• Tirana

    May 5 in Albania ⋅ ⛅ 23 °C

    Tag 22 - heute erkunden wir die albanische Hauptstadt! Äußerlich eine sehr moderne Metropole mit breiten Straßen, einigen sehr modernen Hochhäusern und viel Plattenbauarchitektur. Wegen der großen Erdbeben von 1967 und 1979 und der Baupolitik in Zeiten der realsozialistischen Diktatur, sind nur wenige alte Gebäude erhalten. Deswegen sind auch die meisten Gebäude, die wir heute sehen und besichtigen, wenige Jahre bis Jahrzehnte alt. Dazu gehören etwa die modernen Hauptkirchen der albanisch-orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche und die Große Moschee von Tirana (die größte Moschee des Balkans und eine der größten der Welt!). Während die ersteren beiden Gotteshäuser eine sehr moderne Formsprache verwenden ist letztere ganz im Stil osmanischer Groß-Moscheen. Ästhetisch zwar gelungener, aber dafür sehr unauthentisch: es soll vortäuschen ein altes Gebäude zu sein, steht dort aber erst seit zwei Jahren - irgendwie hat das etwas von Disneyland. Viel besser gefällt uns da die Et’hem-Bey-Moschee aus dem 18. Jh., die wir später besichtigen. Sie steht direkt am Skanderbeg-Platz, der nach einem albanischen Volkshelden benannt ist, und verfügt über eine wunderschöne innere Ausmalung die Blumen, abstrakte Ornamente, Gebäude und Kalligraphie beinhaltet. Auch die Empore ist historisch und gut erhalten. Als eines von wenigen Gotteshäusern hat es die Hoxha-Diktatur mehr oder weniger überstanden. Hoxha hatte Albanien 1967 zum "ersten atheistischen Staat der Welt" erklärt - Religionsausübung wurde verboten, Kirchen und Moscheen wurden umgenutzt oder gar zerstört. Die Et’hem-Bey-Moschee hingegen blieb zum Glück als Kulturdenkmal erhalten und war dann nach dem Fall des Regimes eines der ersten Gotteshäuser, das seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt wurde.

    Doch während wir auf unserer Reise schon viele Kirchen und Moscheen gesehen haben, hielt dieser Tag auch etwas gänzlich Neues für uns bereit: Das Bektaschi Welt Zentrum. Die Bektaschis sind eine Religionsgemeinschaft, die es hauptsächlich in Albanien und in der albanischen Diaspora gibt. Es handelt sich dabei um eine sehr eigenständige Spieltart des Islams: Die strengen Regeln der Sharia findet bei den Bektaschis keine Anwendung - Frauen tragen kein Kopftuch, Alkoholkonsum ist gestattet und statt der fünf täglichen Gebete findet Abends eine Art gemeinsame Meditation statt, in der auch Tanz eine Rolle spielen kann. Statt Moscheen haben die Bektaschis Tekken als Gotteshäuser, in denen ihre Rituale abgehalten werden. Meistens befindet sich darin das Grab einer besonderen Persönlichkeit, eines Derwischs oder Babas zum Beispiel. Leiter des Bektaschi-Ordens ist der sog. Baba Mondi, der im Weltzentrum lebt. Im letzten Jahr gab es viel Aufsehen um die Bektaschis, nachdem Edi Rama vor der Vollversammlung der UN angekündigt habe, den Bektaschis einen eigenen Staat zu gewähren - das Weltzentrum sollte zu einer Art Vatikanstaat der Bektaschis werden und wäre damit zum kleinsten Land der Welt geworden. Als Grund dafür gab er an, dies solle ein Zeichen für die neue religiöse Toleranz in Albanien sein nach der jahrzehntelangen antireligiösen Politik des Hoxha-Regimes. Böse Zungen vermuten eher, dass der Bektaschi-Staat für Geldwäsche genutzt werden soll. Jedenfalls scheinen die Pläne noch nicht umgesetzt worden zu sein: Als wir das Gelände betreten werden zwar unsere Reisepässe einkassiert, aber ein Visum ist noch nicht notwendig und wir bekommen auch keinen Stempel in unsere Pässe - schade eigentlich. Vor Ort ist viel los, Reisegruppen lassen sich mit dem Baba Mondi fotografieren, sein Personenschutz wacht aufmerksam darüber. Wir besichtigen die Tekken(n), schauen uns auf dem Gelände um und sprechen kurz mit einem Bektaschi, der sich über unser Interesse freut. Anders als bei anderen Religionsgemeinschaften sei bei den Bektaschis nicht so wichtig was man glaubt. So lange man an Gott glaubt, seien bei den Bektaschis alle willkommen. Sympathisch irgendwie.

