• #29 - Cabin in the Woods

    22.–28. jul. 2024, Canada ⋅ ☀️ 26 °C

    Hier steht meine cabin: https://maps.app.goo.gl/fHmiCg6Rxy6ptm5S9

    22. Juli
    Heute mache ich mich erstmal vertraut mit meiner neuen Umgebung. Ich hole Wasser am Fluss (für putzen, spülen, etc.) in einem Kanister, putze erstmal die Bude, da alles voller Sand ist (mit einem sehr dreckigen Wischmob) und mache mir dann mein Frühstück. Auf dem Sofa im Erdgeschoss schaue ich aus meinem 2x1,5m großen Fenster auf die Bäume. Wie wunderschön! Die pure Entspannung :-)
    Das einzig Nervige: extrem viele Moskitos! Sie fliegen einem ins Gesicht, in die Ohren, und umschwirren einen ständig. Für mich gerade eine echte Zerreißprobe, weil mein Nervenkostüm sehr dünn ist.
    Mike holt mich gegen Mittag ab und stellt mich Leander und Ben vor. Sie sehen beide richtig deutsch aus: strohblond, blauäugig, kräftig, hart arbeitend und sehr nett. Mike zeigt mir an der Baustelle, was ich machen soll und führt uns alle vier etwas auf dem Grundstück herum (insgesamt gehören ihm ganez 150 Hektar Land mit 2km Fluss) – mit Quads. Wir fahren auf einem ganz neuen Trail/Pfad, den er gemacht hat und der noch extrem holprig ist, sodass ich mir hinten auf seinem Quad vorkomme wie auf einem von diesen elektrischen Bullen (wo man versuchen muss, nicht herunterzufallen).
    Nachmittags treffen wir uns am Strand, wo ich die deutschen Nachbarn Jürgen und Christine kennenlerne. Sie sind vor 37 Jahren aus Süddeutschland nach Kanada ausgewandert, weil Jürgen ein Burnout hatte. Er ist Elektriker und hat sich dann hier selbständig gemacht. Mittlerweile ist er quasi in Rente, gestaltet sein riesiges Grundstück und baut sich z.B. seit dem Sommer ein Haus.
    Es ist alles super, nur diese übertrieben viele Moskitos sind übel. Sonst würde ich es hier lieben, aber das ist für mich ne echte Belastung und ich bin gespannt, wie lange ich es hier aushalte. Moskitos sind hier den ganzen Tag über aktiv, stechen einen auch gerne in die Ohren oder ins Gesicht und sobald man irgendwo länger als 30 Sekunden steht, surren mindestens 10 Moskitos um einen herum. Und Mike sagte: Im Mai und Juni ist es viel schlimmer, ab Juli wird es besser! …was zur Hölle.

    23. Juli
    Heute ist mein erster Arbeitstag und ich hab schlecht geschlafen, weil ich Angst habe. Mike hat mir erklärt, dass von meinem Haus erst sehr weit entfernt wieder andere Menschen sind. Das south camp (wo Leander und Ben schlafen) ist Luftlinie 1km entfernt (dauert aber länger, weil der trail nicht geradeaus verläuft), direkt neben mir ist zwar ein Steg mit Boot, aber ich hab keine Ahnung wie man das fährt und eine Straße könnte ich erst nach Flussüberquerung erreichen – dann wären es 3km zum Dorf. Außerdem hatte Jürgen erzählt, dass er nachts ab und zu jagen geht, mit einem Gewehr und anderen Waffen. UND ich habe nur fremde Männer mit mir auf dem Grundstück, ohne Flucht- oder Verteidigungsmöglichkeit. Sie scheinen mir zwar nett zu sein, aber ganz sicher fühle ich mich trotzdem nicht.
    In der Situation freue ich mich sehr auf Zuhause, wo ich in vertrauter Umgebung bin und keine Angst vor/in solchen Situationen haben muss, weil ich unabhängiger bin und mehr vertraute Menschen da sind.
    Nach meinem Frühstück starte ich entspannt gegen 10.30h in den Arbeitstag. Ben und Leander arbeiten schon fleißig an dem Haus, was sie für den evaporator bauen. Der evaporator ist sozusagen ein Kamin mit sehr ausgefeiltem, großem Topf mit dem Ahornsirup hergestellt wird. Damit der evaporator geschützt ist, bauen Ben und Leander ein Haus aus Holz. Meine Aufgabe ist es, den armen evaporator wieder auf Vordermann zu bringen, da er seit zwei Jahren bei Wind und Wetter draußen stand und dreckig und verrostet ist. Mike hatte mir erklärt, was er gemacht haben möchte und wollte dann eine Materialliste von mir, damit er mir alles bereitstellen kann. Ich hab zwar noch nie eine solche Oberfläche geputzt, den Rost abgeschliffen und alles mit Farbe besprüht – aber ich mach‘ einfach mal und dann schauen wir!
    Leider ist das Bugspray (= Moskitospray) quasi leer. Da man ohne Bugspray nicht arbeiten kann und die Jungs nicht drin arbeiten können, bleibe ich in einem Haus, das aktuell als Geräteschuppen auf der Baustelle genutzt wird und putze dort schonmal die Einzelteile des evaporators. Was gar nicht so einfach ist, weil Mike mir Mikrofastertücher als Lappen gegeben hat und alle kratzigen, schwammartigen „Lappen“ das Material massiv zerkratzen.
    Abends esse ich mit den Jungs zusammen in ihrem camp und wir führen ein paar tiefgründige Gespräche. Vor allem Ben stellt immer sehr interessante Fragen – Leander hält sich meistens raus, aus den tiefgründigen Gesprächen.

