• Regenflucht mit Schlossbesichtigung

    June 6 in Latvia ⋅ 🌧 16 °C

    In Aglona hatten wir gestern Abend direkt am See einen wunderschönen und vor allem herrlich ruhigen Stellplatz gefunden. Die Aussicht war traumhaft, die Nacht angenehm ruhig und eigentlich hätten wir dort noch länger bleiben können. Eigentlich.

    Denn heute Morgen hatte der Wettergott offenbar andere Pläne. Kaum waren wir wach, trommelte der Regen wieder aufs Dach von Grisu. Also blieb uns nichts anderes übrig, als die Regenflucht anzutreten und die Weiterreise in Angriff zu nehmen.

    Unser erstes Ziel war das kleine Städtchen Cesvaine, wo das beeindruckende Schloss Seßwegen auf uns wartete.

    Das Schloss wurde Ende des 19. Jahrhunderts für Baron Adolf von Wulf erbaut und gilt als eines der schönsten Beispiele des Historismus in Lettland. Die Architekten kombinierten Elemente der Gotik, der Renaissance und der Romanik zu einem Bauwerk, das fast wie ein Märchenschloss wirkt. Mit seinen Türmen, Erkern, Natursteinfassaden und den kunstvoll gestalteten Dächern macht das Schloss schon von außen ordentlich Eindruck.

    Und tatsächlich präsentiert sich das Gebäude von außen in einem erstaunlich guten Zustand. Man könnte fast meinen, der Baron käme jeden Moment mit seiner Kutsche um die Ecke gefahren.

    Im Inneren zeigt sich allerdings ein anderes Bild. Ein verheerender Brand im Jahr 2002 richtete große Schäden an. Seitdem wird das Schloss Stück für Stück restauriert. Einige Räume erstrahlen bereits wieder in altem Glanz und geben einen Eindruck davon, wie prachtvoll das Schloss einst gewesen sein muss. Andere Bereiche warten dagegen noch auf ihre Wiedergeburt und wirken eher wie eine Mischung aus Baustelle und Zeitreise.

    Gerade dieser Kontrast macht den Besuch aber besonders interessant. Man sieht nicht nur ein Schloss, sondern auch die gewaltige Arbeit, die nötig ist, um solch ein historisches Gebäude für kommende Generationen zu erhalten.

    Nach unserem Rundgang durch die Gemäuer machten wir uns wieder auf den Weg. Die lettischen Straßen führten uns durch endlose Wälder, vorbei an kleinen Dörfern und Seen in Richtung Norden.

    Am späten Nachmittag fanden wir schließlich kurz vor der estnischen Grenze einen ganz besonderen Stellplatz. Solche Orte sind schwer zu beschreiben. Man kommt an, steigt aus, schaut sich um und weiß sofort: Hier bleiben wir.

    Während Grisu seinen Platz für die Nacht bezog, genossen wir die Ruhe und die Natur um uns herum. Kein Verkehrslärm, keine Menschenmassen, nur Vogelstimmen und das Rascheln der Bäume im Wind und ein wunderschöner Sonnenuntergang.

    Manchmal sind es eben nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die einen Reisetag besonders machen. Manchmal reicht ein altes Schloss, ein paar Kilometer durch die lettischen Wälder und ein Stellplatz, bei dem man sich fragt, warum man eigentlich jemals auf Campingplätze gefahren ist.

    Jetzt genießen wir den Abend und freuen uns auf morgen. Dann wartet schon das nächste Land auf uns: Estland.
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