006 Reisebericht Canada 29.05. bis 03.06
June 8 in Canada ⋅ ☀️ 26 °C
006 Reisebericht Canada 29.05. bis 03.06.26
Die bisherige Reisestrecke beläuft sich mittlerweile schon auf 5.160 km. Unser nächster Teilabschnitt Kenora – Winnipeg Lake – Winnipeg umfasst nun zusätzliche 330 km.
Nachdem wir jetzt mehrere Tage durch Ontario gereist sind, ziehen wir nun in die Provinz Manitoba weiter. Das ist eine der drei sogenannten Prärieprovinzen. Die Landwirtschaft wird von Getreideanbau und Rapsfeldern dominiert. Die Natur ist jedoch noch nicht so weit wie in Deutschland, so dass wir vermutlich keine blühenden Rapsfelder sehen werden. Wir freuen uns auf freilebende Bisons in den Nationalparks (und auch außerhalb). Auch hier gibt es wieder viele Seen, und vermutlich auch die netten kleinen Insekten, die uns gerne heimsuchen.
Zunächst steuern wir in den “Urlaub”. Bei über 30° C, blauem Himmel und Sonne satt haben wir uns für einen Strandurlaub entschieden. Nach den teilweisen schon recht kühlen Tagen in der Vergangenheit (die Nächte waren anfangs um den Gefrierpunkt), haben wir das jetzt “verdient”. Und es sollen gleich 3 ganze Tage sein. Unser Ziel ist der Grand Beach an der Ostseite des Sees, es locken lange Sandstrände und Wanderdünen auf einem großen Campground. Und wichtig für uns: hier können wir über den Stromanschluss auch unsere Klimaanlage nutzen. Denn es ist abzusehen, dass MANí ohne Klimaanlage die reine Sauna wird. Und ab geht es in den Urlaub - trallallallala. Wir bekommen einen relativ schattigen Stellplatz zugewiesen. Sehr schön. Und werden dann begrüßt von unseren Nachbarn, 3 Familen mit 12 Kindern, und das ganze auf deutsch. Jau, so haben wir uns das vorgestellt, grummelgrummel. Unsere Vorurteile gegenüber Campgrounds: Kindergeschrei, Gestank von Grill, Lagerfeuer am liebsten 24 Stunden lang. Ja, das wird jetzt alles wieder bestätigt, zumindest teilweise.
Die Familien erweisen sich als umgänglich, haben einen interessanten Hintergrund, und die Kinder sind auf den zweiten Blick sogar liebenswert. Die Familien sind miteinander verwandt und allesamt aus Deutschland vor Jahrzehnten eingewandert. Es handelt sich um sogenannte Russland-Deutsche. Sie wohnen jetzt in Steinbach, südlich von Winnepeg, hier haben sich Ende des 19. Jahrhunderts Mennoniten, Mitglieder einer protestantischen Glaubensbewegung, die in Russland verfolgt wurden, niedergelassen. Und unsere Nachbarn gehören ebenfalls dieser Glaubensbewegung an. Es ist schon interessant, dass sich hier offensichtlich eine ganze Stadt (14.000 EW) auf dieser Grundlage entwickeln konnte. Strenge Mennoniten bewegen sich noch in Kutschen, aber so streng sind unsere Nachbarn nun wirklich nicht. Wir erfahren, dass die Kinder (zwischen 2 und 16 Jahren) allesamt noch nie eine Schule besucht haben. Gibt es so etwas?!?! Wir recherchieren: Es gibt in Kanada keine Schulpflicht, sondern lediglich eine Unterrichtspflicht. Eltern können ihre Kinder mittels Homescooling selber unterrichten; je nach Provinz müssen bestimmte Lernstandsberichte nachgewiesen werden. Diese Unterrichtspflicht gilt je nach Provinz bis zum 16. / 18. Lebensjahr des Kindes. Grundsätzlich ist es auch möglich, dass Kindern anschliessend der Zugang zu einer Universität möglich wird. Aktuell werden knapp 4% aller Kinder durch Home-Schooling unterrichtet. Ist das gut/ Ist das schlecht? Ganz so einfach ist die Frage sicher nicht zu beantworten. Zu unseren Nachbarn: Hier sehen wir einen sehr engen Zusammenhalt in der Familie, die Eltern schauen auf ihre Kinder, die großen Geschwister beschäftigen sich auch mit den jüngeren Geschwistern, Fremden gehen sie erst einmal scheu, aber doch neugierig aus dem Weg. Die 10–12-jährigen Jungs wussten nicht, dass in 2 Wochen die Fussball WM beginnt und auch in Kanada teilweise ausgetragen wird. Kaum zu glauben. So genug dazu.
