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  • Day15

    Potosi - Minentour

    July 23, 2019 in Bolivia ⋅ ⛅ 1 °C

    Gestern habe ich mit Big Deal Tour einen Ausflug zu den Minen in Potosi gebucht. Nachdem ich einiges über die Minen, die Sicherheitsvorkehrungen darin (es gibt keine) und die Bedingungen, in denen heute noch darin gearbeitet wird, gelesen habe, war ich ja lange im Zwiespalt ob ich so eine Tour wagen soll oder nicht.
    Da die Silberminen aber die eigentlich Hauptsehenswürdigkeit von Potosí sind, habe ich mich doch entschlossen, diesen Schritt zu gehen, auch wenn ich den Touranbieter, bei dem ich noch eine Einverständniserklärung unterzeichnen musste, die auf die Gefahren hinweist, die beim Betreten einer Mine entstehen können, mit mulmigen Gefühl verlassen habe.

    Um 8.45 treffe ich beim Büro von Big Deal Tours ein und staune nicht schlecht, dass relativ viele Leute die Tour heute machen wollen. Irgendwie beruhigt mich die Tatsache ein wenig, dass auch so viele andere die Mine besichtigen wollen und sogar eine Familie mit Kind ist dabei.
    Wir werden in 2 Gruppen geteilt (Englisch und Spanischsprachig), unser Guide ist Wilson, ein Mineur, der immer wieder, wenn er keine Touren hat, zum Arbeiten in die Mine zurückkehren muss (er arbeitet seit seinem 9. Lebensjahr in einer der Minen). Er hat einen guten Humor und ich bin mir sicher, die Tour mit ihm wird richtig interessant!

    Um 9.00 fahren wir los Richtung Mercado de Mineros. Dieser befindet sich am Fuße des Cerro Rico, von hier ist es nicht mehr weit bis zum Bergwerk und zu den Wellblechbaracken der Bergarbeiter und der Sereñas, Frauen, meist Witwen der Bergarbeiter, die sich das Leben in der Stadt nicht leisten können und so vor den Minen leben und die Eingänge gegen Strom, Wasser und Gas Tag und Nacht bewachen, da sonst Plünderer kommen würden und Gestein aus dem Stollen rausholen würden.
    Wilson führt uns zu einem Stand, wo es Dinge zu kaufen gibt, die für jeden Minenarbeiter wichtig sind. Es gibt Getränke, Coca-Blätter, Zigaretten, Schnaps und Dynamit zu kaufen. Potosi ist der einzige Ort weltweit, wo man einfach so, völlig legal Dynamit erwerben kann (um 20 Bolivianos pro Stange inklusive Zündschnur).

    Weiters erzählt uns Wilson einiges über die Geschichte der Mine, die aktuellen Arbeitsbedingungen und welche Rituale die Mineure haben: freitags nach Arbeitsschluß z.B. trinken die Mineure 96% Zuckerrohrschnaps. Ein Liter dieses Getränks kostet weniger als ein Liter Bier und so betrinken sich die Minenarbeiter nach einer anstrengenden Arbeitswoche lieber mit Hochprozentigem als gepflegt auf ein paar Bierchen zu gehen.
    Bevor es weiter zu einer gesteinsverabeitenden Fabrik geht, bittet Wilson uns, doch noch ein Geschenk für die Mineros zu kaufen: Alkohol für die Reinigung von Wunden, Coca-Blätter um das Hungergefühl zu unterdrücken (Mineros essen kein Mittagessen) und mehr Energie zu erhalten, Getränke (diese sind für die Mineros oft zu teuer und trotz der schweißtreibenden Arbeit in der Mine haben sie oft stundenlang nichts zu trinken) oder auch etwas Dynamit für Sprengungen (da der Staat die Minen nicht mehr betreibt, sondern verschiedenste Kooperativen, muss jeder Mineur seine Arbeitsgeräte selbst kaufen und mitbringen um in der Mine arbeiten zu können).

    Ich selbst entscheide mich für zwei Sackerl Coca-Blätter um je 5 Bolivianos und eine 2 Liter Flasche Saft für 10 Bolivianos. Ein paar der Cocablätter kaue ich selbst, denn Wilson empfiehlt uns während der gesamten Tour Cocablätter in unseren Wangen zu lassen, da diese gegen die Höhenkrankheit helfen.
    Die Bergarbeiter kauen sehr viele Cocablätter, jeder hat eine "dicke" Wange, vollgestopft mit diesen Blättern. Die Cocablätter helfen allerdings nicht nur körperlich, für die Mineure ist es auch quasi eine Uhr. Cocablätter geben 4 Stunden lang Geschmack ab, schmecken sie nach nichts mehr, gönnen sich die Arbeiter nach bereits vier Stunden härterster Arbeit eine kurze Pause.

