• #32 - inhale, relax, exhale

    Aug 9–13, 2024 in Canada ⋅ ☀️ 23 °C

    9. August
    Nicht mal eine Woche bis ich in Europa bin! Absolut seltsam, ich fühle mich hier immer besser und vertrauter (bis auf das Essen: nicht-bio, viel Fertigkram und ungesund).

    Im Sommerhaus erledigen wir heute die Aufgabe, die Heather seit einiger Zeit auf den Schultern lastet und weswegen sie mich als workaway geholt hat: Wir schleifen, baizen und lackieren ca. die Hälfte der Fensterrahmen. Für das schleifen und baizen brauchen wir ungefähr vier Stunden, also voll im Rahmen. Sie kümmert sich zwischendurch um den kaputten Jetski und kommt auf einmal ins Haus gestürmt: „Hör sofort auf, mit allem was du gerade tust! Es is was Schlimmes passiert!“ Ich lege alles hin und bin alarmiert! „Was ist los?“ – „Ich weiß jetzt, was mit dem Jetski passiert ist! Ich habe ausversehen Benzin in den Öltank gekippt! Oh neeeein! Er ist jetzt bestimmt kaputt!“ Ich versuche sie zu beruhigen und helfe ihr, den Jetski mit einem Nachbarn auf den Anhänger zu hieven. Innerlich hab ich mega Mitleid mit ihr, weil sie sie schlimme Vorwürfe macht und gleichzeitig muss ich so schmunzeln, weil mir genau sowas auch passieren könnte. Zum Glück ist nicht tatsächlich was Schlimmes passiert!

    Nachdem der Jetski erstmal beim Mechaniker-Doktor ist, entspannen wir ein bisschen am hauseigenen Strand in den Liegestühlen und ich fühle mich total elitär. Und das Wasser ist wahnsinnig schön, diese Klarheit! Heather ist fast konstant am Handy. Sie kennt das alles hier schon und ist eine tolle Netzwerkerin – ständig im Kontakt mit zig Leuten und deshalb mit dem Kopf überall Ich sage ihr, dass vielleicht deswegen das mit dem Jetski passiert ist.
    Abends spielt eine Band im nahegelegenen Örtchen namens Lion’s Head (20 Minuten Fahrt). Heather will etwas runterfahren (hat sie meinen Rat angenommen?), weswegen ich mit einer ihrer Nachbarn und Freundinnen namens Elaine nach Lion’s Head fahre. Elaine ist 79 und wohnt alleine in einem Häuschen direkt am Wasser. Krass!
    Der Musikabend in Lion’s Head ist sehr schön: alle sitzen wieder in ihren Campingstühlen, wir schauen auf die kleine Bühne, im Hintergrund ist durch die Bäume leicht der Yachthafen zu sehen. Die Gegend hier nutzen viele Leute aus Toronto, um sich vom aufregenden Stadtleben zu beruhigen. Es spielen drei lokale Bands, fast alle Songs sind im Country-Stil und sie haben alle einen absolut großartigen Humor. Je weiter die Sonne untergeht, desto kälter wird es und ich friere richtig – aber da kommt die kanadische Wärme ins Spiel: meine vollkommen unbekannte Nebensitzerin gibt mir ihre Jacke. Mega lieb!
    Elaine fährt mich nach dem Konzert noch zum Leuchtturm von Lion’s Head, wo ich wunderschöne Fotos mache. Dann setzt sie mich bei Heather ab. Ich freue mich, wieder bei Heather zu sein. Ich mag sie so gerne und fühle mich sehr wohl bei ihr.

    10. August
    Heute finalisieren wir die Fensterrahmen und Heather ist super happy. Währenddessen erzählt sie mir viel von ihrer Herkunft: sie kommt aus Cape Breton (Neufundland, Ostkanada) aus einem kleinen Dörfchen. Ihr Vater war Kohlearbeiter, ihre Mutter weiß ich leider nicht und beide Eltern sind gestorben bevor sie 20 bzw. 30 Jahre alt war. Ihre Schwester und ihr Bruder wohnen mittlerweile in Neufundland und sie besucht sie alle paar Monate.
    Abends treffen wir uns mit vier Nachbarinnen bei Elaine zum Essen: ich bin mit Abstand die Jüngste. Mit von der Partie sind Lyn und Heather (Mitte 60), Elaine (79) und Ula (57), eine deutsche Psychotherapeutin aus Stuttgart, die seit 26 Jahren in Kanada wohnt. Anfangs spricht Ula immer wieder Deutsch mit mir, was ich extrem unangenehm finde, weil die anderen es nicht verstehen und dadurch direkt ausgeschlossen werden. Lyn versteht und spricht zwar sehr gutes Deutsch, weil ihre Eltern Deutsche waren, aber die anderen verstehen es nicht.
    Es ist schön, von diesen reifen Frauen umgeben zu sein. Alle sind single, stemmen ihren Alltag alleine, besitzen Häuser und sind teilweise berufstätig oder anderweitig viel beschäftigt. Tolle Vorbilder! Ich sauge die weibliche Energie ein und fühle mich pudelwohl.
    Während der Rückfahrt fällt mir auf, dass meine Nägel endlich wieder richtig sauber sind. Nach über 7 Tagen nach meiner Wald-Zeit (das letzte workaway) bin ich endlich wieder komplett sauber. Wahnsinn!

