#31 - This is a Woman's World
Aug 2–8, 2024 in Canada ⋅ ☁️ 26 °C
2. August
Heather, mein neuer Host für die nächsten 10 Tage, wird nicht zu Hause sein, wenn ich an ihrem Haus ankomme. Krasses Vertrauen, was sich da in mich setzt. Ich fühle mich geehrt und bin sprachlos darüber. Sie und eine Freundin werden ungefähr zwei Stunden nach meiner Ankunft ankommen. Ich könne mir Essen aus dem Kühlschrank nehmen. Außerdem sei der Hund ihres Sohnes zu Hause; ich solle ihr ein Leckerli geben, ihren Namen sagen und sie nach ihrem Spielzeug schicken. Ohjeeee – auf einen halb-aggressiven Hund hab ich nach dem ganzen Abenteuer so gar keine Lust!
Schon als ich in Guelph aussteige, mag ich das Städtchen. Ich muss über den Uni-Campus laufen, es ist dunkel, aber ich fühle mich sicher. Die Zielstraße ist eine entspannte und schöne Wohngegend mit vielen Einfamilienhäusern. Am Haus angekommen, muss ich einen Code eingeben und kann eintreten. Ich mache mich auf alles gefasst, was die tierische Begrüßung angeht.
Und da steht der braune große Labrador, schwanzwedelnd, mit ihrem Spielzeug in der Schnauze und freut sich enorm, mich zu sehen. Ich verliebe mich sofort in sie und freue mich mega über die schöne Begrüßung :-) …dann fällt mein Blick auf das Klavier, dass man direkt vom Eingang aus im Wohnzimmer sieht. Oh-mein-Gott! Ein Fahrrad, ein lieber Hund, ein schönes Haus UND ein Klavier. Beste Entscheidung, hierher zu kommen!
Es fühlt sich surreal an, in diesem schönen, aufgeräumten und sicheren Haus zu sein – nach all der Aufregung und dem Dreck im Wald! Stell dir vor du wärst den ganzen Tag draußen Holz hacken gewesen, im Winter und es hätte geschneit. Du hast alles aufeinander gestapelt und über deine Grenzen hinaus geschuftet. Ein wahnsinnig anstrengender Tag. Dann kommst du nach Hause und dein:e Partner:in nimmt dich liebevoll in Empfang, gibt dir eine heiße Schokolade in die Hand und du wickelst dich vor dem Kamin in eine warme Decke. Während du dort sitzt und dich endlich aufwärmst, riechst du das leckere Abendessen, dass sie oder er gerade zubereitet. So fühlte es sich an. Ruhig und warm und wundervoll!
Gegen 0 Uhr kommen Heather und ihre Freundin Jan (gesprochen „Tschän“) vom Theater. Heather ist eine 1,60m große Frau Mitte 60, mit roten langen Haaren und mit sehr, sehr viel Energie! Ich quatsche noch kurz mit Jan, die mit einem deutschen Mann verheiratet war, und falle dann tot und zufrieden in mein weiches Queen Size Bett. Jan wohnt in Calgary (Westkanada) und ist für ein paar Tage zu Besuch bei Heather.
3. August
Heather und Jan fahren heute zu Heathers cottage, ungefähr drei Stunden weiter nördlich an einen schönen See. Heather besitzt dort ein cottage (Sommerhaus) und sie verbringen dort ein paar entspannte Tage. Heather erklärt mir in Windeseile alle Aufgaben, zeigt mir wo alles ist, wie ich mit Bailey Gassi gehen kann - und dann sind die beiden auch schon weg.
Die nächsten drei Tage werde ich das Haus für mich haben. Und es fühlt sich an wie der Himmel: in Sicherheit, bei einer Frau, Privatsphäre, eine Toilette direkt um die Ecke (und nicht draußen im Dunkeln im Wald)! Wahnsinn!
