfenstern nach gebratenem Knoblauch und Rosmarin. Die Hitze steht in den Gassen, vereinzelte Touristen schieben sich träge übers Pflaster und bestaunen die bunt bepflanzen Blumenkästen, die die Straßen zieren.
    Vom höchsten Punkt aus wirken die in allen Brauntönen gesprenkelten Ziegel der Dächer unter mir wie winzige Schuppen eines riesigen sich in der Sonne aalenden Reptils. Die Abendsonne taucht die Landschaft in goldgelbes Licht, in der Ferne blitzen die violetten Quadrate der Lavendelfelder.
    Von unterhalb meines Aussichtspunkts klingt Jazzmusik und Geschirrklappern an mein Ohr. Kurzentschlossen setze ich mich auf die Aussichtsterasse und bestelle ein Entrecote. Wenn man schonmal in Frankreich ist, sollte man mindestens ein Entrecote gegessen haben.
    Ein Chor von Zikaden besingt vielstimmig den Sonnenuntergang, auf dem gegenüberliegenden Bergkamm flimmern die Lichter in den Fenstern von Lacoste orangerot und vom Horizont winkt mir der Mont Ventoux.
    La vie est belle.
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  • Tour de Provence

    June 23 in France ⋅ ⛅ 35 °C

    Um den Touristenmassen ein Schnippchen zu schlagen und mich nicht am Ausdauersport des Parkplatzsuchens beteiligen zu müssen, beschließe ich die umliegenden Dörfchen mit dem E-Bike abzugrasen. 50 Kilometer und 600 Höhenmeter sollten locker zu machen sein. Bei gemütlichen 38 Grad Außentemperatur.
    Die erste Etappe ins rund 5 Kilometer entfernte Lacoste vorbei an Weinreben und Lavendelfeldern lässt sich locker meistern. Na gut, es ist erst halb zehn Uhr vormittags, die Mittagshitze lässt noch auf sich warten.
    Den vom Reiseführer versprochenen Wochenmarkt finde ich leider nicht, die Dame in der Touristeninfo sagt im breitesten provenzalischen Dialekt nur ein Wort: "Demang".
    Na gut, dann eben weiter ins rund 15 Kilometer entfernte Gordes. Der Luberonfahrradweg führt entlang einer ehemaligen Eisenbahnlinie vorbei an umfunktionierten Bahnhöfen durch ein Flusstal, das praktisch ausgetrocknet ist. Da es sich bei Gordes ebenfalls um ein Bergdorf handelt, muss ich diesen entspannten ebenen Radwanderweg leider bald wieder verlassen und den ersten wirklich anstrengenden Aufstieg in Angriff nehmen.
    Gordes gehört zu den "plus belles villes de France", so steht es jedenfalls auf einem Schild am Ortseingang, und liegt malerisch auf der Kuppe eines größeren Hügels mit Blick auf den Luberon.
    Heute ist Markttag (hier wirklich) und dementsprechend voll sind die vielen Parkplätze auf dem Weg in Richtung Altstadt. Hier zahlt sich mein schweißtreibender Entschluß tatsächlich aus!
    Ich wandere über den Wochenmarkt, auf dem sich zwischen allernei Nippes wie Tüchern in diversen Größen und mit Mustern in allen Farben, bunt bemalten Schälchen, übergroßen Zikadenfiguren aus Ton, Gold- und Silberschmuck und Malerei zweifelhafter Qualität auch tatsächlich noch einige Lebensmittelstände finden lassen. An dem Stand mit dem Lavendelhonig komme ich eben so wenig vorbei wie an der obligatorischen Wursttheke, wo sich eine getrocknete Salami im Knoblauchmantel mir geradezu aufdrängt. Die Tapenades mit Sardellen und die eingelegten Oliven muss ich wegen unzureichender Transportmöglichkeit leider zurücklassen. Über dem gesamten Markt liegt eine Wolke von getrocknetem Lavendel welches sich mit dem Aroma von Gebratenem mischt, je näher ich dem Ende der Straße komme. Einer grün gesprenkelten Soucisse au herbes im Naturdarm kann ich nicht widerstehen.