    11. August
    Morgens stehe ich extra früh auf (gegen 7.30h), weil ich noch im klaren Heilwasser schwimmen will. Heute fahren wir zurück, daher bleibt nicht viel Zeit. Heather ist wie immer sehr früh wach (gegen 5.30h) und wirbelt schonmal im Haus herum.

    Auf der Rückfahrt sehen wir ein paar Amish an der Straße entlanglaufen, in ihren altertümlichen Gewändern. Heather erzählt mir, dass hier in der Gegend viele von ihnen leben. Ich finde die ursprüngliche Lebensweise sehr spannend, aber das was die Amish daraus machen sehr seltsam.
    Außerdem sehen wir einige Städtenamen wie Hanover, Carlsruhe, Florence, Rome, Neustadt – können sie sich keine eigenen Ortsnamen ausdenken? Schon klar, europäische Auswanderer haben die wahrscheinlich so benannt, aber ich find das irgendwie lächerlich.
    Zurück in Guelph beim Abendessen erzählt mir Heather von einer guten Freundin und einer Nachbarin, die vor 12 Jahren gestorben ist: Irene. Irenes Mann starb, als sie 70 war und sie startete eine Weltreise. Mit 70! Irene fragte den Angestellten vom Reisebüro, ab wann man keine Tickets mehr für ihre Reise buchen könnte. Erst dann erzählte sie ihren Freunden davon – damit ja keiner auf die Idee käme, sie zu begleiten! Wow… wie mutig und inspirierend!

    12. August
    Heute ist mein letzter Tag bei Heather! Für mich eine komische Transition und ich habe etwas Angst vor dem Abschied – und davor, ob wieder eine komische Überraschung oder ein Drama passieren könnte, wie beim ersten workaway.
    Ab 11 Uhr wird Heathers kleiner Enkel James mit dem Hund Bailey vorbeigebracht. Wir sollen den 9-Monate alten James babysitten während die Eltern im Spa entspannen. Ich freue mich über die junge Ablenkung und auch, den lieben Hund Bailey nochmal zu sehen.
    Die Eltern Jim und Meghan kommen gegen 16 Uhr vorbei und wir unterhalten uns ein bisschen auf der Terrasse. Sie sind sehr nett und ich freue mich, zumindest ein Kind von Heather kennen gelernt zu haben.
    Abends essen Heather und ich selbstgemachte Pizza und jeder zwei Maiskolben. Yummy! Danach schauen wir einen sehr dramatischen, brutalen aber gut gemachten Film über zwei starke Frauen. Heather hat den Film ausgesucht und steht bei den brutalen Szenen auf, läuft im Raum umher und ächzt über die Gräuel. Und sie fragt mich, wann es vorbei ist. Ich spähe durch meine Finger, um es auch nicht sehen zu müssen. Ich muss furchtbar lachen, weil zwei erwachsene Frauen so aufgebracht über die Szenen sind und jede ihre eigenen Copingmechanismen hat. Und es so lustig ist, wie sie damit umgeht. Hihi. Zum Glück kann ich später trotzdem gut schlafen.

    13. August
    Zum Glück ist kein Drama passiert und Heather und ich haben uns herzlich verabschiedet. Mega! Als ich am Bahnhof auf den Zug warte, denke ich: Ich glaube ich habe Kanada jetzt (einigermaßen) verstanden und greifen können. Ich habe die Schönheit und die Nachteile des Landes gesehen und ich bin sehr gespannt, wie Kanada sich entwickeln wird!
    Dann steige ich in den Zug nach Toronto. Gerade mal vier Waggons warden gezogen und der Zug ist rappelvoll – ich frage mich, warum nicht mehr Waggons angehängt werden. Und es gibt eine Art Stewardess, fühlt sich fast wie im Flieger an!

    Auf der Fahrt denke ich mal wieder nach und mir kommt der folgende Gedanke: Being a visitor makes you more aware of the differences between your and the other culture. Hosting someone from another culture, makes you more aware of the similarities.
    Dann: Toronto!
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