    24. Juli
    Heute wäre eigentlich mein zweiter Arbeitstag, aber es regnet heute Morgen. Was extrem gemütlich ist… mitten im Wald, in meiner sicheren Hütte, mit diesem riesigen Fenster! Mega <3
    Gegen 13 Uhr holt Mike mich ab, damit ich in der Stadt meine Wäsche waschen kann. Kurz bietet er mir an, meine Wäsche bei seinen Eltern waschen zu lassen und lenkt dann aber um auf einen Waschsalon. Keine Ahnung, welche Abbiegungen da in seinem Kopf vorgegangen sind :-D
    Wir gehen einkaufen, erledigen meine Wäsche, machen kurzes 10-minütiges Sightseeing in einer Kleinstadt. Ich bin immer noch erstaunt, wie groß hier alles ist: die Distanzen, die Autos, beim Einkaufen,… Mike erzählt mir, dass er drei Autos hat! Einen Honda für längere Strecken, einen Jeep für längere Strecken und mit mehr Lademöglichkeit und einen krassen Jeep, der ziemlich viel Wumms hat: er kann einen Anhänger + 8t Gewicht ziehen. Da Mike hauptberuflich Gartenlandschaftsbauer ist und teilweise seine Bagger, Sand oder Steine transportieren muss, ergibt das tatsächlich Sinn. Und er erklärt mir, dass viele Autos so hoch sind (die Schnauze ist ca. so hoch wie ich groß bin, sodass ich keine Chance hätte, den Fahrer zu sehen), um im Winter auch durch höheren Schnee fahren zu können. Aha! Das ergibt Sinn!

    25. Juli
    Da ich gestern nicht gearbeitet habe, mache ich heute länger. Pro Tag soll ich drei Stunden arbeiten, um sozusagen meine Unterkunft und mein Essen zu bezahlen. Ich arbeite meine sechs Stunden ab, verkrieche mich dann in meine Hütte und esse abends mit Leander und Ben zu Abend.
    Leider gibt es hier keine Dusche. Weshalb ich im Fluss duschen muss. Zum Glück hab ich Shampoo dabei, das keinen Schaden in der Natur anrichtet, sodass das zumindest mal kein Problem ist. Ich suche nach einer geeigneten Stelle am Fluss, die etwas sichtgeschützt ist. Obwohl ich im Bikini duschen werde, will ich trotzdem meine Ruhe dafür haben. Dummerweise hat Mike heute Kunden da, die über den Fluss schippern (er bietet kleinere Touren auf seinem Fluss an) und natürlich genau dann vorbeikommen, als ich da im Bikini stehe. Man! Ich will meine Ruhe! Verpisst euch!
    Mike kommt angerauscht, um die Kunden zu fragen, ob sie eine gute Zeit haben. …und kommt dann noch zu mir, um zu sagen, dass es blöd ist, beim Duschen gestört zu werden. In der Tat. Vor allem, wenn man hier seit 10 Minuten steht und jede Sekunde ein Moskito versucht, einem das Blut aus dem Leib zu saugen!
    Endlich sind alle weg und ich beeile mich ultra, um endlich aus dieser scheiß Moskito-Hölle rauszukommen. Ehrlich! So macht duschen KEINEN SPASS!