    Nach diesem kurzen Briefing geht es wieder zurück zum Bus. In der Zwischenzeit hat es begonnen zu schneien und es ist wirklich a....kalt. Da es in den Minen staubig und dreckig ist, bekommen wir alle ein "Minenarbeiteroutfit" (obwohl die Mineure selbst keine Schutzkleidung tragen) bestehend aus Overall, Gummistifel, Helm und Stirnlampe. So gekleidet geht es zur Extrahierungsanlage der Steine. Hier wird das gesamte aus der Mine geholte Gestein verarbeitet. Wilson erklärt uns, dass hier jede Menge Chemikalien zum Einsatz kommen, die benötigt werden, um die Mineralien aus dem Gestein extrahieren zu können, und wir bitte nichts anfassen sollen. Die Arbeiter hier arbeiten alle ohne Schutzkleidung, man kann sich also vorstellen wie gesund die Arbeit hier ist.
    Die Maschinen sehen alle veraltet aus, ohne jegliche Sicherheitvorkehrungen und es ist furchtbar laut! Hier mehr als 8 Stunden arbeiten zu müssen ist echt Horror!!
    Aber in Potosi, mit fast 180.000 Einwohner, gibt es kaum Jobs und so sind etwa 30% der Bevölkerung (allerdings nur Männer) auf die Arbeit in den Minen und was so dazugehört, angewiesen.
    Wilson erklärt uns die einzelnen Schritte der Gesteinsbearbeitung, zeigt uns die verschiedenen Stationen und etwa 20 Minuten später sitzen wir wieder im Bus und fahren die letzten Höhenmeter zur auf 4400 m gelegenen Mine, die der Kooperative gehört, für die auch Wilson immer noch arbeitet (und das bereits seit 21 Jahren).

    Bevor wir dann in die Mine reingehen, bekommen wir noch ein paar Sicherheitshinweise und während Wilson noch redet, kommt schon der erste Mineur mit einer mit Gestein gefüllten Scheibtruhe gebückt aus der Mine raus (die Kooperative ist ziemlich arm und kann sich daher keine Loren (= Minenwagen auf Gleisen) leisten. Die Arbeiter müssen daher alles mit einer Scheibtruhe, die gefüllt bis zu 200 kg hat, aus den Minen befördern - und das so oft wie möglich pro Tag, denn die Bergarbeiter bekommen nach brauchbarem Gestein und nicht pro Stunde bezahlt- ein Knochenjob).

    Nachdem die wichtigsten Minenregeln geklärt sind (immer zusammenbleiben, auf den Boden schauen, denn es können überall Löcher sein, die einen, sollte man hineinfallen, unsanft in ein anderes Stockwerk der Mine befördern, unter Löchern in der Decke nie stehenbleiben, es könnte Gestein runtergeschüttet werden etc.) schalten wir unsere Stirnlampe ein und treten in gebückter Haltung in eine der Silberminen Potosis ein.
    Der erste Teil ist sehr niedrig und eng, es ist bereits stockfinster, nur das Licht der Stirnlampe erhellt den Weg. Bereits nach wenigen Minuten können wir wieder aufrecht gehen und es erfolgt auch gleich der erste Stopp bei einer Art Grotte vor einem Abbild des Teufels (El Tio).

    Die spanischen Eroberer versuchten natürlich, das Christentum mit Gewalt durchzusetzen. Im Cerro Rico aber arbeiten die Mineros unter der Erde und so befinden sie sich im Reich des Teufels. Deswegen befindet sich an jedem Eingang des Berges eine Teufels-Figur, welcher Opfergaben gebracht werden können – Coca-Blätter, Zigaretten und Alkohol. Wilson zeigt uns das gesamte Ritual, El Tio zu huldigen, immerhin soll er Glück über die Arbeiter und die Mine bringen. Wilson hat eine Flasche 96% Schnapses dabei. Den ersten "Schluck" bekommt El Tio, anschließend dürfen wir alle auch probieren. Ich nehme nur ein winziges Schlückchen des nicht sehr gut schmeckenden Alkohols und kann mir gar nicht vorstellen, wie die Mineros das freiwillig jede Woche trinken können.

