• #27 - Wellen

    July 14, 2024 in Canada ⋅ ☀️ 29 °C

    14. Juli
    Auch heute fahren wir wieder alle nach Québec City. Jess muss morgens etwas arbeiten, aber sobald sie fertig ist, fahren wir alle an einen der Strände von Québec City. Ich genehmige mir etwas me-time, schlendere barfuß am Strand entlang und treffe die drei dann wieder zum Eis essen. Leider kein leckeres Gelato, sondern komisch-cremige „amerikanische“ Eiscreme, die in Schokolade getunkt wird. Es schmeckt besser, als ich erwartet habe, aber nicht so gut wie ich es mir gewünscht hätte. Naja – immerhin hab ich das jetzt auch probiert :-D
    Obwohl wir alle einen sehr langen Tag hinter uns haben, erinnert Yan daran, dass heute beim Musikfestival in Québec City Mötley Crüe auftritt. Die beiden hatten mir gesagt, dass ich ihnen sagen soll, falls ich eine der Bands des 10-tägigen Musikfestivals anschauen möchte, da sehr große Bands wie z.B. Aerosmith, Jack Johnson oder Metallica dort schon aufgetreten sind und es nur sehr wenig Geld kostet.
    Nach einigem Hin und Her kaufen wir über facebook drei Tickets für gerade mal 75 kanadische Dollar (ca. 50€), holen uns noch fix was zu essen im Supermarkt und schlendern dann zum Festival. Mega cool! Sogar Ash darf mit und ist total begeistert von den vielen Leuten und der Musik. Der kleine Flirter läuft überall rum und lächelt die Menschen an, die absolut entzückt von dem kleinen charmanten Racker sind.
    Des Festivalgelände ist vollgepackt mit Menschen und ich höre gute Musik: eine südafrikanische Post-Grunge Band namens Seether spielt gerade – die ich schon kannte und sehr mag! Ich freue mich über die Überraschung und bin sehr gespannt auf Mötley Crüe. Leider sind die eher enttäuschend, da der Sänger so gar kein Charisma (mehr) hat. Lediglich eine kurze Interaktion von Tommy Lee, dem Drummer, mit dem Publikum ist spaßig. Der Rest gefällt mir nicht. Wir gehen etwas früher, da wir alle müde sind und Ash dringend schlafen muss nach dem langen Tag.

    15. Juli, Montag
    Heute erzähle ich Jess, dass ich am Freitag abfahre. Wir fahren mit getrennten Autos zurück und Yan hält bei einem Supermarkt. Jess meint: „Ich glaub, er hat was vor… Ich sehe es an seinem Gesicht!“
    Als wir alle zu Hause ankommen, verkündet Yan, dass er den leckersten Kuchen seiner Mutter heute nachbacken möchte – das erste Mal. Damit ich länger bleibe. Ich darf nicht in die Küche, weil er verhindern möchte, dass ich sehe, was da genau von Statten geht. Und ich bin wahnsinnig gerührt davon!
    Der Kuchen ist aus einer Art Mürbteig, für den Boden und den „Deckel“, und als Füllung kommt irgendwas mit (fast purem) Ahornsirup rein. Es ist ein original quebecoises Rezept und der Ahornsirup kommt aus der Produktion von Yans Eltern. Der Kuchen ist übertrieben süß und wir essen ihn mit geschlagener Sahne. Schmeckt aber nicht schlecht – erst recht nicht mit dem Hintergrund :-)

    16. Juli
    Heute muss Jess wieder arbeiten. Yan bringt mich zu einem der größten Wasserfälle in der Gegend, damit ich dort etwas wandern kann. Ich hatte Jess vor einigen Tagen erzählt, dass ich gerne alleine wandern gehen und mit ihnen zusammen Kanu fahren möchte. Und ich bin sehr gerührt, dass das einfach berücksichtigt wird – ohne, dass ich es mehrfach gesagt oder danach gefragt hätte. Unfassbar lieb!