    26. Juli
    Heute fahren wir alle vier zum Sommerhaus einer bekannten kanadischen Sängerin namens Serena Ryder. Mike gestaltet den Garten ihres Grundstücks, baut Treppen, erledigt einige Gartenarbeiten und gestaltet einen kleinen Strand am See (direkt am Haus!!).
    Es macht Spaß, was anderes zu machen. Ich muss ein bisschen Unkraut rupfen und den Sand verteilen. Der Sand ist übrigens 5x (oder so) gewaschen und wird in Olympia verwendet. Deshalb ist er mega toll. Erzählt Mike ungefähr 20 Mal; dass so toller Sand ja wirklich sein Geld wert ist. Weil, schau! Wenn der durch die Hände rieselt, bleibt kein Dreck zurück! Wow… :D Da ist jemand wirklich begeistert von seinem Fach.
    Danach machen wir zu viert einen "Pub crawl" im Dorf: Zuerst besuchen wir die lokale Brauerei, dann den lokalen Pub. Das fühlt sich so riiiichtig kanadisch an! In diesem Pub abzuhängen, Alkohol zu trinken und Poutine und Onion Rings zu essen. Die Bardame ist mega nett und macht mir einen speziellen Cocktail, da ich ja kein Bier mag: „spiced rum“ mit ginger beer. Sehr lecker! Letzte Station des „pub crawls“ ist dann der liquor shop, wo sich die Jungs nach einigen trockenen Tagen endlich etwas Bier kaufen. Eine Flasche Bier kostet hier im pub übrigens 10 Dollar! (ca. 6-7€)
    Im liqor shop fällt mir noch etwas auf: bei einer geschlossenen Kasse steht ein Schild mit der Aufschrift “Another cashier would be pleased to serve you“ – und die Deuschen so: "Diese Kasse ist geschlossen“. Irgendwie repräsentativ für die Kultur, finde ich :-D
    Bepackt mit Bier und alle gut drauf, verbringen wir noch etwas Zeit am Lagerfeuer bei Jürgen. Wir sitzen direkt am Fluss -durch das Feuer zum Glück weitgehend ohne Moskitos- und in der Nähe von seinem neuen Hausprojekt: Planung war Ende April, bauen seit Anfang Juli und alle Außenwände, Fenster, Keller, Türen, Terrasse, etc. steht alles. Heftig! Seine Tochter mit ihrer Tochter sind auch da und ich bin ganz froh, dass noch ein paar Frauen da sind…
    Die Männer unterhalten sich heute über Waffen, Armbrüste und Bögen und diverse Jagdstrategien. In Deutschland fände ich das vielleicht spannend, hier macht es mir echt Angst, dass sie sich über sowas austauschen. Irgendwann holt Jürgen sogar eine seiner Waffen, eine Pistola Kaliber schießmichtot (haha) und wir dürfen sie alle mal in der Hand halten. Leander und Ben sind ganz erpicht daruf, mal damit schießen zu dürfen – heute zum Glück nicht!

    Was ich noch ganz interessant finde ist, dass Ben gerne angelt. Er erstellt seine eigenen Köder und meint, dass er es unglaublich spannend findet, diese Köder zu optimieren und dann zu testen, ob die Fische besser darauf anspringen als beim letzten Köder. Im Fluss hatte er auch schon einige Fische gefangen, die wir essen wollten. Leider waren sie alle voll mit Würmern und Maden, sodass er alle drei wegschmeißen musste. Wie übel! Die armen Fische 
    …was es irgendwie noch ekliger macht, im Fluss baden zu gehen, wenn sogar die Fische „verseucht“ sind.