Ich gehe eine Stunde mit Bailey in die Stadt spazieren, um die Gegend etwas zu erkunden. Anfangs führt sie mich Gassi, aber irgendwann hab ich den Dreh raus. Und Bailey ist ein unglaublich toller Hund! Sie hört super und ist total entspannt. Ein lässiger Kanadier ruft mir zu "nice pup!" - "Thanks! Not mine though..." - "You should steal her" - wäre cool! :-D ...was Nuri wohl dazu sagen würde?!
Dann fahre ich nach Hause, mit dem Rad wieder in die Stadt zum Einkaufen und Cappuccino trinken. Und zwar nicht von McDonald's, sondern von einer lokalen Rösterei! Ich sag nur: Himmel!
Dann gehe ich im Reformhaus einkaufen (wo man dieselben Produkte wie im normalen Laden kaufen kann -wirklich dieselben!- nur teurer… kein Kommentar). Abends holt Heathers Sohn Bailey ab. Zum Abendessen esse ich Apfelpfannkuchen mit Ahornsirup und genieße mein Leben.
4. August
Heute ist der erste ganze Tag alleine! Ich fühle mich, als wäre ich zu Hause. Ich koche, habe Sachen zu tun, kann Klavier spielen - fehlt nicht viel! Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ich gerade in Kanada bin!
Ich erledige einige ihrer aufgetragenen Aufgaben, denn das ist der Deal bei workaways: Arbeiten für Kost und Logi. Heute räume ich Schränke auf. Abends mache ich mir Kartoffeln mit Sauce hollandaise (die Eier sind hier allerdings ganz komisch wässrig) und Pilzen. Nebenbei erledige ich Haushaltskram.
5. August
Heute zupfe ich Unkraut für vier oder fünf Stunden und höre dabei wieder den Podcast zum Silmarillion. Sowas von entspannend!
Und mir fällt auf, dass Mülltüten parfümiert sind. Im Laufe meines Aufenthalts in Kanada habe ich von vielen Leuten mit einer Parfümallergie gehört. Gibt es da einen Zusammenhang!? Manche Dinge hier finde ich extrem unpraktisch, seltsam oder unlogisch. Parfümierte Mülltüten, die Mechanismen wie man Fenster öffnet oder dass man bei Waschmaschinen nur auswählen kann zwischen kalt, warm, sehr warm und heiß (ohne Temperaturangaben). Ich frage mich, wie andere Kulturen Deutschland sehen, was sowas angeht.
Als ich hochentspannt auf der Couch sitze, einen Film schaue und esse, geht auf einmal ein Alarm für eine vermisste Person lost – auf mein Handy und den TV. Ich dachte, es fliegt gleich was in die Luft, so alarmierend war das! Interessant.
Abends plane ich den Rest der Reise in Europa und schaue u.a. nach Zügen nach Aachen. Die Vorstellung, wieder lange an einem Ort zu sein, fühlt sich an wie ein Gefängnis. Auf der Veranda beschließe ich, die letzten 3 Wochen noch besonders zu genießen. Alles Endliche hat ein großes Genusspotential inne.
Bei der letzten Reise konnte ich es gar nicht erwarten endlich anzukommen - jetzt kann ich den Gedanken nicht ertragen, zurückzukommen.
6. August
Heather und ihre Freundin kommen heute zurück. Ich verbringe einige Stunden in der Guelpher Innenstadt in einem Café, denn es ist sehr regnerisch heute. Abends essen wir bestelltes indisches Essen und quatschen ein bisschen. Dann gehen wir alle ins Bett.
7. August
Jan ist heute zurückgeflogen, sodass Heather und ich jetzt zu zweit sind. Sie bittet mich, kurz etwas im Baumarkt zu kaufen. „Du kannst das Auto oder das Fahrrad nehmen!” “Ok, ich nehm das Fahrrad, sind ja nur 10 Minuten” . Ungefähr zehn Minuten später ist der Handwerker da und wir brauchen die Sachen dringend vom Baumarkt und sie ruft mir nur zu „I’m glad you’re taking the car!“ – die Kommunikation hier ist so anders. In Deutschland hätte sie mir das erklärt und sowas gesagt wie „Der Handwerker is da und wir brauchen die Sachen dringend. Mir wäre es lieber, wenn du schnell das Auto nimmst.“
Sau cool – ich darf ihren Jeep fahren. Einen Jeep will ich seit Jahren mal fahren.
