• Auf uns die Sintflut

    Sep 24–30 in India ⋅ 🌧 30 °C

    Wir hatten gedacht, dass heute nur ein kleines, unspektakuläres Programm auf uns wartet. Aber wir hatten uns getäuscht. In Indien ticken die Uhren anders – und kleine Abenteuer und Unvorhergesehenes sind immer schon hinter der nächsten Ecke anzutreffen.
    Beim losgehen freuten uns zunächst einmal darüber, dass die Wettervorhersage offensichtlich nicht stimmte: Kein Regen!
    Wir wollten mit einem Tuk-Tuk in die Stadt fahren, um eine indische SIM-Karte für Ines’ Handy zu besorgen. Wir schlenderten durch die Gassen und trafen dort auf eine Gruppe von Frauen. Sie sprachen uns sofort an und wollten unbedingt Fotos mit uns machen. Gerade diese kleinen Begegnungen mit indischen Frauen sind etwas ganz Besonderes. Man versteht sich erstaunlich schnell, oft fast ohne Worte. Und innerhalb kürzester Zeit entsteht dieses fröhliche, aufgeregte Durcheinander. Denn mit EINEM Gruppenfoto war es natürlich nicht getan. Es war ein großes Hallo – und vor allem eine unglaublich herzliche und schöne Begegnung.
    An der Hauptstraße angekommen, schlendern wir ein wenig am Straßenrand entlang und werden wir plötzlich in einen kleinen Tempel hineingebeten. Wir sind sofort begeistert von den leuchtenden Farben, den vielen kleinen Lichtern und vor allem von der besonderen Atmosphäre. Immer wieder kommen Menschen herein, gehen andächtig um den kleinen Schrein herum und lassen dabei die Glocke erklingen. Wieder einmal sind wir mitten in einem Stück Indien gelandet, das man nicht planen kann – und gerade deshalb so besonders ist.
    Dann ging die Jagd nach der SIM-Karte endlich los. Kaum waren wir in das Tuk-Tuk eingestiegen, fing es an zu tröpfeln. Aus dem Tröpfeln wurde Regen. Aus dem Regen wurde Starkregen. Und daraus schließlich eine richtige Sintflut. Der Regen prasselte so heftig auf uns nieder, dass Niemand mehr richtig erkennen konnte, wer auf welcher Spur unterwegs war und wie sicher man überhaupt noch fahren konnte. Das große indische Durcheinander war zu einem sehr nassen großen indischen Durcheinander geworden.
    Irgendwann ließ der Regen nach. Aber wie das so ist: Nach dem großen Regen kommen die großen Pfützen. Wir standen noch eine Weile da und überlegten: Müssen wir da jetzt wirklich durch?
    Ja, wir müssen.
    Also zogen wir Strümpfe und Schuhe aus und machten uns auf den Weg. Die Pfützen reichten uns bis zu den Knöcheln, und die Straßen waren zu diesem Zeitpunkt praktisch vollständig überflutet. Es blieb uns nichts anderes übrig als mitten durch die Wassermassen zu waten als wäre das hier das Normalste der Welt. Und irgendwie war es das dann auch.
    Inzwischen waren wir ganz in der Nähe eines kleinen Ladens angekommen, der in Varanasi ziemlich bekannt ist – und längst auch über die Grenzen der Stadt hinaus. Wir hatten ihn schon von Deutschland aus im Internet aufgespürt: Blue Lassi.
    Der kleine Laden ist berühmt für seine ausgefallenen Lassis. Mit frischen Früchten oder mit Trockenfrüchten, wunderbar anzusehen und genau so lecker. Genau das Richtige nach unserem unfreiwilligen Fußbad durch die überfluteten Straßen. Als wir ankamen, war der Laden allerdings schon voll. Jeder verfügbare Platz war besetzt. Aber kein Problem: Zwei Europäer passen irgendwie immer noch dazwischen. Wer einmal einen ausgezeichneten Lassi trinken möchte ist hier genau richtig!
    Wir saßen außerdem an einer strategisch ausgesprochen guten Ecke und hatten einen wunderbaren Blick hinaus in die Gassen. Dort spielte sich weiterhin das ganz normale Varanasi-Leben ab – mit Menschen, Rindern, dem ständigen Gehupe und allem, was sonst noch so dazugehört.
    Was wir dort noch gesehen haben, folgt - etwas ausführlicher - schon im nächsten Kapitel.
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