• Sonne über Kuressaare – es geschehen noch Wunder

    June 17 in Estonia ⋅ ☁️ 17 °C

    Heute Morgen traute ich meinen Augen kaum. Kein Trommeln auf dem Dach, keine dunklen Wolken am Horizont, kein hektischer Blick auf die Wetter-App. Stattdessen: strahlend blauer Himmel!

    Nach den vielen Regentagen fühlte sich das fast schon unwirklich an. Sicherheitshalber haben wir mehrmals aus dem Fenster geschaut, ob die Sonne auch wirklich bleibt.

    Zunächst stand ein kleiner Umzug an. Vom Jachthafen wechselten wir auf den Parkplatz am Stadion, den ich gestern Abend bei meiner Erkundungstour entdeckt hatte. Dort angekommen standen bereits einige andere Camper, und wie das unter Reisenden so ist, dauerte es nicht lange, bis man miteinander ins Gespräch kam.

    Aus einem kurzen „Hallo“ wurden schnell interessante Reisegeschichten, Tipps und Erfahrungen. Ehe wir uns versahen, war wieder eine ganze Weile vergangen. Aber genau diese spontanen Begegnungen machen das Reisen mit dem Wohnmobil so besonders.

    Irgendwann schafften wir es dann doch, die Fahrräder zu satteln und in die Stadt aufzubrechen.

    Kuressaare ist die einzige Stadt auf Saaremaa und blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bereits im Mittelalter entwickelte sich der Ort zu einem wichtigen Handelsplatz. Später wurde die Stadt vor allem als Kurort bekannt. Wohlhabende Gäste kamen wegen des milden Klimas, der frischen Seeluft und der heilenden Schlammbäder auf die Insel. Wer damals etwas auf sich hielt, fuhr zur Erholung nach Kuressaare.

    Beim Radeln durch die Stadt versteht man schnell, warum sich die Menschen hier wohlfühlen. Die Straßen sind gepflegt, die Atmosphäre entspannt und überall stehen wunderschöne historische Holzhäuser und elegante Villen aus der Zeit, als Kuressaare ein beliebter Bade- und Kurort war. Viele der Gebäude sind liebevoll restauriert und verleihen der Stadt einen ganz besonderen Charme.

    Statt zielstrebig von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu fahren, machten wir das, was wir am liebsten tun: uns treiben lassen. Mal hier durch eine kleine Gasse, mal dort über einen Platz, immer wieder neue schöne Häuser entdecken und einfach die entspannte Stimmung genießen.

    Am Marktplatz angekommen fanden wir schließlich ein gemütliches Restaurant mit einem sonnigen Plätzchen im Freien. Genau dort ließen wir uns nieder, bestellten einen leckeren Cocktail und eine kleine Stärkung und genossen das bunte Treiben um uns herum.

    Nach den vielen Regentagen fühlte sich das fast wie ein kleiner Feiertag an.

    Doch wir waren nicht die Einzigen, die Interesse an unserem Essen hatten.

    Plötzlich erschien eine äußerst selbstbewusste Nebelkrähe. Zunächst tat sie völlig harmlos und schlenderte scheinbar zufällig in unserer Nähe herum. Sie dachte wohl das wir kurz abgelenkt waren, schlug blitzschnell zu und klaute gleich zwei Stücke Käse von Andreas Teller.

    Die Diebin verschwand anschließend mit ihrer Beute so professionell, dass man meinen könnte, sie betreibe dieses Geschäft hauptberuflich. Andrea war um zwei Käsestücke ärmer, die Krähe um ein erfolgreiches Mittagessen reicher und wir um eine lustige Urlaubsgeschichte.

    Während um uns herum Menschen flanierten, Fahrräder vorbeiratterten und die Terrassen gut gefüllt waren, beobachteten wir nun zusätzlich die gefiederte Räuberbande von Kuressaare. Offenbar gehören hier nicht nur die Touristen, sondern auch die Krähen zu den Stammgästen der Gastronomie.

    Das berühmte Schloss von Kuressaare und das Restaurant Hafen heben wir uns ganz bewusst für morgen auf. Man muss ja schließlich noch etwas für den nächsten Tag übrig lassen.

    So wurde aus einem eigentlich unspektakulären Tag ein wunderschöner Sommertag. Sonne, nette Gespräche, eine charmante Stadt, ein leckerer Cocktail und eine Nebelkrähe mit ausgezeichnetem Geschmack.

    Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die einen Reisetag besonders machen. Wobei die Sonne nach den letzten Wochen eigentlich schon fast als Sehenswürdigkeit durchgeht – dicht gefolgt von der Käse-Diebin vom Marktplatz.
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