    Auf der nächsten Etappe erwischt mich die Mittagshitze mit voller Breitseite. Durch saunaartig aufgeheizte Luftmassen schiebe ich mich über eine nicht enden wollende Straße entlang von abertausenden Weinreben langsam meinem nächsten Zwischenziel entgegen.
    Natürlich liegt Roussillon ebenfalls auf einem Hügel. Ich breche nach dem Aufstieg auf der Terasse des örtlichen Eiscafés zusammen. Zwei Kugeln Eis für sechs Euro? Na klar, nur her damit. Zeit für eine Mittagspause im Schatten.
    Nachdem ich mich mit Hilfe diverser kalter Getränke aus dem örtlichen Super U einigermaßen wiederhergestellt habe, mache ich mich auf zur letzten Attraktion des Tages.
    In Roussillon wurde bis in die 40er Jahre des letzten Jahrhunderts in großem Stil Ockerpigment abgebaut. Wegen der Fortschritte in der chemischen Farbherstellung, kam die Produktion zum Erliegen. Durch die Errosion sind in den ehemaligen Steinbrüchen bizzare Felsformationen in rostbraun bis, nunja, ockergelb entstanden. Diese Farben ergeben einen tollen Kontrast zu dem schmutzigen dunklen Grün des Pinienwaldes und lassen mich vor lauter Staunen die Hitze fast vergessen. Durch die ehemaligen Steinbrüche kann man auf zwei ausgebauten Rundwanderwegen spazieren, einer soll 35, einer 55 Minuten dauern. Ich schaffe den längeren in rund 25 Minuten und muss schmunzeln, als ich die beiden amerikanischen Touristinnen, die sich für den kurzen Weg entschieden haben, das zweite Mal überhole.
    Auf dem Rückweg nach Bonnieux überquere ich eine Brücke mit dem klingenden Namen Pont Julien, die im Jahre 10 unserer Zeitrechnung gebaut wurde und über die bis 2007 noch Autos fuhren. Bei dem Namen sicherlich nicht weiter verwunderlich aber dennoch enorm beeindruckend.
    Zurück am Campingplatz lasse ich mich in den temperaturmäßig der Umgebung ähnlichen Naturpool fallen und erhole mich langsam von den Strapazen dieser südländischen Heißluftfriteuse.
    Der von Zikadengesängen begleitete Abend endet wie gestern beim Sonnenuntergang über den Dächern von Bonnieux, diesmal nur mit einem kühlen Bier, dafür nicht weniger stimmungsvoll.
    Bonne(ieux) nuit.
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  • Aix-en-Provence

    June 24 in France ⋅ ⛅ 35 °C

    Ohne dem "Demang"-Markt in Lacoste noch einen Besuch abzustatten, kann ich den Luberon nicht guten Gewissens verlassen. Also: früh aufstehen, nochmal aufs Fahrrad.
    Der Markt ist absolut übersichtlich. In noch nicht mal fünf Minuten habe ich alle Stände gesehen. Gelohnt hat es sich trotzdem: frisch gepresster Jus de Cerises und eine weitere Trockenwurst sowie erntefrische Schalotten hüpfen in meine Satteltaschen.
    Auf dem Weg nach Aix-en-Provence mache ich noch in Lourmarin halt. Leider hat sich das Dörfchen auf der zur Cote d'Azur hin abfallenden Seite des Luberongebirges so absolut garnichts von seiner Ursprünglichkeit bewahrt. Ganze Reisebusladungen von amerikanischen Touristen fluten die engen Gässchen, deren Ladengeschäfte sich mit Lavendelsäckchen, überteuerten Olivenholzbrettchen, Honigglässchen in Handgepäckgröße und Trüffelöl ("you can put it on your Popcorn") ganz der neuen Zielgruppe aus Übersee angepasst haben.
    In Cucuron einige Kilometer weiter ist vom Massentourismus noch nichts zu spüren. Die Individualreisenden, die es nach hier verschlagen hat, tummeln sich an Restauranttischen um das von Platanen umstandene Wasserbasin im Zentrum des Dörfchens. In den verschlungenen Winkeln der Altstadt trifft man kaum eine Seele, selbst die größte Kirche im Ort liegt völlig verlassen auf einem in der Mittagshitze dösendem Plätzchen am höchsten Punkt der Siedlung und blickt verschlafen in die unter der Hitze flimmernde Landschaft.