    Weiter geht es für uns durch eine Stadt, die sich sichtlich Mühe gibt, etwas aus sich zu machen. Man kann auch sehen, dass der ehemalige langjährige Bürgermeister der Stadt, Edi Rama (inzwischen seit vielen Jahren Ministerpräsident Albaniens) ein Künstler war: Immer wieder sehen wir große Wandgemälde an Plattenbauten, oder kleine Kunstinstallationen, die Brücken und öffentliche Plätze aufhübschen.

    Natürlich beschäftigen wir uns auch mit der realsozialistischen Vergangenheit der Stadt. So besuchen wir etwa die berühmte Pyramide von Tirana, die als Museum für Enver Hoxha errichtet worden ist. Die Pläne dafür stammten von seiner Tochter. Nach der Wende gab es viel hin- und her darüber, ob man das Gebäude abreißen sollte. Inzwischen ist sie frisch renoviert und zu einem Kulturzentrum mit Aussichtsplattform, die über Treppen zu erreichen ist, umgebaut worden. Das Innere ist nun lichtdurchflutet und enthält bunte Boxen, in denen verschiedene Räume befinden. Schön! Vor der Pyramide hängt auch die sog. Friedensglocke, die aus Patronenhülsen gegossen worden ist und an den Lottoaufstand 1997 erinnern soll. Besonderen Eindruck hat bei uns aber unser von Bunk'Art 2 hinterlassen. Hoxha hatte in seiner Paranoia ein Bunkerbauprojekt in Auftrag gegeben, das zur Folge hatte, dass im ganzen Land Hunderttausende Betonpilze errichtet worden sind, von denen aus Soldaten und Milizen mögliche Invasoren beschießen sollten. Zu dem Bunkerbauprojekt gehörten aber auch große Bunkeranlagen, die die politische Elite vor chemischen oder atomaren Angriffen schützen sollte. Die zwei in Tirana erbauten Anlagen sind heute Museen, die über die realsozialistische Zeit aufklären und das mit Kunstinstallationen untermalen. Wir haben den Bunker des Innenministeriums besichtigt, der 2015 erst entdeckt worden ist! Dort befindet sich nun eine Ausstellung zur Sigurimi, der albanischen Stasi, und zu den politischen Verfolgungen. Wir gehen also durch enge Betonräume mit Texttafeln und historischen Ausstellungsstücken, lernen etwas über die Spionagemethoden der Sigurimi, die Arbeitslager und den Schießbefehl an der Grenze. Mehrere Tausend Menschen fielen diesem Regime zum Opfer. Ebenso beklemmend ist die Anlage selbst und die Vorstellung, wie es wäre, hier zu leben, während draußen der Weltuntergang herrscht. Auch wenn diese Anlage erst nach Hoxhas Tod fertiggestellt wurde und nie auch nur für eine Übung verwendet wurde, steht sie sinnbildlich für eine brutale Herrscherelite, die, in ihrer Paranoia nur an sich selbst denkt und gigantische Anlagen errichtet, in denen sie sich vor äußeren, aber auch inneren Feinden verstecken kann. Wir sind erleichtert, als wir durch die 240 cm dicke Betonschicht, die den Bunker bedeckte, wieder am Tageslicht ankommen.

    Mit vielen Eindrücken bepackt lassen wir in einer sehr ikonischen Gaststätte unseren Abend ausklingen.

    🚶🏻🚶🏼9 km, ⛪ 2, 🕌 2, 🏛️ 1, 🏰 1
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