    27. Juli
    Beim Frühstück in meiner Hütte sehe ich viele Chipmunks/Streifenhörnchen herumflitzen. Die sind soo schnell! Schau dir mal ein Video auf Youtube von ihnen an, mega witzig.
    Heute fahren Ben und Leander nach Barrie, eine größere Stadt die ca. eine Autostunde entfernt ist. Ich will jede Gelegenheit nutzen, um einkaufen zu gehen und mal Freizeit von den Moskitos zu haben!
    Ich frage Mike, ob ich mit den Jungs nach Barrie fahren kann. Dafür würde ich meinen Einkauf heute selbst bezahlen. Er stimmt zu unter der Bedingung, dass ich eine neue Schleifmaschine für den evaporator kaufe. Heute gemütlich, einkaufen mit den Jungs.
    Zum Glück hat Ben ein eigenes Auto, sodass wir ganz unabhängig von Mike einfach losziehen und Dinge auf eigene Faust erledigen können. Das fühlt sich nach echtem Luxus an, weil wir nicht von unserem Boss abhängig sind!
    Im Dorf ist sehr viel los, weil einer der in Kanada weit verbreiteten Handwerkermärkte ist. Dort verkaufen alle möglichen Leute teilweise selbstgemacht, teilweise gekaufte Sachen. Wir schlendern einmal drüber, ich kaufen zwei Hippiehosen und wir fahren los. In Barrie machen die beiden ihre Wäsche, nutzen WLAN in einem Tim Horton, wir erledigen Lebensmitteleinkäufe, Ben kauft sich magic mushrooms und Gras -alles legal hier!- und gönnen uns zum Schluss einen Starbucks-Kaffee. Was anderes gibt’s hier leider nicht  Zufällig stoßen wir auf einen Automarkt auf einem Parkplatz, wo viele Oldtimer oder fetter Rennschlitten verkauft werden. Es war soooo schön, einen Tag ohne Moskitos verbringen zu können!
    Wir sind erst gegen 22.40h zurück am Grundstück. Mike schreibt mir eine Nachricht „Where are you guys?“ – vermutlich wollte er mit uns Abendessen, weil er heute im Zelt auf dem Grundstück schläft – mit einem Date! Es ist aber schon dunkel und wir wollen nur ins Bett. Vorher müssen wir all unsere Einkäufe ins Boot packen, rüberschippern und dann dort mit dem Quad die Einkäufe zum Camp bringen. Dauer: mindestens 30 Minuten. Normalerweise -in der Zivilisation- maximal 10 Minuten vom Parkplatz bis zum Haus. Ai! (mein neues Wort für Ohje)
    Dummerweise fällt der Motor vom Boot aus. Mit zwei Handytaschenlampen mime ich die Scheinwerfer und die Jungs rudern. In dem Moment bin ich sowas von ULTRA froh, mit zwei starken Männern unterwegs zu sein. Irgendwie würde ich es auch alleine hinbekommen, aber es fühlt sich gut an, dass sie da sind. Die Sichtweise mag veraltet erscheinen (und sexistisch), aber hier draußen in der Natur hat Körperkraft einen ganz, ganz anderen Stellenwert.

    Grundsätzlich fahren wir mit Quads auf breiten Trampelpfaden auf dem Grundstück herum – wobei ich leider kein eigenes Quad habe. Mike hat uns einen neuen Trampelpfad gezeigt (nach ca. 15-20h Arbeit, wo erstmal alle Bäume und kleine Felsen aus dem Weg geräumt wurden): mit den leistungsstarken Quads braucht man für 1km Strecke ungefärh 20min!!)
    Der Tag in der Stadt mit den Jungs war wirklich cool! Schade, dass wir nicht mehr Freizeit und Gelegenheit zum Rumfahren haben. Ben und Leander arbeiten hier für tatsächliche Bezahlung, da sie für mindestens ein Jahr in Kanada bleiben wollen. Ben ist gelernter Schreiner, 28 Jahre alt, kommt aus Münster bzw. Borken und hat Holzdesign in Österreich studiert. Leander ist 23 Jahre alt, hat einen Zwillingsbruder, wohnt in Dortmund und gelernter Industriekaufmann. Die Zeit in Kanada möchte er u.a. nutzen, um zu entscheiden, was er studieren möchte. Wie krass anders unsere Lebensphasen sind!
    Beide haben eine Freundin zu Hause, die sie mehrere Wochen bzw. Monate nicht sehen werden. Finde ich krass, vor allem mit 23!

