• Etappenziel Oulu erreicht 🥳

    Jun 13–18 in Finland ⋅ ☁️ 18 °C

    Juhu, wir sind in Oulu.
    Wir sind begeistert und glücklich, es bis hierher geschafft zu haben. Schon im letzten Jahr haben wir von Oulu geträumt und nun sind wir da.
    Oulu ist bunt und schrill und nach ein paar Tagen auch etwas trist. Was durchaus auch an dem vielen Regen und der fehlenden Sonne liegen kann. Facettenreich bevölkert, hat sich die Einwohnerzahl in den letzen 80 Jahren versiebenfacht !
    Wir sind froh, die 30 sm Strecke nach Oulu rein, in die nordöstlichste Stadt Finnlands, auf uns genommen zu haben. 30 sm sind schließlich mit dem Boot eine Halbtages-Tour.
    Gerne hätten wir die Strecke von Raahe nach Oulu aufgeteilt und auf Hailuoto im schönen Marjaniemi halt gemacht. Abe der nächste Starkwind saß uns schon wieder im Nacken und der Hafen Marjaniemi bietet - auf einer Landzunge im Meer liegend - kaum Schutz. Also 60 sm durchsegeln.

    Die Überfahrt von Raahe hatte es wahrlich in sich. Es war zwar kein Höllenritt, aber verdammt nahe dran. Und wieder einmal sind wir mit einem “blauen Auge” davon gekommen. In diesem Jahr trauen wir uns mehr als im letzten und so passiert auch mehr. Wenn es nach mir ginge würde, ich auf die kleinen Katastrophen gerne verzichten, aber Erfahrungen sind halt wichtig, und manchmal auch schmerzhaft.
    Dieses Mal haben wir uns nach dem Starkwind der Nacht zugetraut, recht früh abzulegen. Um kurz vor 4 Uhr haben wir Raahe bei moderaten 10 Knoten verlassen. Wir dachte schon, jetzt ist der Starkwind wieder sehr viel schneller durchgezogen als vorhergesagt und wir haben uns schon Motoren gesehen. Aber sobald wir das sichere Archipelago verlassen hatten und auf der offenen See waren , hatten wir immer noch mehr als ausreichend Wind. Achterlich. Mit 20 Knoten und einer sehr ungemütlichen rollenden Welle von der Seite, wodurch der Wind dann immer wieder mal links, mal rechts achterlich kam. Der Bullenstander war Gold wert, um uns vor einer Patenthalse zu schützen. Bei einer Patenhalse kommt der Baum mit voller Wucht von der einen auf die andere Seite und kann verheerenden Schaden am Boot - und auch an der Crew - ausrichten.
    Allerdings haben uns mit dem Bullenstander in einer trügerischen Sicherheit gewogen. Denn beim vierten Mal, als der Baum welken- und böenbedingt in die Leine des Bullenstanders geruckt ist, hat die Belastung die komolette Curryklemme abgesprengt, der Baum kam wie eine Rakete rüber und die Großschot hat Jürgen an
    Kopf und Schulter gestriffen. Wir waren so geschockt, dass gefühlt Minuten vergingen, bevor ich die Lage wieder komplett im Griff hatte. Vermutlich waren es nur 3 Sekunden.
    Got sei dank ist nichts Schlimmeres passiert.
    Danke, danke, danke.
    Es ist nur Material zu Schaden gekommen und die verbleibenden 25 sm nach Oulu rein waren in diesem Fall sehr dienlich. Jetzt ohne Welle und mit so sehr nachlassendem Wind, dass wir am Ende sogar motort sind, konnten wir wieder allmählich zu uns kommen.
    .
    Unsere ganze Aufmerksamkeit wurde dann noch ein weiteres Mal an diesem Tag gefordert. Und zwar bei der immer enger werdenden Anfahrt auf den Stadthafen. An Steinen und Untiefen vorbei manövrierten wir uns zu dem - ja natürlich - einmal mehr winzigen Hafen. Nur diesmal hatten wir tatsächlich mit einem kleinen Hafen gerechnet.
    Wir lernen schließlich auch dazu.
