Die Bock Kasematten
May 23 in Luxembourg ⋅ ☀️ 20 °C
Ich fuhr weiter bis zu einem kostenlosen P+R Parkplatz am Stadtrand und von dort weiter mit den kostenlosen Öffis ins Stadtzentrum - so etwas wünsche ich mir auch für deutsche Städte!
In der Stadt angekommen führte mich mein Weg erst einmal zu den Bock Kasematten.
Pünktlich zur Öffnung gehe ich hinein in den Bauch des Bockfelsens. Schon nach den ersten Schritten denke ich, das wäre vielleicht auch gut für den heißen Nachmittaggewesen. Die jetzt schon warme Pfingstsonne draußen verblasst und die Luft wird schlagartig kühl, ein bisschen feucht, und es riecht nach altem Stein und Abenteuer.
Ich bin nun im längsten unterirdischen Festungssystem der Welt!
Der Boden unter den Füßen ist uneben, direkt aus dem Schieferfels geschlagen. Links und rechts zweigen immer wieder schmale, düstere Stollen ab. Manche führen steil nach unten in tiefere Ebenen, andere enden abrupt vor massiven Steinwänden.
Alle paar Meter öffnet sich der Fels zu den Seiten mit tiefen Schießscharten heran. Das Licht blendet kurz, aber dann ist der Ausblick atemberaubend: Früher standen genau hier tonnenschwere Kanonen, bereit, das Tal unter Feuer zu nehmen.
Diese Ort wird auch „Gibraltar des Nordens“ genannt.
Um zu verstehen, warum dieses unterirdische Schweizer-Käse-System entstand, drehe ich das Rad der Zeit zurück.
Alles begann im Jahr 963, als Graf Siegfried eine kleine Burg auf diesem Felsen baute. Doch die strategische Lage Luxemburgs war so genial – im Herzen Europas, uneinnehmbar auf den Klippen –, dass im Laufe der Jahrhunderte jeder Herrscher diese Stadt besitzen wollte. Burgunder, Spanier, Franzosen, Österreicher und Preußen reichten sich hier die Klinke in die Hand.
Jede Besatzungsmacht baute die Festung weiter aus. Die eigentlichen Kasematten wurden 1644 unter spanischer Herrschaft begonnen. Später setzte der französische Festungsbaumeister Vauban noch eins drauf, und die Österreicher vollendeten das Werk im 18. Jahrhundert. Am Ende war Luxemburg eine der am stärksten befestigten Städte der Welt – das „Gibraltar des Nordens“.
Das Besondere: Als die Festung 1867 aufgrund eines Friedensvertrages geschleift, also abgerissen werden musste, stand man vor einem riesigen Problem. Hätte man die unterirdischen Kasematten gesprengt, wäre die gesamte Oberstadt darüber in sich zusammengestürzt! Also zerstörte man nur die oberirdischen Tore und Festungswerke und mauerte viele Zugänge einfach zu. Von einst 23 Kilometern unterirdischen Gängen sind deshalb heute noch stolze 17 Kilometer erhalten.
In den Kasematten wurde nicht nur gekämpft, sondern auch gelebt. Im Ernstfall (bei Belagerungen) boten die Gänge Platz für Tausende von Soldaten und deren Pferde. Es gab unter der Erde eigene Bäckereien, Schlachtereien, Werkstätten und sogar Lazarette. Ein komplett autarkes Leben im Fels.
Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs wurden die Bock-Kasematten und die benachbarten Pétrusse-Kasematten reaktiviert – allerdings nicht als Waffenlager, sondern als gigantische Luftschutzbunker. Bis zu 35.000 Menschen (fast die gesamte Stadtbevölkerung der damaligen Zeit) fanden hier bei Fliegerangriffen Schutz.
Nach dem Abriss der Festung standen die Gänge lange Zeit leer. Was macht man also mit kilometerlangen, dunklen, feuchten Räumen mit konstanter Temperatur? Richtig: Pilze züchten! Ab den 1890er Jahren nutzte eine Luxemburger Gärtnerei die Kasematten jahrzehntelang sehr erfolgreich für die Zucht von Champignons.Read more




