Den Grand Beach haben wir natürlich ausführlich erkundet, und ja, wir waren auch schwimmen. Wobei schwimmen – nun man muss rund 100 Meter in den See hinein, um den Boden unter den Füßen zu verlieren…. Und kalt ist das Wasser trotzdem. Sobald wir den Zugang in dieses kupferfarbene Etwas gefunden haben, ist es auch wunderbar erfrischend. Nebenan treibt auch eine Gruppe von 20 Pelikanen, aber sie sind sehr scheu, leider. Näher als 50 Meter kommen wir nicht. Der Lake Winnipeg ist übrigens 45-mal so groß wie unser Bodensee. Noch ein Satz zu den Mücken: Hier auf den Campground haben sie uns jetzt auch erwischt. An einem Abend haben wir 15 – 20 ungeladene Gäste in unserem MANí gezählt, und ja sie stechen auch zu. Im Ergebnis haben uns die 3 Tage trotzdem gefallen und gutgetan.
Wir verabschieden uns vom Grand Beach und reisen 100 km weiter bis nach Winnipeg. Winnipeg hat 850.000 Einwohner und ist die Hauptstadt von der Provinz Manitoba. In der Stadt leben mehr als 50 % aller Einwohner von Manitoba. Winnipeg stellt das geographische Zentrum von Nordamerika dar. Der Name kommt aus der indigenen Cree Sprache und bedeutet „schlammiges Wasser“. Das bezieht sich wohl auf den naheliegenden Winnipeg See. Wir erfahren unterwegs, dass derzeit der „Winnipeg Pride“ stattfindet, das entspricht in etwa dem CSD, dem großen Happening der LGBTQ und anderen Communities. Während am letzten Wochenende bereits die Regenbogenfahne gehisst wurde, haben wir uns noch am Grand Beach vergnügt. Leider sind die Kernveranstaltungen (Parade, Feuerwerk, Parties, Konzerte) erst am nächsten Wochenende – das wird für uns zu knapp, wir müssen vorher weiterreisen. Termindruck von Langzeit-Reisenden; wir haben in anderen Nationalparks bereits Campgrounds gebucht. Das würde sonst nicht passen. Schade, wirklich schade. Da hätten wir gerne zugeschaut und mitgemacht. Aber am Dienstag gibt es einen 5 km Run für die Community durch die Stadt mit DJ und Partystimmung. Klingt super, das planen wir ein!!!! Auch hier einmal ein Größenverhältnis: während in Köln 2025 bei der CSD-Parade am Straßenrand mehr als 1 Mio. Zuschauer standen, waren das in Winnipeg rd. 11.000 Zuschauer.
Winnipeg hat natürlich neben der Pride Week auch andere Attraktionen. Wir besuchen den Downtown/ Exchange Distrikt. Dieser besticht mit einer besonderen Architektur. Das Viertel umfasst viele Fabrik- und Bankgebäude aus der Jahrhundertwende; man spricht von einer Backsteinarchtektur im Chicago-Stil; heute dient das Quartier oft als Filmkulisse für das historische Chicago oder New York. Charakteristisch sind sicherlich auch die Feuertreppen, die häufig an den Außenwänden der Gebäude befestigt sind. Tatsächlich haben wir das Viertel an einem Sonntag Nachmittag besucht – und es wirkte nicht wirklich einladend. Keine Menschen auf den Straßen, und die Backsteinarchitektur wirkt ein wenig bedrückend – vielleicht wie in den alten amerikanischen Krimis. Aber so haben wir uns tatsächlich die amerikanischen Großstädte in den 50er Jahren vorgestellt.
Ein Highlight ist „The Forks“. Das ist eine große, alte, sanierte Markthalle, in der geschätzt 30 verschiedene Köche ihre Speisen und Getränke anbieten, in der Mitte der Halle sind dann die Tische und Bänke aufgebaut. So kann sich jede/jeder bei einem beliebigen Stand ihr/sein Lieblingsessen aussuchen, gegessen wird dann gemeinsam. Zusätzlich befinden sich einige Shops in der Galerie und am Eingang. Gutes Konzept, sehr ansprechend präsentiert, das sehr erfolgreich angenommen wird.