    Wilson hat durch seine langjährige Erfahrung wirklich viele Geschichten über die Arbeit in der Mine zu erzählen und es ist wirklich interessant seinen Ausführungen zu lauschen. Während wir hier so stehen, kommen mindestens 3 Arbeiter mit ihren gefüllten Scheibtruhen vorbei. Man sieht ihnen deutlich an, wie schwer die Scheibtruhen sind und wie unangenehm es ist, diese durch die dunklen, engen Tunnel zu schieben, größtenteils gebückt.

    Neben mir ist eine kleine Nische, wo ein Häufchen und eine Linie mit Kieselsteinchen liegen. Ich beobachte einen der Mineure, wie er ein Steinchen von dem Haufen nimmt und es an die Linie anlegt. Als ich später Wilson frage, was das bedeutet, erklärt er mir, dass die Mineure für jede Scheibtruhe, die sie nach draußen fahren, ein Kieselsteinchen in eine Linie legen um am Ende der Schicht zu wissen, wieviele Scheibtruhen sie an dem Tag geschafft haben.

    Nach einem etwas längeren Aufenthalt vor El Tio und den vielen interessanten Geschichten von Wilson, gehen wir immer weiter hinein in den Berg. Wir kommen an verschiedenste Stellen, wo wir den Arbeitern zusehen können, wie sie in der Mine Gestein abbauen. Es wird alles per Hand aus dem Berg geklopft, Maschinen gibt es kaum. Wir geben den Arbeitern unsere mitgebrachten Geschenke, über die sie sich sehr freuen. Auch können wir kurze Gespräche mit den Mineuren führen (Wilson übersetzt hierfür vom Englischen in Quechua, die Sprache, die die meisten Mineure sprechen) und erfahren von einem, dass er heute bereits seit 3 Uhr morgens in der Mine arbeitet. Von einem anderen erfahren wir, dass er gestern einige Sprengungen vorgenommen hat. Er wirkt noch sehr jung. Obwohl es offiziell nicht erlaubt ist, dass Kinder in der Mine arbeiten, sind etwa 10% aller Mineros minderjährig. Da es niemand kontrolliert, wir auch kein Geheimnis daraus gemacht!
    Die meisten der Arbeiter bekommen mit Ende 30 schwere Lungenprobleme, kein Wunder, wenn man bedenkt wie staubig es hier ist. Zuerst äußert sich das in schwerem Husten, der schon wenige Wochen später von Blutspucken begleitet wird. Die meisten Arbeiter hier drinnen werden nicht älter als 45.

    Die Arbeitsbedingungen in der Mine sind echt katastrophal, dennoch haben die Leute, die hier ihr Geld verdienen, keine andere Wahl! Das Abbild des Teufels im Eingangsbereich verwundert mich nicht mehr. Nach 8-12 Stunden Arbeit muss man sich hier tatsächlich vorkommen wie im Schlund der Hölle. Es herrschen Temperaturen von mehr als 30 °C und ich schwitze schon, wenn ich nur gebückt durch die Tunnel gehen muss. Bei 4.400 Metern Höhe und jeder Menge Staub fällt das Atmen schwer, wir haben einen Mundschutz bekommen, die Mineure tragen keinen. Zu schlecht könnten sie darunter atmen, so heißt es.

    Für mich ist es schwierig, sich in der Silbermine zu orientieren. Die Gänge scheinen sich überallhin zu verzweigen, aber Wilson kennt seine Mine in und auswendig, bei ihm fühle ich mich sehr gut aufgehoben.
    Obwohl ich vor der Tour (aufgrund des Gelesenen) mehrmals gedacht habe, dass der gesamte Berg, der innen aussehen muss wie ein schweizer Käse (nicht wenige bezeichnen die Silbermine von Potosi als das gefährlichste Bergwerk der Welt) irgendwann in sich zusammenbrechen muss, hatte ich die gesamten 2 Stunden, die wir unter Tage verbracht haben, nie ein unsicheres Gefühl. Nichtsdestotrotz war ich auch wieder froh, so beeindruckend und augenöffnend der Besuch der Mine auch war, als ich wieder durch den gleichen Tunnel, durch den wir die Mine betreten hatten, gebückt nach draußen gehen konnte und frische Luft zum Atmen hatten und Sonnenlicht auf der Haut spüren konnte. Ich war nur zwei Stunden in dieser beengten Dunkelheit, die Arbeiter verbringen etwa 70-80 Stunden wöchentlich in dieser Abgeschiedenheit (die Mineure arbeiten immer alleine, treffen sich manchmal nur, wenn sie das Gestein nach draußen befördern und sind daher über Touristen ganz froh, denn die bringen etwas Abwechslung in die monotone Arbeit im Berg).