    Der Wasserfall wird für ein Wasserkraftwerk verwendet. Yan setzt mich am alten Wasserwerk ab, damit ich zum neuen laufen kann. Ich laufe also für ca. 2km an riesigen, eisernen Rohren entlang, wo früher das Wasser durchgepumpt wurde. Da das Wasser manchmal Wellen schlägt und die Rohre sprengen würde, gibt es zwischendurch einen Turm, wo das Wasser bei „Wellengang“ emporschießen konnte. Ich finde das sehr faszinierend!
    Nachdem ich mir das verlassene „Dorf“ vom alten Wasserwerk angesehen hab, was aus einem riesig großen Geräteschuppen, einem großen Haus für Kindercamps und dem Chef des Wasserwerks besteht/bestand, laufe ich noch ganz zum Fuß des Wasserfalls. Dort kühle ich mich etwas ab, denn es ist heute extrem schwül und knapp 30°C.
    Der Weg zurück ist extrem steil. Ich hab versucht, die Steilheit zu fotografieren, aber es sieht komplett flach aus. Wenn jemand Tipps hat, wie man sowas gut fotografieren kann, bitte her damit!
    Abends machen wir ein typisch kanadisches Essen, was Chinese Pie genannt wird. Es ist ein sehr günstiges Essen und besteht aus Kartoffelbrei, Mais, Hackfleisch (sie haben extra Biohackfleisch gekauft, damit ich mich etwas wohler damit fühle) und Käse. Es heißt Chinese Pie, weil wohl chinesische Arbeiter „importiert" wurden, um die Zugstrecke durch Kanada von West nach Ost, zu bauen. Es ist zu wenig gewürzt, schmeckt aber sonst ganz gut.

    17. Juli
    Heute machen wir meine gewünschte Kanutour – alle zusammen. Da wir dort keinen Empfang haben werden, geben Yan und Jess sogar ihren Telefonservice an eine Angestellte ab. Normalerweise klingelt ständig das Telefon, was alle aktuellen Aktivitäten oder Gespräche instant unterbricht. Was schon an vielen Stellen sehr schade war. Und ich habe das Gefühl, dass diese ständige Erreichbarkeit die beiden enorm stresst.
    Wir stehen alle früh auf. Jess ist immer früh wach (ca. 6.30h) und arbeitet morgens. Yan, Ash und ich wachen dann 2-3 Stunden später auf. Heute sind wir also alle früh wach, gegen 8.30h verlassen wir das Haus und fahren 90 Minuten zu einem Nationalpark nördlich vom Haus.
    Auf dem Parkplatz entflammt leider ein heftiger Streit zwischen Yan und Jess, sodass ich alleine zum Kanustand fahre. Mit einem alten „amerikanischen“ Schulbus (die gelben) fährt man vom Parkplatz zum Kanuverleih. Dummerweise habe ich heute ausnahmsweise nur Bargeld dabei, weil ich nicht riskieren wollte, dass meine Kreditkarte nass wird. Ich kann hier zwar mit Bargeld überall bezahlen, aber sie haben kein Wechselgeld und ich hab sehr wenig Geld dabei. Es fühlt sich doof an, die Kanutour alleine zu machen. Ich war ewig nicht auf dem Wasser im Kanu, das mit dem Bargeld verunsichert mich und alleine auf dem Wasser zu sein beunruhigt mich irgendwie. Als ich bezahlen will und 5 Dollar wegen fehlendem Wechselgeld verloren hätte, tauchen Jess und Yan hinter mir auf: „Wir bezahlen das!“ – ich bin super froh sie zu sehen! …und behalte ein gemischtes Gefühl, ob der urplötzlichen Harmonie zwischen ihnen.