    28. Juli
    Heute ist Sonntag und ich bin nicht sicher, ob ich arbeiten muss. Die Jungs arbeiten nicht, weil sie immer nur 5 Tage pro Woche arbeiten. Ich schlafe aus, Mike hatte mir schon geschrieben, ob wir zusammen frühstücken – hat dann aber nicht geklappt, weil er mir das gegen 8 geschrieben hat und ich da noch geschlafen hab.
    Leander will heute zur Bibliothek, weil da WLAN ist. Ich will mit, um ein Problem mit meinem Handyanbieter zu lösen und mein nächstes Workaway zu organisieren. Mike kommt zwei Mal zu meiner Hütte gefahren, ohne mich zu grüßen oder mir vorher Bescheid zu sagen, was ich ziemlich scheiße finde. Meine Hütte hat so große Fenster, dass man sich nicht „verstecken“ kann oder Privatsphäre hat, sobald jemand anderes da ist.
    Als Leander mir schreibt, dass er jetzt losfährt und nach 20 Minuten immer noch nicht da ist, bekomme ich Angst. Denn Fakt ist: Ich bin alleine im Wald mit drei fremden Männern, Mike hatte mal erwähnt, dass er eine Waffe besitzt, ich kann ihn noch nicht gut einschätzen und er verhält sich heute sehr seltsam. Leander und Ben vertraue ich; ich hab schon viel Zeit mit ihnen verbracht, sie sind aus meiner Kultur und wir sprechen dieselbe Sprache. Bei Mike ist das was anderes. Ich habe -die vermutlich seltsam klingende- Angst, dass Mike Leander und Ben was angetan hat und ich nun alleine mit ihm bin. Das letzte was Leander mir geschrieben hatte war „Ich komme jetzt, Mike war eben noch hier“. Und dann passiert 30 Minuten lang nichts.
    Mike sitzt also in meiner Küche/Wohnzimmer mit dem Rücken zu mir und Leander kommt nicht mit dem Quad angefahren… normalerweise dauert das nur 10 Minuten – wenn überhaupt. Am liebsten würde ich das Haus abschließen und mich irgendwo verstecken, aber er würde alles hören, weil es im Wald so leise ist. Also hole ich mir leise ein Messer und stehe einfach nur im Haus, mit gespitzten Ohren lauschend, ob das Motorengeräusch des Quads endlich kommt. Mein Herz klopft mir bis zum Hals.
    Nach endlos weiteren fünf Minuten kommt Leander endlich. Und ich bin unglaublich erleichtert. Mike ist gar nicht amused, als er erfährt, dass ich mit Leander zur Bib fahren möchte. Da Kanadier nie direkt sagen, was sie meinen, sondern man extrem zwischen den Zeilen lesen muss sagt er: „Ich kann die Hütte hier für 140$ pro Nacht vermieten“ „Ich hätte gerne, dass der evaporator morgen fertig ist, weil ich möchte, dass du noch andere Projekte machst!“
    Ich frage ihn, ob er möchte, dass ich 5 Tage pro Woche arbeite oder sieben. Er sagt „Ja, eigentlich 5“ und ich frage mich innerlich, was gerade sein scheiß Problem ist. Es ist Sonntag heute, die Jungs arbeiten nicht und meine Aufgabe wird in einem Tag fertig sein. Pro Tag muss ich nur 3h arbeiten, sodass ich morgen einfach 6 Stunden arbeiten kann – ohne Probleme.
    Als „Friedensangebot“, frage ich ihn, was er heute so macht und ob er später mit uns zu Abend essen möchte. Schauen wir mal…
    Ich sitze den ganzen Tag mit Leander im Schatten auf einer Bank. Wir müssen 45 Minuten laufen und fünf Minuten mit dem Kanu fahren, um zum Dorf zu kommen. Ich bin noch ziemlich aufgewühlt wegen Mikes komischem Verhalten und auch ziemlich abgefuckt. Leander und ich sprechen darüber und vermuten, dass Mike sich evtl. ausgeschlossen fühlt und wir ihn deshalb zum gemeinsamen Abendessen im camp einladen. Er antwortet: „Yes, I’d love to. Family dinner on Sunday!“
    Als Leander und ich zurück zum camp zu Ben kommen ist der auch ganz schön angefressen. Mike kam 2 Minuten vorbei, hat seinen Hund in meine Hütte gescheucht und ist jetzt seit sieben Stunden nicht mehr aufgetaucht! Geht gar nicht… Ben hatte heute einen freien Tag und musste ohne Info dass und wie lange er den Hund sitten soll, im Camp bleiben. Er wollte eigentlich angeln gehen, aber Mikes Hund ist so dermaßen hyperaktiv, dass sie keine Minute (wirklich!) still sitzen kann. Obendrein ist sie schlecht erzogen und hört nicht.
    Ben und ich kotzen uns über Mikes komisches Verhalten aus und wir beschließen, das heute beim Abendessen anzusprechen. Mike kommt, wir sprechen es beim Essen an, es wird von ihm registriert, aber nur eine kurze Floskel dazu geantwortet. Ok… Kultur?!
    Ich bin immer noch mega sauer wegen dem ganzen Bohei und dem, was er zu mir gesagt hat. Wir spielen Badminton, wo ich mich endlich etwas abreagieren kann und ein bisschen bessere Laune bekomme. Aber erledigt ist hier noch gar nichts, erst recht nicht, weil wir nicht mal richtig darüber gesprochen haben. Mike scheint zwar erleichtert, dass ich was dazu gesagt habe, aber das war’s auch.
    Wir sitzen trotzdem noch bis 0 Uhr zusammen am Lagerfeuer, zeigen Mike wie man Stockbrot macht und schauen auf den Fluss, der direkt am camp vorbeirauscht. Ben und Leander kiffen sich die Birne zu und ich quatsche länger aber sehr distanziert mit Mike.
    …wenn sich das nicht irgendwie auflöst, fahre ich!
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