• #33 - Toronto

    Aug 13–15, 2024 in Canada ⋅ ☀️ 26 °C

    13. August
    Die Zugfahrt vergeht schnell und ich stapfe durch die Hitze in Toronto mit meinem riesigen Backpack durch die Stadt zu meiner Unterkunft. Irgendwann wird's mir zu doof und ich nehme doch den Bus (...die Reise hat mich wohl verändert).

    Im Hostel werde ich von einem Algerier begrüßt, der sehr gutes Englisch spricht. Wir verstehen uns auf Anhieb. Leider ist das Zimmer, bzw. vielmehr die Badsituation, echt mies. Ich bin in einem 6er Dorm, wo nur eine andere Frau schläft. Das Bad ist Dusche und Toilette in einem, mit einer durchsichtigen Trennwand + Vorhang. Und es stinkt furchtbar nach Urin. Ihgitt!
    Aber was soll's - ich bin ja nicht zum Rumgammeln hier!

    Erste Amtstat: Essen suchen. Und zwar was Leckeres. Also wird's ne kleine Pizzeria, die KEINE Kette ist!
    Nach 1km laufen, komme ich an. Ich glaube, es sind "echte" Italiener, die den Laden betreiben. Es riecht sehr lecker und ich bestelle eine Pizza. "Bist du dir sicher, dass du die mittelgroße haben möchtest? Sie ist sehr groß!" -"Ja, ich hab viel Hunger!" - und schwupps, ist die Pizza bis auf zwei Stücke leer. War wirklich viel, aber jetzt bin ich wenigstens satt.
    Mit mir in der Pizzeria sitzt ein älterer Herr, der -vermute ich- etwas verwirrt ist. Wir haben eine kurze Konversation, in der er mir erklärt, dass er seit den 70ern in Toronto ist und ursprünglich aus Amerika kommt. Eine Mitarbeiterin sagt ihm immer wieder, dass seine Pizza gleich fertig sei. Obwohl er deutlich vor mir da war, ist meine Pizza früher fertig. Er quatscht immer wieder mit dem Pizzabäcker, der ihm geduldig zuhört und auf eine fürsorgliche Art antwortet, als würden sie sich schon lange kennen. Ich vermute, dass der Herr öfter herkommt, Pizza bestellt und die Besitzer ihm keine machen - warum auch immer. Als würden sie ihn vor/in seiner Verwirrtheit schützen. Irgendwann wird der alte Herr abgeholt - tatsächlich ohne Pizza bekommen zu haben. Mich rührt die ganze Situation sehr. Ich finde es auf Reisen immer besonders schön, in Gesellschaft -und sei es nur als Beisitzerin in einem Imbiss- von lieben Menschen zu sein. Das erschafft eine Wärme, die in der Unsicherheit des Alleinreisens sehr wertvoll ist.

    In vielerlei Hinsicht gesättigt, mache ich mich auf den Weg zu meinem obligatorischen Stadtkaffee, mache kurz Halt in einem Park und begegne einem tollen Musiker, dessen CD ich kaufe. Seine Musik hat mich sehr berührt und der Kauf der CD fühlt sich an wie eine der besten Investitionen der Reise.

    Als ich im Café sitze, kommen und gehen alle möglichen Menschen der unterschiedlichsten Ethnien. In Deutschland wären 80% weiß/kaukasisch - hier sind es eher 80% andere Ethnien und sehr viele offensichtlich queere Menschen. Die Schönheit von allen Kulturen und Orientierungen ist hier sicht- und spürbar. Wie eine frische Brise - die Atmosphäre fühlt sich sehr bereichernd an und ich genieße die "Show".

    Abends im Bett gehen ständig die Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Die ganze Nacht. Ich hatte vergessen, wie laut Städte sind.

    14. August
    Heute will ich zu einem Laden, der Sachen von Leuten der First Nations verkauft. Ich möchte unbedingt Mokkasins kaufen, aber das scheint in Toronto sehr schwierig zu sein. Online habe ich eine Stunde suchen müssen, um diesen Shop zu finden.

    Ich hab heute schlechte Laune: es ist mir deutlich zu viel Stadt, zu wenige bekannte/vertraute Menschen (nämlich: gar keine) und es ist alles soooo weit voneinander entfernt! Und irgendwie gehen ständig Sachen schief, die mir noch mehr die Laune vermiesen. Ist echt erstaunlich, wie wunderbar sich das immer potenziert, wenn man einmal schlecht drauf ist...

    Abends treffe ich Mike, einen Kanadier, den ich online getroffen habe. Ich bin etwas aufgeregt, ihn persönlich zu treffen - wer weiß, ob er nett ist oder meine Situation als Alleinreisende ausnutzt?
    Tatsächlich ist Mike sehr nett, zeigt mir einige Straßen und Gegenden von Toronto. Unter anderem einen Laden, wo magic mushrooms verkauft werden: diese Läden sind eigentlich illegal, aber die lokale Polizei tolerieren die Läden. Nachdem ich ihn besser kennen gelernt hab, stimme ich zu, dass wir mit seinem Auto in die Hafengegend fahren - vorher war mir das zu gefährlich. Aber Mike ist wirklich nett und erzählt mir viel von seiner ehemaligen Heimat. Er staunt ständig, weil Toronto in den letzten 6-12 Monaten extrem viele Neubauten aufgebaut oder begonnen hat und viele alte Gebäude abgerissen wurden, um dafür Platz zu machen.

    Gegen 1 Uhr bringt er mich zum Hotel, weil ich mittlerweile extrem müde bin. So viele Eindrücke und so viel Fußweg! ...und morgen fliege ich schon nach Europa...
    Wir verabschieden uns und ich bin froh, so kurz vor take-off noch jemand Netten in Toronto kennengelernt zu haben. Es tat gut, in dieser großen Stadt wenigstens eine menschliche Verbindung aufzubauen.

    15. August
    Morgens fängt der Tag nicht so toll an: Ich habe einen meiner Lieblingsohrringe aus Neuseeland verloren. Es trifft mich heftig. Aber ich beschließe, nach ihnen zu suchen und meine Laune heute nicht einbrechen zu lassen!
    Ich finde ein tolles Café, miete mir dann ein Fahrrad, um die Mokkasins im First-Nation-Laden zu kaufen (ca. 5km entfernt) und dann zu Fuß zurückzulaufen, um den Ohrring zu suchen. Ich freue mich wahnsinnig über die sonnengelben Mokkasins - aber den Ohrring finde ich leider nicht.
    In einem thailändischen Restaurant mit einer tollen Atmosphäre, gutem Essen und einer süßen Liebesgeschichte genehmige ich mir mein letztes "kanadisches" Meal. Als ich auf die Bar schaue, den Barista sehe und country-Musik höre, erkenne ich die Schönheit Kanadas. Vielleicht wird der nächste Besuch leichter!

    Auf dem Weg zum Flughafen erlebe ich noch ein fantastisches Desaster was die Öffis angeht, schwitze mir einen ab in der Hitze und mit meinem ganzen Gepäck - aber werde durch eine schöne Frau namens Timna gerettet.

    Dann geht alles ganz schnell und eh ich mich versehen kann, sitze ich im Flieger nach Europa. Um 22.35 ist take-off!

    Danke, Kanada! It was a hell of a ride, aber so lehrreich wie kein anderes Land. Ohne Plan, ohne Route, als leeres Blatt bin ich gekommen und als vollgeschriebenes Buch gehe ich.
    Vielleicht auf bald!

    (PS: Ich bin froh, dass ich dieses Essen nicht mehr ertragen muss!)
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