• #28 - Meine Gefängniserfahrung

    19 luglio 2024, Canada ⋅ ☀️ 26 °C

    19. Juli
    Heute betrachte ich Kanada das erste Mal mit etwas mehr Zuneigung. Kriegen wir noch die Kurve? Ich bin gespannt, ob das distanzierte und manchmal tiefgründige Kanada und ich noch warm werden.
    Ich fahre mit dem Bus von Québec City nach Ottawa. Die Fahrt dauert ungefähr sechs Stunden und ist unkompliziert. Mit einer Stunde Pause in Montréal -wo ich aus dem Bus heraus schon das Kotzen kriege, weil ich die Stadt einfach nicht mag- und dann weiter nach Ottawa.
    Im Bus hab‘ ich mal wieder einige Reisegedanken: Reisen ist für mich eine tiefe Meditation mit dem eigenen Ich. Als ich ein Lied aus Neuseeland höre, fühle ich das Ich von damals deutlich und die Reise von damals. Schade, dass ich solche Reisen nicht schon früher gemacht habe- ich glaube, das wäre sehr spannend, diese intensiven Reiseerfahrungen als Erinnerungen an das jeweilige Ich zu haben.
    Dort komme ich 3km außerhalb an einer Zugstation an und fahre dann mit der Bahn in die Stadt rein. Ottawa hat so viele verschiedene Ethnien, wie ich es nirgendwo sonst gesehen hab. Obwohl hier alle Englisch sprechen, merke ich, dass ich mich noch an die Kommunikation und Kultur gewöhnen muss: enorm freundlich aber distanziert. Da muss ich meinen Platz erst noch finden. Immerhin ist Ottawa deutlich entspannter als Montréal und aufgrund der Sprache fühle ich mich wie in Amerika. Seltsam, dass ich direkt alles mit dem Nachbarland verknüpfe.
    Das Hostel ist ca. 500m von der Innenstadt und in einem alten Gefängnis. Ich bin also nicht wegen einem Vergehen im Knast, sondern in einem umgebauten Gefängnis untergebracht, das seit den 1970er Jahren als Hostel umgebaut wurde.

    Aufgrund der Aufregung der letzten Tage bin ich extrem müde und liege ab 18 Uhr im Bett in meinem Dorm und entspanne. Morgen habe ich Zeit, Ottawa zu erkunden.

    20. Juli
    Heute habe ich etwas mehr Energie und freue mich darauf, eine neue Stadt zu sehen. Abends bekomme ich eine Führung durch das Hostel und wie es früher als Gefängnis genutzt wurde – darauf freue ich mich schon.

    Ich lasse mich durch die Stadt treiben; mal wieder ohne Plan, was man in Ottawa so sehen kann. Eine schöne Kirche finde ich, einen gemütlichen Park und ich stolpere sogar über das Regierungsparlament (Ottawa ist die Hauptstadt von Kanada), ohne gewusst zu haben, dass es sich hier befindet. Aah, ich mag diese Zufälle und dass es einfach läuft!

    Im Park lese ich etwas, beantworte Nachrichten, gehe danach einkaufen, um mir was kochen zu können, und bereite mich innerlich auf den nächsten Tag vor: die nächste Busfahrt zum nächsten workaway steht an.

    Um 19 Uhr ist die Gefängnisführung und es ist sehr interessant. Das Gefängnis wurde ca. 1863 errichtet und am Anfang waren die Bedingungen (Hygiene, Heizung im kanadischen Winter, etc.) extrem schlecht, sodass sogar einige Insassen gestorben sind. Interessant fand ich auch die seltsamen „Vergehen“, für die man inhaftiert wurde: psychische Krankheit, Verrat, Arbeitsverweigerung. Angeblich wurden nur drei Personen hingerichtet, am Galgen, den man heute noch besichtigen kann! Im Garten wurden aber nach Schließung des Gefängnisses mehr als 100 Menschenleichen gefunden… Entweder die sind durch die unmenschlichen Inhaftierungs-Bedingungen gestorben oder doch insgeheim hingerichtet worden…

    Früher hatte Ottawa ca. 15.000 Einwohner. Davon sind ca. 3000 Personen bei jeder Wetterlage -und die kann in Ottawa sehr heftig werden- zu den Hinrichtungen gepilgert, um sich das anzuschauen. Menschen mochten wohl schon immer dramatische Dinge: heute gibt es dafür Serien, wo reihenweise Menschen abgeschlachtet werden oder Menschen sich gegeneinander ausspielen und intrigieren.

    Die Zimmer sind teilweise in die alten Zellen gebaut (2-5m2) und werden mit Gittern verschlossen. Mein Dorm ist ein normales Zimmer mit sogar eigenem Bad – was für ein Luxus! Das Einzige was hier an Gefängnis erinnert sind die Gitterstäbe. Da ich noch viel verarbeite, habe ich keine Lust auf Kontakt und halte mich von den anderen größtenteils fern.

