#30 - diggin' in the dirt
29. Juli–2. Aug. 2024 in Kanada ⋅ ☀️ 31 °C
29. Juli
Heute ist Montag und wie die meisten muss ich heute: arbeiten. Mike nutzt jetzt "meine" Küche mit, weil er in einem Zelt im Wald schläft. Vor allem nach dem gestrigen Tag mag ich das gar nicht – und ich kann meine morgendliche Routine nicht in aller Ruhe erledigen. Wider Erwarten kriegen wir aber heute den Dreh: mit ein paar wenigen Worten und Gesten, in denen er irgendwie das Richtige macht, ist für mich der Drops gelutscht und alles ist wieder gut zwischen uns.
Beim Arbeiten bin ich motiviert, arbeite lange und gönne mir gegen 13 Uhr eine entspannte Dusche am Fluss. Und ich habe Glück: ich hab die richtige Uhrzeit erwischt, einen Sonnenplatz und KEINEN EINZIGEN Moskito beim duschen! Danach wärme ich mich noch etwas in der Sonne auf und gehe dann zurück zur Arbeit.
Durch die erste, furchtbare Dusche hab ich es sechs Tage vermieden. Und mit dem ganzen Dreck auf der Baustelle, allgemein durch das Leben im Wald und meinen Schweiß (sehr schwül und warm hier!) hab ich mich echt eklig gefühlt. Aaaaber jetzt isses endlich wieder gut. Wie unglaublich gut sich eine Dusche anfühlen kann… der Wahnsinn!
Als ich zurückomme, machen wir einen kurzen Lunch im camp der Jungs, schauen auf den Fluss und trinken „Premium“ Instantkaffee mit Hafermilch und Ahornsirup. Quasi richtige Kanadier sind wir geworden! Denn die tun überall Ahornsirup dazu – ob Kaffee, Pfannkuchen, Braten, Gemüse oder Müsli!
Unsere Stimmung ist gut und ich genieße den Tag.
30. Juli
Heute Nacht habe ich erst gegen 3 Uhr geschlafen und ich glaube der kanadische Geist ist in mich gefahren. Auf einmal merke ich die Verbindung und liebe die unendliche Freiheit dieses Landes. Ich fürchte einen erneuten Kulturschock und schaue mich nach tiny Häusern um. Aber jetzt erstmal genießen!
Morgens bin ich sehr gut drauf, aber im Lauf des Tages kippt meine Stimmung; keine Ahnung wieso – möglicherweise, weil ich immer alleine arbeite und es nicht soo zufriedenstellend ist, die Maschine zu putzen (mit Mikrofasertüchern!). Außerdem ist es etwas langweilig hier, mittlerweile. Und die Abhängigkeit nervt mich: ich kann weder alleine einkaufen, noch ins Dorf fahren, geschweige denn in eine andere Stadt. Das setzt mich unter Daueranspannung, weil ich auf das Wohlwollen der anderen angewiesen bin. Und meine Milch ist schlecht geworden- dh. einer meiner wenigen Luxusartikel, mit dem ich mir was gönnen kann, fällt weg! Zum KOTZEN.
Immerhin krieg ich heute einen großen Batzen abgearbeitet.
Gegen 14h fängt es mega an zu regnen, sodass wir alle erstmal in unsere camps fahren. Gegen 18.30h lässt es soweit nach, dass die Jungs zu mir rüberkommen können.
Ich quatsche mit Ben darüber, dass ich im Wald Angst hab. Er stimmt zu, aber er habe vor Tieren Angst. Ich sage: „Die Tiere machen mir weniger Sorgen, eher Menschen. Er denkt kurz drüber nach und sagt "Ich mach mir grundsätzlich keine Gedanken darüber, dass mich jemand angreifen könnte" - krass!! Männer haben es so gut, in der Hinsicht! Ich hab diesen Gedanken ständig im Kopf, scanne regelmäßig meine Umwelt, ob jemand Verdächtiges da ist. Das passiert fast automatisch. Aber es schränkt v.a. beim Reisen auch stark ein: bestimmte Gelegenheiten lasse ich ziehen, bestimmte Gegenden besuche ich nicht alleine und ich stelle immer sicher -soweit möglich-, dass ich schnell aus der Situation fliehen könnte.
