• Sarajevo ➡️ Srebreniza

    May 13 in Bosnia and Herzegovina ⋅ ⛅ 7 °C

    Tag 30 - nach einer landschaftlich sehr ansprechenden Tour und einer mittaglichen Stärkung, die damit nicht mithalten konnte (wie kann man als Topping Tomatenketchup auf eine Pizza machen?) kamen wir bei der Srebrenica-Gedenkstätte in Potočari an.

    Die Gedenkstätte erinnert an die Opfer des Massakers an Bosniak(*inn)en durch serbische Soldaten von 1995. Es beschreibt eindringlich die Ereignisse und die Rolle, das Versagen, der hier stationierten UN Blauhelm-Soldaten aus den Niederlanden. In dem Verwaltungsgebäude einer ehemaligen Batteriefabrik, die dem niederländischen Battalion als Hauptquartier gedient hatte, befindet sich heute eine Ausstellung. Mit Texttafeln, Bildern, Karten und Filmen informiert sie über die verstörenden Ereignisse, die sich hier während des Bosnienkrieges abgespielt haben. CN: massive Kriegsverbrechen und Genozid.

    1993 erklärte die UNO Srebrenica zur Schutzzone. Zehntausende bosniakische Geflüchtete vertrauten auf den Blauhelmsoldaten und suchten bei ihnen in Zuflucht. Doch die Stadt wurde abgeriegelt, Hilfslieferungen wurden immer knapper. Während die niederländischen Soldaten weiter versorgt wurden, suchten Menschen in ihrem Müll nach Essen. Das Krankenhaus war überfüllt und unterbesetzt. Menschen starben an unbehandelten Verletzungen, an Erschöpfung und an Hunger. Im Juli 1995 startete die bosnisch-serbische Armee unter Ratko Mladić schließlich eine Offensive gegen die Schutzzone. Auf Grund einer Reihe von Fehlinformationen, einer falschen Einschätzung der Lage, sowie mangelnder Unterstützung durch UN und NATO zogen sich die Blauhelmsoldaten und bosniakischen Verteidiger*innen Srebrenicas nahezu tatenlos zurück und überließen den Serben die Stadt. Zehntausende flohen zur UN-Basis in Potočari, doch es wurden dort nur wenige hineingelassen. Sie wurden in der alten Fabrikhalle untergebracht, allerdings nahezu ohne Trinkwasser und andere Vorräte. Um den Komplex versammelten sich weitere 20.000 Geflüchtete, die verzweifelt um Einlass baten, der ihnen aber verwehrt wurde. Als die Serben dort eintrafen, verübten sie erste Morde und Vergewaltigungen. Daraufhin trennten sie Männer und Jungen ab, angeblich um die auf Kriegsverbrechen zu überprüfen. Die Blauhelmsoldaten halfen ihnen dabei und lieferten die Geflüchteten letztlich aus. Frauen und Kinder wurden deportiert, die Männer verschleppt, misshandelt und massenhaft ermordet. Selbst die Bosniaken, die sich unter dem Schutz der UN befanden, wurden übergeben. Keiner von ihnen überlebte. Als die Deportationen begannen, begaben sich tausende Bosniaken zu Fuß in Form einer riesigen Kolonne auf die Flucht, um bosnisch kontrolliertes Gebiet zu erreichen. Auch von ihnen überlebte nur ein Drittel. Die Ermordeten warf man in Massengräber. Aktuell geht man von 8.372 Toten aus, es gibt aber noch immer Hinterbliebene, deren Angehörige nicht gefunden oder identifiziert worden sind.

    Vieles von dem haben wir nicht gewusst. Wir empfinden abwechselnd Trauer, Verzweiflung und Wut. Es ist erschütternd, was Menschen einander antun können. Als wir Filmaufnahmen davon sehen, wie der Kommandeur der Blauhelm-Soldaten Karremans sich bei der Übergabe der UN-Basis an die bosnisch-serbische Armee lächelnd für ein Geschenk von Mladić für seine Frau bedankt und wie die niederländischen Soldaten nach ihrer Ausreise eine Party schmeißen, wo sie sich mit Heineken betrinken und gröhlend zu dem Lied "I will survive" tanzen, empfinden wir puren Ekel.

    Auch in der Fabrikhalle gibt es eine Ausstellung und ein relativ neues Museum, zu dem wir es aber gar nicht mehr richtig schaffen. Wir sehen in Vitrinen Habseligkeiten der Genozidopfer, die in den Massengräbern gefunden worden sind. Durch den Raum schallt die Stimme eines älteren Mannes aus einer Filmaufnahme. Er gehörte zu der Kolonne von bosniakischen Männern, die versuchten, zu Fuß aus Potočari zu fliehen. Er wurde von Serben gefangengenommen und ist von ihnen davon überzeugt worden, dass die Geflüchteten nichts zu befürchten hätten, wenn sie sich in Gefangenschaft begeben würden. In dem Film ruft er seinen Sohn, damit er sich auch ergibt. "Nedim! Nedim!" Jeder seiner Rufe ist ein Stich in unser Herz. Beide wurden ermordet.

    Nach drei Stunden in der Ausstellung sind wir erschöpft und brechen für heute ab. Nicht aber, ohne auch das gegenüberliegende Gräberfeld zu besuchen. Hier liegen tausenden Ermordeten des Genozids. Wir halten inne und während unser Blick über die vielen gleichen Grabsteine wandert, versuchen wir das Gesehene zu verarbeiten.

    Später fahren wir dann erst einmal in unsere Unterkunft. Ein Zimmer über einem großen Festsaal für Hochzeiten. Das Zimmer ist top, der Rest macht einen runtergekommen Eindruck. Im Dunkeln wirkt das bestimmt viel besser. Im Saal hängt eine russische und eine serbische Fahne. Nach den Eindrücken der Gedenkstätte haben wir ein sehr komisches Gefühl.

    Abends haben wir uns noch die Kleinstadt angeschaut und an einem Spielplatz mit vielen spielenden und lachenden Kindern und Erwachsenen gegessen....

    🚙 171 km,🚶🏻🚶🏼 4 km
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