    Abends höre ich elektronische Musik direkt nebenan in einer Art Hof. Für 20$ (ca. 13€) zahle ich Eintritt zum tanzen – eine der besten Investitionen seit langem. Einfach mal alles abzappeln, die ganzen Gedanken, den Stress, die Gefühle. Und ich habe das tiefe Gefühl der Dankbarkeit, weil die Welt gut für mich sorgt. Die Musik tut sehr gut. In einer Tanzpause schaue ich mir noch das Innere des Gebäudes an, wo einige Personen lokale „Handwerkskunst“ zeigen und verkaufen. Die Handwerkskunst ist allerdings größtenteils Kram, der eher aussieht, als hätte ihn ein Kind zusammengebastelt. Trotzdem sehr cool, dass es so eine Plattform und auch die Mischung aus Musik und lokalem Verkauf gibt.

    21. Juli
    Entspannt und gut vorbereitet trete ich heute die Weiterreise an. Nach einer Zitterpartie wegen Öffis (die Straßenbahn auf dem Hinweg wurde wegen Baustellen durch einen Bus ersetzt und irgendwie sagt jede:r was anderes, welche Linie und Richtung ich nehmen muss… Online gibt es keine eindeutigen Hinweise) komme ich an der Busstation an, checke ein und bin für die nächsten fünf Stunden im Bus.

    Eine Stunde Pause habe ich in North Bay und möchte mir dort einen Kaffee holen. Die Busstation mitten im Nirgendwo mit großem Gebäude hat leider kein Café, aber eine Mall in 2 Minuten Fußweg. Leider wird meine Hoffnung enttäuscht und es gibt nur einen Tim Hortons, wo man nur Filterkaffee kaufen kann. Tim Hortons ist sowas wie das kanadische Starbucks. Ansonsten gibt es KEIN einziges Café in dieser rieseigen Mall mit bestimmt 30 Läden und mindestens sieben Fast Food Läden. Ich kotze gleich!

    …also laufe ich zurück und steige in meinen Anschlussbus nach Bracebridge (18.000 Einwohner-Stadt) in Muskoka (die Gegend) ein. Wir sind nur ca. 10 Leute auf 80 Plätze und ich werde sehr nachdenklich

    1) Es wird immer unerfüllte Wünsche oder Bedürfnisse geben, egal in welcher Situation man sich befindet. Wie schafft man es, diesen Wünschen dennoch Platz zu geben, ohne unglücklich zu werden? Wie schafft man es, sich Wünsche zu erfüllen oder zu akzeptieren, dass sie (derzeit) nicht erfüllbar sind?

    2) Das Leben ist wie ein Prisma. Auf alles gibt es viele Perspektiven, die alle existieren und dementsprechend wahr sind. Du entscheidest deinen Standpunkt und deine Sichtweise auf das Prisma.

    Mike, mein neuer Host und Arbeitgeber, holt mich in Bracebridge ab. Wir essen zuerst zusammen ein Pita, die er bezahlt und die echt lecker ist, dann fragt er mich, ob ich einen Kaffee möchte. Obwohl es mittlerweile 19.30h ist, willige ich freudestrahlend ein: finally! Wir holen einen Cappuccino bei McDonald’s (… was anderes gibt’s hier nicht…) und er nimmt einen Eiskaffee (0,5l) und eine zuckerfreie Cola (1l), da er „heute noch nicht genug getrunken“ hat. Andere Kultur!! Er bezahlt alles, aber in getrennten Rechnungen, da alles unter 4$ mit nur 5% besteuert wird und ab 4$ mit 15%. Dann gehen wir einkaufen -mit den Getränken in der Hand- und er bedeutet mir, ich solle alles was ich brauche in den Wagen werfen. Kanadier kommunizieren extrem zwischen den Zeilen und ich verstehe, dass er es bezahlen wird. „Es ist immer interessant, was die workawayer so einkaufen!“

    Mike ist erstaunt, als ich Milch mit 3% Fett kaufe. Und ich bin tierisch genervt, dass in fast allen Produkten irgendwelche komischen Zusätze beigemischt sind - egal, wie normal sie aussehen (geröstete Erdnüsse zum Beispiel sind mit irgendwelchen Zusätzen versetzt; oder in Milch wird B12 zugegeben !!!???)

    Ich weiß immer noch nicht so richtig, was mich bei dem workaway erwartet, bzgl. meinen Aufgaben und der Unterkunft. Langsam kann ich erahnen, dass mich sowas wie camping erwartet, also sehr basic!

    Wir fahren 20min mit dem Auto zum Dorf (350 Einwohner), holen noch Trinkwasser für mich und fahren dann 15 Minuten mit dem Boot zu meiner Hütte. Sie hat eine Küche (inkl fettem Grill !?!) und ein extra Maisonette-Häuschen mit Sofa und Bett. Ich liebe es! Es ist so ruhig und jetzt genau das Richtige für mich.

    Morgen werden wir es ruhig angehen lassen, da Mike in seinem normalen Job arbeiten muss (9-17h). Das heißt ich kann erstmal in Ruhe ankommen und entspannen. Und ausschlafen! Gute Nacht, aus dem stillen und beruhigenden Wald mitten im Nirgendwo!
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