Wir essen zusammen, hören Seeed und quatschen über allen möglichen Unsinn. Und ich schlafe das erste Mal einfach durch :-)
31. Juli
Morgens finde ich Mäusekacke in meiner Küche - ultra widerlich. Sie ist überall rumgelaufen und sogar in die Spüle geklettert. Ihgitt! Und ich hab hier keinerlei Ersatzlappen, womit ich das ordentlich saubermachen könnte. Also versuche ich es mit Essig und gekochtem Wasser. Trotzdem ekelhaft!
Vor der Arbeit schreibe ich einige workaways an, denn am 2. August will ich weiterziehen oder mit Ben, Leander und Mike auf einen camping trip fahren. Bezüglich der workaways fühle ich mich mal wieder etwas lost: es gibt so viele Möglichkeiten und ich habe irgendwie Angst, eine falsche Wahl zu treffen.
Einen workaway-host hab ich seit gestern schon an der Angel, aber er hat eine seltsame Art zu kommunizieren, sodass ich nicht so überzeugt bin. Dann antwortet mir ein anderer host und auf einmal habe ich gute Laune. Auch sie kommuniziert etwas seltsam (sehr effizient im Vergleich zu vielen Kanadiern), aber irgendwie ist mein Bauchgefühl super. Sie erwähnt, dass sie ein Fahrrad hat und ich bin Feuer und Flamme.
Dann fahre ich zur Arbeit, putze und poliere die letzten Teile des evaporators und höre mir währendessen einen Podcast über das SIlmarillion von Tolkien an.
Wie immer habe ich recht früh Feierabend, singe bis meine Stimme weh tut (ups). Kurze Zeit später kommt Mike vorbei und zeigt mir Brombeerbüsche auf dem höchsten Punkt seines Grundstücks - super lieb! Außerdem besprechen wir, wo und wann er mich für das nächste workaway absetzen kann. Der camping trip is nich mehr drin -obwohl das übertrieben genial mit ihnen wäre-, aber ich hab SOWAS von die Schnauze voll von camping. Ich will eine Dusche. Und eine Toilette. Und fließend Wasser. Und trinkbaren Kaffee. Und saubere Lappen und Handtücher... keine Moskitos. Jap – ‘ne Menge, auf die ich mich freue!
1. August
Heute ist der letzte richtige Tag im Wald. Ich liebe den Wald, die Ruhe, die Einsamkeit.
Ich putze noch den evaporator, dann stellen die Jungs bzw. Männer ihn mit Hilfe des Baggers in das halbfertige Haus. Obwohl es eigentlich keinen Sinn ergibt, ihn da jetzt schon reinzustellen – aber Mike will das unbedingt. Ich glaube, teilweise, damit ich einen Abschluss für meine Arbeit habe. Mega lieb!
Mike, Ben und Leander packen heute Mikes Jeep für die Fahrt morgen. Sie werden mit zwei Kanus weiter nördlich zu einem See fahren und dort eine 2-tägige Kanutour machen. Ich fahre nach Süden zu meinem nächsten workaway.
Da sie ins Dorf fahren, kann ich mitkommen und in Mikes Wohnung duschen. WOOOOOW! …leider ist seine Wohnung nicht die sauberste – aber immerhin kann ich mich das erste Mal so richtig in Ruhe und ausgiebig waschen. Hammer!
Gegen 20 Uhr fahren Leander, Ben und ich mit zwei Quads zurück zu ihrem Camp, um dort zusammen Abend zu essen. Wir hören in der Nähe ein großes Tier und Ben und Leander haben Angst. Ich seltsamerweise nicht – vielleicht, weil sie da sind? Sie erzählen mir, dass sie am Vortag einen kleinen Bären in ihrem camp gesehen haben! Am hellichten Tag. Super krass.
