Aix-en-Provence
June 24 in France ⋅ ⛅ 35 °C
Ohne dem "Demang"-Markt in Lacoste noch einen Besuch abzustatten, kann ich den Luberon nicht guten Gewissens verlassen. Also: früh aufstehen, nochmal aufs Fahrrad.
Der Markt ist absolut übersichtlich. In noch nicht mal fünf Minuten habe ich alle Stände gesehen. Gelohnt hat es sich trotzdem: frisch gepresster Jus de Cerises und eine weitere Trockenwurst sowie erntefrische Schalotten hüpfen in meine Satteltaschen.
Auf dem Weg nach Aix-en-Provence mache ich noch in Lourmarin halt. Leider hat sich das Dörfchen auf der zur Cote d'Azur hin abfallenden Seite des Luberongebirges so absolut garnichts von seiner Ursprünglichkeit bewahrt. Ganze Reisebusladungen von amerikanischen Touristen fluten die engen Gässchen, deren Ladengeschäfte sich mit Lavendelsäckchen, überteuerten Olivenholzbrettchen, Honigglässchen in Handgepäckgröße und Trüffelöl ("you can put it on your Popcorn") ganz der neuen Zielgruppe aus Übersee angepasst haben.
In Cucuron einige Kilometer weiter ist vom Massentourismus noch nichts zu spüren. Die Individualreisenden, die es nach hier verschlagen hat, tummeln sich an Restauranttischen um das von Platanen umstandene Wasserbasin im Zentrum des Dörfchens. In den verschlungenen Winkeln der Altstadt trifft man kaum eine Seele, selbst die größte Kirche im Ort liegt völlig verlassen auf einem in der Mittagshitze dösendem Plätzchen am höchsten Punkt der Siedlung und blickt verschlafen in die unter der Hitze flimmernde Landschaft.
Größer könnte der Unterschied zu Aix-en-Provence nicht sein: Als ich mich am frühen Abend traue die rettende Kühle des Pools auf dem City Campingplatz zu verlassen, und mich mit dem Fahrrad auf den Weg ins Zentrum mache, platzt die Stadt aus allen Nähten. Obwohl die Stadt nur 130000 Einwohner hat, wovon 35000 Studenten sind, erwartet sie mich mit Großstadtflair.
Die angebliche Prachtstraße, der Cours Mirabeau, hat außer einem nichtssagenden Restaurant am anderen nicht viel zu bieten. Das bekannte Café Les Deux Garçons in dem schon Paul Cézanne und Émile Zola Ende des 19. Jahrhunderts saßen, ist bei einem Großbrand im Jahr 2019 mitsamt seiner denkmalgeschützten Innenausstattung vollständig zerstört worden und harrt angedeckt von Bauplanen und Gerüsten seiner Wiederauferstehung.
Viel interessanter sind die schmalen Gässchen der dahinterliegenden Altstadt. Zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern mit schiefen Fassaden und hölzernen Fensterläden in blauen und grünen Pastelltönen winden sich gepflasterte Sträßchen, öffnen sich auf große platanengesäumte Plätze mit Bürgerhäusern, Uhrtürmen und Stadtpalästen aus glattem sandfarbigen Kalkstein, nur um sich wieder im Dickicht der Häuser zu verlieren. Auf den Plätzen sprießen kleine runde Cafétische und Korbstühle aus dem Pflaster, in jedem zweiten Haus gibt es eine Brasserie, Épicerie oder ein Restaurant .
Die Touristenströme mischen sich hier in einem angenehmen Maße mit den einheimischen Studenten, die es sich auch Mittwochabends schon beim ein oder anderen Gläschen gut gehen lassen. Nachdem ich mich wiederholt im Gassengewirr verlaufen und zwei Mal Navigationshilfe bei einem Glas Bier gesucht habe, lasse ich mich auf einen der Stühle an der Place Richelme fallen und bestelle, na? Ein Entrecôte. Als der Kellner mich auf Französisch fragt, wie ich mein Steak gerne gebraten hätte, sage ich "english", woraufhin er prompt ins Englische wechselt und nochmals aufzählt: "rare, medium, welldone,...?". Dass "saignant" hier das richtige Wort gewesen wäre, finde ich erst später heraus.
Es ist ein Sommerabend wie man ihn sich schöner nicht vorstellen könnte: Von einem Ende der Place weht Live-Musik herüber, ein leichter warmer Wind bringt die Platanen zum tanzen, der Salat ist knackig, das Bier kalt. Besser geht es wohl kaum.
Früh am nächsten Morgen und noch leicht verkatert statte ich den vielen Stadtmärkten einen Besuch ab. Auch heute enttäuscht der Cours Mirabeau mit einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung von Ständen mit Tüchern, Hüten, Schuhen und Kleidung aus den immer gleichen Stoffen.
Auf den Plätzen in der Altstadt sind die Stuhl- und Tischreihen gegen Verkaufsstände für Essbares ausgetauscht worden. Die Tische biegen sich unter Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln aus der Region: Goldgelbe Honigmelonen, Tomaten in der Größe von winzigen Murmeln bis zum Umfang eines Basketballs, Auberginen groß wie Torpedos, Kirschen die so dunkelrot sind, dass sie schon fast schwarz aussehen, faustgroße Erdbeeren, Aprikosen, fettige gegrillte Rindswürste, Käse in allen Facetten, dunkler Walnuss-Honig, Calissons, afrikanisches Fastfood und Fleischwaren jeder Couleur. Ein Stand hat sich voll und ganz auf Innereien spezialisiert: neben Rinderlunge und Rinderzunge gibt es Milzwurst, Sülze mit Kutteln und winzige ganze Gehirne von Kälbern. Mit einem Schaudern wende ich mich ab und decke mich ein paar Stände weiter endlich mit der langersehnten schwarzen Tapenade ein, einer Creme aus dunklen Oliven, Sardellen und Olivenöl die sich ganz ausgezeichnet auf frischem Baguette macht.
Da mein nächster Campingplatz erst ab 15 Uhr bezogen werden kann, verbringe ich noch eine entspannte Lesestunde am Arc, dem Flüsschen mit kühlendem klaren Wasser, das an der Stadtgrenze nahe des Universitätsviertels durch einen kleinen Wald fließt. Die Temperaturen bewegen sich schon wieder in backofenähnlichen Bereichen, so muss aus Mangel an Alternativen heute die Unterhose als Badekleid herhalten, bevor ich mich auf den Weg zum nächsten Ziel meiner Reise begebe.
Merci Aix!Read more


























TravelerSehr anschaulich und schön geschrieben. Man sieht die farbstrotzenden Legumes förmlich vor sich und möchte in eine faustgroße Erdbeere beißen. Merci füt diesen tollen Footprint!
TravelerDanke, freut mich sehr! 🥰
Traveler
💜