    Ash, Yan und Jess nehmen ein 3er-Kanu, weil Jess darauf bestanden hatte. Und ich nehme ein Kanu alleine. Eigentlich dachte ich, dass wir zusammen fahren würden – aber die drei schießen nach vorne, ich komme nicht hinterher und fühle mich zurück- und alleingelassen. Yan fragt mich irgendwann was mir durch den Kopf gehe, aber meine Laune ist absolut im Keller. Jess und Yan bemerken das und lassen mich alleine; für die nächsten vier Stunden.
    Auf dem Hinweg paddele ich gegen die Strömung, die zum Glück nicht so stark ist. Da ich nicht richtig weiß, wie das Kanu und Paddeln funktionieren, kostet es mich mehr Kraft als nötig. Ich werde besser, aber meine Laune ist absolut im Keller. Vielleicht meine Hormone? Ich denke viel darüber nach, was passiert ist, um herauszufinden, was eigentlich los ist. Nach drei Stunden paddeln gegen die Strömung drehe ich um. Das Kanu ist nur für vier Stunden gemietet und ich hoffe, dass ich es mithilfe der Strömung in einer Stunde zurückschaffe. Meine Kräfte lassen nach, ich bin ultra genervt von der Situation, vom Kanufahren, das einfach nicht flowt und diesen scheiß Fliegen, die massenweise um mich herumschwirren und dummerweise stechen – auch durch Klamotten.
    Die Strömung ist leider so gut wie nicht vorhanden und ich habe Gegenwind, gegen den ich nicht ankomme. Irgendwann laufe ich auf eine Sandbank, sodass ich aussteigen und schieben muss. Meine Schuhe und Socken sind also pitschnass und meine Laune sinkt immer weiter. Mir wird klar, dass ich die vier Stunden nicht einhalten kann und ich bete, dass sie nicht demnächst schließen oder mir mehr berechnen. Immerhin habe ich langsam den Dreh raus mit der Steuerung und dem Paddeln! Und ich schieße eins der schönsten Fotos, was ich in Kanada gemacht habe – vielleicht ein neues Wandbild :-)
    Als ich am Ufer ankomme, bin ich ziemlich durch. Körperlich und psychisch. Yan bemerkt meine Laune und fragt nach. Ich bin ihm sehr dankbar und sage, dass ich noch etwas Zeit brauche, bis ich darüber sprechen kann. Im Auto auf der Rückfahrt, nachdem ich endlich was gegessen habe, spreche ich an, dass ich mich alleine gelassen gefühlt habe. Jess und Yan sind beide überrascht und reagieren sehr fürsorglich. Sie beschreiben ihre Perspektive der Situation, entschuldigen sich und es ist geklärt. Das macht den Tag zwar nicht besser, aber man wächst ja mit jeder Herausforderung!
    Auf dem Heimweg machen wir noch kurz Halt an einem Ausguck und sie erzählen mir viel über die Umgebung. Unter anderem von einem Pub, in dem während der Prohibition Alkohol verkauft wurde. Und um die Behörden im wahrsten Sinn in die Irre zu locken, ist das Innere des Pubs ein Labyrinth, das den Zugang zum Pub deutlich erschwert. Leider reicht die Zeit nicht mehr, damit ich diesen Pub sehen kann, aber mich amüsiert die Vorstellung sehr.
    Zuhause setzen wir uns nochmal zusammen, als Ash im Bett ist und schläft. Mit einer Taschenlampe -denn sie haben noch keine kleine Lampe im Wohnzimmer, sondern nur eine sehr helle- setzen wir uns nah zusammen und spielen ein Frage-Antwort-Spiel mit Karten. Es fühlt sich an wie bei einer Übernachtungsparty, unter anderem weil wir flüstern, um Ash nicht zu wecken. Für etwa drei Stunden tauschen wir seelisch-intime Eigenheiten, Erlebnisse und Gedanken aus, was ich als sehr bereichernd und interessant empfinde. Die beiden sind wie ein wandelndes Lexikon für mich, weil das Zuhören und der Austausch mit ihnen mir ständig neue Erkenntnisse liefert.