    Abschließend stellt sich mir natürlich trotz allem die Frage wofür das Ganze?
    Einst war die Silbermine in Potosi die reichste der Welt, sie hat der Stadt Reichtum und Einfluss gebracht. Reichtum, von dem aber vor allem die spanischen Kolonialherren profitiert haben. Schätzungen zufolge soll hier zwischen 1556 und 1783 rund 45.000 Tonnen reines Silber gefördert worden sein (so viel, dass man eine Brücke von Potosi bis nach Madrid aus reinem Silber hätte bauen können) . Heute ist der Berg nicht mehr reich, denn die Vorkommen sind fast erschöpft. Es werden vorrangig Zink und Zinn gewonnen. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der größte Teil des Silbers ausgebeutet.
    Es arbeiten noch ungefähr 10.000 Männer im Cerro Rico. Männer, die sicher nicht reich sind und mit denen ich nicht tauschen möchte. Für die Bewohner ist die Mine wohl Fluch und Segen zugleich. Die Silbermine ernährt fast die gesamte Stadt und das seit rund 500 Jahren. Für viele Männer gibt es keine andere Möglichkeit, als unter flackerndem Licht in der Mine den Lebensunterhalt zu verdienen.

    Wer Potosí besucht, der sollte sich definitiv auch die Silbermine anschauen. Für mich war der Besuch der Mine ein interessantes und zugleich sehr bedrückendes Erlebnis.
    Man erhält einen Eindruck vom Bergwerk, erfährt sehr viel über die regionale Geschichte von Potosi. Außerdem kommt man hautnah mit dem Schicksal der Bergarbeiter in Berührung. Dabei wurde mir zum x-Mal bewusst, wie gut es mir doch geht und wie dankbar ich sein kann, in einem Land wie Österreich leben zu dürfen!

    Nach Beendigung der Tour gehe ich zurück in mein Hotel, wo ich erstmal eine Pause einlegen muss. Ich brauche etwas Zeit, die Eindrücke in der Mine zu verarbeiten. Darüber zu lesen oder es mit eigenen Augen zu sehen sind zwei Paar Schuhe. Es schwirren mir viele Gedanken durch den Kopf.

    Nachdem ich das Erlebte einigermaßen sacken lassen konnte, mache ich mich nochmal auf um Potosi zu erkunden. Ich statte der Kathedrale einen Besuch ab und genieße den Ausblick von einem der Türme. Es ist ziemlich windig da oben und wieder begleitet mich der Cerro Rico, auf den ich diesesmal aber einen wunderschönen Ausblick habe. Wenn man ihn so sieht den Berg, kann man sich gar nicht vorstellen, welch Schicksale sich in ihm abspielen.

    Anschließend gehe ich zum Mercado Central. Da es aber bereits nach 16.00 ist, haben schon fast alle Stände geschlossen. Zufällig treffe ich auf Wilson, der mich ein Stück durch den Markt begleitet. Ich kaufe mir noch ein Sackerl mit Cocablättern, Wilson rät mir, welche auf die Salar de Uyuni Tour mitzunehmen, dann verlasse ich den Markt wieder und statte noch der Kirche San Lorenzo de Carangas einen Besuch ab. Das Portal dieser Kirche ist umwerfend schön und auch hier habe ich nochmal die Möglichkeit, den Turm zu besteigen und den tollen Ausblick zu genießen. Bevor ich zurück ins Hotel gehe, gönne ich mir noch eine heiße Schokolade und einen Pie de Limon im Cherry's Coffee. Am Heimweg zieht ein heftiges Gewitter auf. Graupelschauer und Wind machen es unwirtlich in der Stadt. So bin ich froh, als ich in mein warmes Hotelzimmer komme.

     
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    Heinrich Müller

    Vielen lieben Dank für diesen sehr ausführlichen Bericht, ich kann mir das so sehr vorstellen als währe ich selbst dort gewesen. Da können wir echt froh sein, dass wir gut und ohne Gefahren Leben können.🍻

    7/24/19Reply
    Miriam Asp

    Ja, das stimmt. Bei uns wird zwar immer viel gejammert, aber wenn man einmal in so einer Mine war, überdenkt man die Gründe zuhause, wegen denen man jammert

    7/24/19Reply