Ansonsten passiert nicht viel. Heather ist eine extrem gesprächige Frau, mit sehr vielen Geschichten. Will heißen: sie redet sehr viel, hört manchmal gut zu, aber meistens redet sie. Vor 10 Jahren ist ihre 30-jährige Ehe in die Brüche gegangen. Sie haben drei erwachsene Kinder und ein paar Enkelkinder. Nach der Scheidung hat Heather angefangen, zu reisen. Sie hat workaways gemacht, in Italien und Thailand Englisch unterrichtet und ein Schweigegelübde in einem Tempel für 10 Tage abgelegt. Und sie ist aktiv im Dating-Business unterwegs und hat exakt dieselben Themen, Gedanken und Probleme, die alle datenden Menschen haben.
Abends stelle ich fest, dass ich meine Brille verloren habe und bin extrem traurig. Heather hilft mir suchen, wir stellen alles auf den Kopf, aber sie ist nicht auffindbar. „Ruf morgen mal in den Cafés an, wo du gestern warst!“ Ich bin extrem geknickt und morgen fahren wir zusammen zum cottage.
8. August
Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen, weil ich sogar im Traum überlegt habe wo meine Brille ist. Alles ist so viel intensiver auf Reisen!
Heute fahren wir zum Cottage und ich hab extrem schlechte Laune. Heather redet so viel und ich frage mich, wie ich das die nächsten fünf Tage noch aushalten soll.
Bevor wir Guelph verlassen, holen wir mir noch einen Kaffee in meinem Lieblingscafé damit ich etwas bessere Laune kriege. Es hilft ein bisschen und ich finde es sehr lieb von ihr.
Abends koche ich italienische Pasta und deutsche Apfelpfannkuchen während Heather das Lagerfeuer anzündet. Das Essen gelingt gut, wir trinken ein bisschen Wein und haben ein langes Gespräch am Feuer über Partnerschaften, Abenteuer, Reisen und das Leben. Und dieses Mal rede ich auch etwas mehr. Außerdem verbrenne ich die Namen von ein paar Leuten, die in Italien aufgeschrieben – und jetzt ist der richtige Moment dafür.
Das war ein sehr schöner Abend. Vielleicht wird es mit ihr doch besser als gedacht :-) So weit weg von zu Hause fühle ich mich sehr zu Hause. Und das cottage ist ABSOLUT traumhaft! Wir sind weit außerhalb, ungefähr 20 Minuten Autofahrt vom nächsten Städtchen, mit ungefähr 20 Nachbarn und DIREKT an einem See mit glasklarem Wasser. Gegenüber ist ein Indianderreservat, was mich traurig stimmt. Die reichen Leute klauen das Land, bauen sich fette Sommerhäuser auf das Land und die ursprünglichen Bewohner hausen in Reservaten, wo sie „zivilisiert“ werden. Uff!
Schön finde ich allerdings, dass wir uns im Hope Bay befinden und das Wasser als heilend angesehen wurden. Viele alte und kranke Menschen der First Nations (so heißen die Indianer von Kanada) kamen hier hin, um wieder gesund zu werden.
Um 19.30h fahren wir 15 Minuten zu einem Park, um ein kostenfreies Symphoniekonzert unter freiem Himmel zu hören. Es ist ein kleines Orchester, aber wunderschön. Alle sitzen auf ihren Campingstühlen. Neben dem Publikum sind ein paar Teleskope aufgestellt, damit man sich nach Belieben vor oder nach dem Konzert die Sterne und den Mond anschauen kann. Mega schön!Read more