    Jess geht gegen 1.15h schlafen, da sie morgens um 8 Uhr einen Kundentermin hat. Yan und ich setzen uns noch in die Küche und essen ein Stück Kuchen, den er gebacken hat. Dann gehen wir nach einer Umarmung ins Bett.

    18. Juli
    Ich habe beschlossen, dass es besser ist, endlich weiterzuziehen. Kanada hat mehr zu bieten als Québec und eine workaway-Familie und irgendwann muss ich gehen. Es fällt mir schwer, aber die Entscheidung fühlt sich gut an.
    Als ich morgens in der Küche stehe, sage ich zu Yan „Ich habe den Bus nach Ottawa gebucht und fahre morgen“. Er reagiert relativ neutral und fragt, wann ich den Bus nehmen werde.
    Jess schickt mich kurze Zeit später zum Salatholen bei den Nachbarn, ich soll Ash mitnehmen. Das habe ich schon oft gemacht, ist also kein Problem. Ich fühle mich nur immer etwas seltsam, weil die lieben Nachbarn nur Französisch sprechen und mein Hirn nicht auf den Wechsel klarkommt: mit Ash spreche ich fast nur Italienisch, weil er das am besten versteht. Und immer, wenn ich Französisch sprechen möchte, kommt mir Italienisch in die Quere und es kommt ein ganz komischer Salat raus.
    Der Nachbar spricht mich zwar an, aber ich versuche ihm zu sagen, dass ich nicht so gut Französisch spreche- daher bleibt die Konversation glücklicherweise auf dem Minimum und durch Ash ist klar, wozu ich gehöre sodass es okay ist, dass ich einfach deren Salat rupfe.
    Als ich zurückkomme, bittet Jess mich, den Salat anzurichten mit diversen Zutaten. Sie, Yan und Ash wollen einen Spaziergang machen. Ich ahne etwas, denn das haben sie seit meiner Ankunft nie gemacht. Ich nutze aber die Zeit, singe etwas – was ich seit Wochen nicht machen konnte- und richte den Salat an.
    Ungefähr eine Stunde später kommen sie zurück und es ist klar, dass ein riesen Streit ausgebrochen ist. Yan gibt mir einen kurzen Hinweis, worum es sich drehte und mir ist klar, dass es sehr ernst ist. Nach kurzer Überlegung biete ich den beiden an, bereits heute abzureisen, da ich morgen sowieso weiterziehe und ich diese Spannung nicht weiter ertrage. Jess willigt sofort ein und ich packe meine Sachen.
    Wieder eine Stunde später verabschiede ich mich tränenreich von Ash. Ich fühle mich wie in einem emotionalen Wirbelsturm: Es geht jetzt alles so schnell und ich werde aus der behüteten, liebevollen Umgebung gerissen, ohne alles noch ein letztes Mal bewusst genießen zu können.
    Ash sagt das erste Mal in seinem Leben „Byebye“ statt „Ciao Ciao“. Yan hat Tränen in den Augen und wir verabschieden uns mit einer kurzen Umarmung. Dann fahren Jess und ich nach Québec City. Wir schweigen viel und reden nur bruchstückhaft. Dann buche ich ein Hostel und sie fährt mich dort hin.
    Wir umarmen uns lange beim Abschied, ich fange an zu weinen und lasse sie dann los. Als sie wegfährt bin ich auch froh. Die Spannung zwischen ihr und Yan war eine größere Belastung, v.a. über die letzten Tage hinweg, als mir klar war. Und dazwischen zu stehen, wenn sie sich streiten und wieder vertragen, zwischen all den Verpflichtungen und auch der Zuneigung die ich zu den beiden empfinde – war das sehr viel Stress.
    Yan und ich haben noch ein langes Telefonat, was mir sehr gut tut. Dann hole ich mir was zu essen und gehe schlafen. Morgen nehme ich den Bus nach Ottawa und es geht endlich weiter!
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