    Größer könnte der Unterschied zu Aix-en-Provence nicht sein: Als ich mich am frühen Abend traue die rettende Kühle des Pools auf dem City Campingplatz zu verlassen, und mich mit dem Fahrrad auf den Weg ins Zentrum mache, platzt die Stadt aus allen Nähten. Obwohl die Stadt nur 130000 Einwohner hat, wovon 35000 Studenten sind, erwartet sie mich mit Großstadtflair.
    Die angebliche Prachtstraße, der Cours Mirabeau, hat außer einem nichtssagenden Restaurant am anderen nicht viel zu bieten. Das bekannte Café Les Deux Garçons in dem schon Paul Cézanne und Émile Zola Ende des 19. Jahrhunderts saßen, ist bei einem Großbrand im Jahr 2019 mitsamt seiner denkmalgeschützten Innenausstattung vollständig zerstört worden und harrt angedeckt von Bauplanen und Gerüsten seiner Wiederauferstehung.
    Viel interessanter sind die schmalen Gässchen der dahinterliegenden Altstadt. Zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern mit schiefen Fassaden und hölzernen Fensterläden in blauen und grünen Pastelltönen winden sich gepflasterte Sträßchen, öffnen sich auf große platanengesäumte Plätze mit Bürgerhäusern, Uhrtürmen und Stadtpalästen aus glattem sandfarbigen Kalkstein, nur um sich wieder im Dickicht der Häuser zu verlieren. Auf den Plätzen sprießen kleine runde Cafétische und Korbstühle aus dem Pflaster, in jedem zweiten Haus gibt es eine Brasserie, Épicerie oder ein Restaurant .
    Die Touristenströme mischen sich hier in einem angenehmen Maße mit den einheimischen Studenten, die es sich auch Mittwochabends schon beim ein oder anderen Gläschen gut gehen lassen. Nachdem ich mich wiederholt im Gassengewirr verlaufen und zwei Mal Navigationshilfe bei einem Glas Bier gesucht habe, lasse ich mich auf einen der Stühle an der Place Richelme fallen und bestelle, na? Ein Entrecôte. Als der Kellner mich auf Französisch fragt, wie ich mein Steak gerne gebraten hätte, sage ich "english", woraufhin er prompt ins Englische wechselt und nochmals aufzählt: "rare, medium, welldone,...?". Dass "saignant" hier das richtige Wort gewesen wäre, finde ich erst später heraus.
    Es ist ein Sommerabend wie man ihn sich schöner nicht vorstellen könnte: Von einem Ende der Place weht Live-Musik herüber, ein leichter warmer Wind bringt die Platanen zum tanzen, der Salat ist knackig, das Bier kalt. Besser geht es wohl kaum.