Heute muss ich alleine mit dem Quad durch den Wald fahren. Ich hab ein bisschen Angst davor, vor allem, weil hier offensichtlich ein größeres Tier unterwegs ist. Aber als ich auf dem Quad sitze und mit hellem Licht, extrem lautem Motor und mit ein bisschen Spaß durch den nächtlichen Wald rausche, ist alles gut.
Auch als ich zurück an meinem camp bin, habe ich das allererste Mal seit meiner Ankunft keine Angst. Ich bewege mich frei in der Dunkelheit, putze angstfrei meine Zähne, packe in Ruhe meine Sachen und bin sehr entspannt. Vielleicht weil das Quad da ist und ich jederzeit fliehen könnte?
Ich singe ein letztes Mal lautstark -denn hier hört mich kein Schwein- und genieße danach die tolle Ruhe im Wäldchen. Morgen muss ich um 6.30h aufstehen!
2. August
Heute arbeiten wir wieder zu viert beim Sommerhaus der kanadischen Sängerin. Serena wird auch da sein und ich bin aufgeregt, weil sie ein kleiner Star in Kanada ist und mir ihre Musik gefällt. Und ich mache ihren Garten :-D
Ich finde den Gedanken interessant, dass wir uns gegenseitig Dinge ermöglichen: sie singt und verdient damit Geld, will einen schönen Garten, gibt Geld an Mike, der damit sein Land und Leben finanziert, der damit workawayers bezahlen kann, die damit wiederum ihre Reise bezahlen können.
Serena ist sehr nett und super cool drauf. Und ihr Haus ist von innen unglaublich gemütlich und schön - am liebsten würde ich direkt einziehen. Und ich hätte sehr gerne Fotos gemacht, aber das wäre unhöflich gewesen.
Wir arbeiten 4h recht hart und ich bin richtig froh, dass ich studiert hab und nicht auf einen handwerklichen Job angewiesen bin. Spaß macht es trotzdem (meistens) und ich mag körperliche Arbeit; das gleicht so schön aus.
Nach der Arbeit packen wir die restlichen Sachen noch in den Reisejeep. Mit zwei Kanus auf dem Dach und einem zum Bersten vollgepackten Auto fahren wir nach Parry Sound (1,5h Fahrt) zu meinem Bus. Im McDonald's (Alternativen für Kaffee wären Starbucks oder Tim Horton - es gibt nicht EIN kleines Café hier!!!!!!) bestellen wir uns alle den ersten Kaffee des Tages und ich bin irgendwie richtig stolz, mit drei so coolen Typen unterwegs zu sein. Im Wald interessiert das ja keinen, aber hier schon :-D Ich sehe dazwischen wahrscheinlich lustig aus, weil sie alle drei sehr kräftig und groß sind (1,80-1,95m).
Sie bringen mich zur Bushaltestelle und ich verabschiede ich mich von allen mit einer Umarmung. Ben sagt noch „Meld‘ dich, wenn du dich einsam fühlst!“ – super lieb! Ich hab ihm erzählt, dass ich Sorgen habe, das nächste workaway könnte etwas langweilig oder einsam werden.
Zum Schluss noch ein Zitat von Mike: "Mach dein Hobby zum Beruf. Dann kannst du alles was mit deinem Hobby zu tun hat, steuerlich absetzen." - der alte Sparfuchs. Aber hat ja noch viele andere Vorteile.
Ich fahre also mit dem Bus nach Guelph, eine Hippie-Stadt, und werde bei einer älteren Frau wohnen (ca. 60?!).
Irgendwie sind Buse für mich wie ein mental retreat - ich kann gut nachdenken und sortieren. Ich träume viel über meine Zukunft und komme dann gegen 22h endlich in Guelph an.
…to be continued!Weiterlesen












ReisenderHehe danke! :D
Schön, wie du schlußendlich den Dreh gefunden hast, die letzten Tage mit den ' 3 so coolen Typen' und dem ganzen anderen Rest, zu genießen! Und wenn das Essen in Kanada eher "bescheiden" ;-) ist, so kann das Gefühl von mehr Freiheit/Freiraum (was das Land wohl ausstrahlt und gibt) eine gute, andere Art von Nahrung sein! [HelgaMama]
Reisender<3