Im Innenstadtbereich stoßen wir immer wieder auf Skulpturen, die sich mit der indigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Eines bleibt uns in Erinnerung, es stellt einen Bison dar, der aus Büchern gebaut ist. Titel des Werkes: “Education is the new Bison”. Früher hat der Bison das Leben der Indigenen bestimmt, der Bison war das Zentrum ihres Seins. Heute ist die Bildung der Schlüssel für das künftige Sein. Unseres Erachtens ein gelungenes Kunstwerk, der den Schlüssel für ein gesellschaftliches Problem anspricht. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass zwar der Zugang zu Bildung einerseits für alle möglich sein muss, zum anderen aber auch von den Betroffenen nachgefragt werden muss.
Unser Highlight sollte ja der 5 km Pride Run der LGBTQ und andere Community werden. Leider hat das Wetter einmal mehr nicht mitgespielt. Nach einer Tropennacht und an die 30°C bis in den Nachmittag hinein, kippte das Wetter am Spätnachmittag in Regen mit Sturmwarnung. Folge: wir nehmen nicht teil; vermutlich musste das Event auch abgesagt werden. Schade, wirklich schade.
Der Regen bleibt auch über Nacht und wir reisen weiter – westwärts!!! Hier noch eine Anekdote: vor der Abreise kaufen wir im Supermarkt ein. Beim Einräumen hält plötzlich ein Polizeiwagen vor uns. Direkt bekommst du ein schlechtes Gewissen – warum eigentlich?!? Die beiden Officer haben die Spannung jedoch direkt gelöst. Wo kommt ihr her? Was ist das für ein Auto? Es folgt ein netter kleiner Plausch über Kanada, unsere Reise und natürlich das wunderschöne Winnipeg. Wir bekommen noch ein Freundschaftsgeschenk – 2 Bleistifte der Polizei von Winnipeg zusammen mit den besten Wünschen für unser kleines Abenteuer. Na, wenn das nicht etwas Besonderes ist!
Wie geht es weiter? Mal sehen - bleibt gespannt.
Good to know:
Manitoba: Die Provinz hat 1,5 Mio. Einwohner und gehört neben Saskatchewan und Neufundland zu den am schwächsten besiedelten Provinzen Kanadas. Die Provinz ist flächenmäßig deutlich größer als Deutschland, hat jedoch deutlich weniger Einwohner.
Hudson’s Bay Company: 1670 wurde das kanadische Einzelhandelsunternehmen gegründet. Der englische König übertrug der Gesellschaft sämtliche Rechte an Ruperts Land. 1870 verkaufte die Gesellschaft Ruperts Land an die Dominian Canada (damaliger kanadischer Staat) für 300.000 GBP (heutiger Wert 55 Mio. €). Allerdings verblieben auch ein paar besondere Grundstücke und Immobilien im Eigentum der Gesellschaft. Das Unternehmen, das Kultstatus in Kanada hat, meldete 2025 Insolvenz an.
Ruperts Land: Das Gebiet mit einer Fläche von 4 Mio. qkm umfasste etwa 1/3 des heutigen Kanada und war damit mehr als 10-mal so groß wie die BRD. Es fungierte von 1670 -1870 als Privatkolonie der Hudson’s Bay Company.
Louis Riel: 1844 – 1885; Gründer der Provinz Manitoba; Anführer der Metis; kanadischer Politiker; Symbolfigur für Minderheitenrechte und indigenen Widerstand. 1869 boykottierte er im Namen der Indigenen den Verkauf eines Teil von Ruperts Land (es wurde eine massive Besiedlung von britischen Einwanderen befürchtet) mittels einer Rebellion und rief eine eigene Provinz Manitoba aus. Letztlich konnte er den Verkauf nicht verhindern, jedoch die Bedingungen verbessern. 1885 sollte er auch für die Indigenen der Nachbarprovinz Saskatchewan entsprechende Verhandlungen führen. Jedoch wurde die Rebellion niedergeschlagen und Riel in der Folge hingerichtet.
Bison: Die Tiere werden in Kanada auch kommerziell gezüchtet. Die Fleischqualität ist immer bestes Bio-Fleisch. Relation Bestand Rinder: Bison in Kanada = 11 Mio.: 150.000 Tieren.Read more






TravelerDass es Familien gibt, die so wenig mit der „Außenwelt“ zu tun haben… sehr interessanter Blog 🥰