    Früh am nächsten Morgen und noch leicht verkatert statte ich den vielen Stadtmärkten einen Besuch ab. Auch heute enttäuscht der Cours Mirabeau mit einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von Ständen mit Tüchern, Hüten, Schuhen und Kleidung aus den immer gleichen Stoffen.
    Auf den Plätzen in der Altstadt sind die Stuhl- und Tischreihen gegen Verkaufsstände für Essbares ausgetauscht worden. Die Tische biegen sich unter Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln aus der Region: Goldgelbe Honigmelonen, Tomaten in der Größe von winzigen Murmeln bis zum Umfang eines Basketballs, Auberginen groß wie Torpedos, Kirschen die so dunkelrot sind, dass sie schon fast schwarz aussehen, faustgroße Erdbeeren, Aprikosen, fettige gegrillte Rindswürste, Käse in allen Facetten, dunkler Walnuss-Honig, Calissons, afrikanisches Fastfood und Fleischwaren jeder Couleur. Ein Stand hat sich voll und ganz auf Innereien spezialisiert: neben Rinderlunge und Rinderzunge gibt es Milzwurst, Sülze mit Kutteln und winzige ganze Gehirne von Kälbern. Mit einem Schaudern wende ich mich ab und decke mich ein paar Stände weiter endlich mit der langersehnten schwarzen Tapenade ein, einer Creme aus dunklen Oliven, Sardellen und Olivenöl die sich ganz ausgezeichnet auf frischem Baguette macht.
    Da mein nächster Campingplatz erst ab 15 Uhr bezogen werden kann, verbringe ich noch eine entspannte Lesestunde am Arc, dem Flüsschen mit kühlendem klaren Wasser, das an der Stadtgrenze nahe des Universitätsviertels durch einen kleinen Wald fließt. Die Temperaturen bewegen sich schon wieder in backofenähnlichen Bereichen, so muss aus Mangel an Alternativen heute die Unterhose als Badekleid herhalten, bevor ich mich auf den Weg zum nächsten Ziel meiner Reise begebe.
    Merci Aix!
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  • Brillensuche an der Cote d'Azur

    June 26 in France ⋅ ⛅ 31 °C

    Noch einen Tag Strandurlaub machen, nicht reisen, nur Chillen. Auf meinem Campingplatz nahe Toulon, dieses Mal ohne Pool, dafür fast direkt am Meer, singen mir die Zikaden aus den Wipfeln der Kiefern ein Willkommenskonzert. Trotz der leichten Brise vom Meer her, hat die Hitzewelle auch die Küstenregion voll im Griff.
    Im Schweiße meines Angesichts baue ich das Vorzelt auf und will dann nichts wie los an den Strand. Noch schnell die Brille einpacken, um später bei Dämmerung nicht mehr auf die Sonnenbrille angewiesen zu sein.
    Aber: Wo ist die Brille? Morgens in Aix hatte ich sie doch noch! Bis ich sie gegen die blöde Sonnenbrille getauscht habe. Ich nehme den gesamten Bus auseinander, durchwühle jeden noch so unmöglichen Winkel, finde - Nichts.
    Ein Anruf bei der Gendarmerie Municipale in Aix mit angeschlossenem Fundbüro bringt keine Ergebnisse, ebenso wenig der Anruf bei einem der Geschäfte am Place de Mairie, wo ich den Rucksack wegen einer ausgelaufenen Wasserflasche komplett leergeräumt und vermutlich die Brille samt Etui auf einem Brunnenrand liegen lassen habe. Immerhin suchen die netten Verkäuferinnen den gesamten Umkreis ab, sagen sie zumindest. Um jetzt nach Aix zurückzufahren ist es zu spät, ich suche erstmal Zuflucht beim Meer.
    Der erste Sprung ins azurblaue Wasser bringt nicht ganz so viel Freude wie ursprünglich geplant. Wie kann man nur so blöd sein?!
    Die Abendsonne und der rosarote Sonnenuntergang versöhnen mich ein bisschen mit mir selbst. Ein kühles Bier tut sein übriges.
    Die Artischocke, die ich vom Markt in Aix mitgebracht habe, und die ich abends mit Aioli und Salat verspeise schmeckt nach Süden und Sonne.
    Am nächsten Morgen lege ich mich zwar ohne Fernsicht-Brille, dafür mit Taucherbrille, Schnorchel und Buch bewaffnet an den weißen Kiesstrand. Lesen, Schwimmen, Lesen, Schwimmen: so lässt es sich aushalten und die verlorene Brille ist fast vergessen.
    Im warmen Licht der Abendsonne drehe ich noch ein Ründchen durch das einigermaßen unspektakuläre Örtchen Le Pradet und entschließe guten Gewissens, dass ein selbstgekochtes Abendessen auf dem Campingplatz in Sachen Stil und Geruhsamkeit einem Essen in einem der Restaurants im Zentrum vorzuziehen ist.
    Bei Zikadenflöten, Würstchen mit Couscous, Salat und einem Glas Weißwein beschließe ich meinen letzten Abend in Südfrankreich.
    Au revior.
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  • Heimwärts

    June 27 in France ⋅ ☀️ 35 °C

    Bevor ich mich vollends von der Küste verabschiede, will ich wenigstens noch einmal den anderen Beach nahe des Campingplatzes ausprobiert haben. Über ein nicht enden wollendes steiles Treppenlabyrinth taste ich mich entlang kleinster Häuschen, die in enormer Steillage an den Hang gebaut sind, in Richtung Strand. Vor wirklich jedem Häuschen steht ein Oleanderstrauch in den schrillsten Farben. Das Meer erfreut mich auch hier mit durchdringendem Azurblau und glasklarem Wasser. Nur etwas erfrischender und kühler könnte es sein.

    Auf meinem Weg nach Norden halte ich nochmal in Aix-en-Provence, mache mir die Mühe und laufe nochmal alle Plätze ab, an denen ich die blöde Brille verloren haben könnte, wate nochmal durch das kühle Wasser des Arc zu meinem Leseplatz, frage an der Rezeption des Campingplatzes und bei Geschäften rund um den Brunnen an der Place de la Mairie in bestem Schulfranzösisch nach eventuell abgegebenen Lunettes. Nichts. Immerhin habe ich jetzt wirklich alles probiert. Mit dieser Gewissheit schmeiße ich mich wieder auf die Autobahn.
    Entlang der A7 stehen wie Andenkenkarten Wegweiser mit den Städtenamen der Orte, die ich in der letzten Woche besucht habe. Riesige Lavendelfelder grenzen direkt an die Leitplanke und verströmen selbst bei einer Reisegeschwindigkeit von 110 km/h ihre wohlriechenden Düfte in meinem Bus.
    Nachdem ich das Autobahngewirr um Lyon hinter mir gelassen habe, biege ich von der Hauptroute ab in Richtung meines letzten Übernachtungsplatzes auf dieser Reise. Der Womo Stellplatz in Saint-Rambert-en-Bugey liegt zwar direkt an einer Durchgangsstraße, dafür aber wunderschön im Grünen, eingeklemmt zwischen zwei Bergkämme und vor allem direkt in Wurfweite zu einem herrlichen Badeplatz am Flüsschen l'Albarine, welches in Sachen Wasserqualität und vor allem Erfrischungsgrad unbedingt mit der eiskalten Sorgue mithalten kann. Kleine Fischchen knabbern an meinen Zehen, als ich mich in der Abendsonne im glasklaren Wasser abkühle.
    Hier verbringe ich die verbleibende Zeit bis zum Sonnenuntergang und lese mich an einem neuen Buch fest, für dessen Lektüre ich eigentlich dringend eine weitere Woche Urlaub gebrauchen könnte.
    Zum Abendessen gibts die gesammelten Werke der letzten Tage, kulinarische Andenken an wunderschöne Erlebnisse.
    Ich bin glücklich, dass ich diese Reise machen konnte, dass ich die Provence endlich richtig kennen lernen durfte. Bin froh, dass niemand in den Bus eingebrochen ist. Der einzige der mich bestohlen hat, bin ich selbst, immerhin wars nur die Brille und nicht etwa der Geldbeutel.
    Dass ich diese Reise alleine gemacht habe, dass ich mir selbst genügen kann, das ist eine tolle Erfahrung.
    Ich werde wieder kommen, ganz sicher, dieses Mal ganz bestimmt in Begleitung und am besten mit Kontaktlinsen...
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  • Trip end
    June 28, 2026