    Nach dem Anlegen haben wir uns einen ersten Überblick über den Schaden gemacht und sind erst einmal etwas essen gegangen, um Abstand zu gewinnen. Mit leerem Magen kann man schließlich keine vernünftige Entscheidung treffen. Und satt sieht die Welt viel bunter aus.
    Schließlich haben wir das ganze Thema vertagt und waren an diesem Tag früh im Bett.
    In der Nacht kam der angekündigte Starkwind. Im Stadthafen von Oulu kamen glücklicherweise “nur” 28 Knoten an. Geweckt von einem dumpfen Geräusch, haben wir erst einmal alle Leinen überprüft. Die Fender hochgebunden, denn sie sahen aus, als wären sie abgerutscht.
    Es hat eine Weile gedauert, bis eine Ahnung aufkam, wo das Geräusch tatsächlich herkommen könnte. Die Wassertiefenmessung mit dem Bootshaken bestätigte leider unsere Vorahnung. Das dumpfe Geräusch kam daher, dass unser Kiel Grundberührung mit einem Stein hatte. Oh Mann, hört das gar nicht mehr auf und es gibt nichts, was wir dagegen tun können, nicht einmal wegfahren. Jürgen kam dann auf die glorreiche Idee, die dicksten Fender Mittschiffs anzubringen um uns so ein paar cm weiter von der Pier wegzudrücken. Das hat funktioniert.
    Ein Blick in die Wasserstandsinformationen des finnisch metereologischen Instsituts war sehr aufschlussreich. Der starke Nordostwind, der im Quarken, 200 Km südlich, Sturmstärke erreichte, zog das ganze Wasser aus dem Norden der bottnischen Bucht. Wasserstand minus 50cm! So ist unsere Wassertiefe von 2,8 m am Vortag in ein paar Stunden auf 2,30 m gesunken und hat dazu geführt, dass einer unserer Kiele , die ja seitlich angebracht sind, am Steg Grund berührte. 😱
    Glücklicherweise war das auch schon der Peak und das Wasser war morgens bereits wieder am steigen. Jeder Zentimeter Wasser wurde gefeiert.
    Wir wussten, das die Windtide dafür sorgen kann, dass es bei Wassertiefen Schwankungen von bis zu minus 25 cm geben kann, aber 50cm?! Das hat es nach Erzählungen der Leute hier noch nicht gegeben. Ja, und normalerweise sind direkt an der Mole im Hafenbecken keine Felsen.
    Nachdem der Wasserstand wieder mehr Sicherheit versprach, widmeten wir wieder uns der anderen Sache, die von gestern, die Sache mit dem verbogenen Gleitlagerblock für die Großschot.
    Nach genauer Betrachtung war klar: so können wir nicht weiter fahren, da die Großschot zu nah am Metall ist und sich aufschürfen könnte. Also haben wir die verbogenen Teile abgeschraubt und so gut es ging gerade gebogen. Das Ergebnis war alles andere als zufriedenstellend.
    Interessanterweise ist just in diesem Augenblick, als wir versucht haben, das verbogene Metallstück irgendwie wieder anzuschrauben, ein Mann vom Nachbarboot vorbei gekommen. Er hat sich eigentlich für unsere Reise und unser Boot interessiert und ich habe ihn gleich eigennützig gefragt, ob er uns einem Metallbauer empfehlen kann, der uns das Metallstück gerade biegen kann. Und man kann es glauben oder nicht, der Mann war tatsächlich vom Fach und hat eine eigene Metallfirma in der irgendwelche hydraulischen Gerätschaften hergestellt werden. Das heißt er hat eine richtige Werkstatt und weiß, wie man mit dem Metall umgeht. Er nahm das gute Stück mit und hat es bereits 2 Stunden später - perfekt gerade gebogen - wieder zurück gebracht. Wie cool ist das denn bitte?
    Diesen Engel hat bestimmt Richard - unseren Segellehrer, den wir im Herzen immer an Bord haben - vorbei geschickt.
    Insgesamt haben wir 5 Nächte in Oulu verbracht und auf ein gutes Windfenster nach Schweden gewartet. Und morgen segeln wir weiter, erst einmal bringen wir uns auf Sandskär - irgendwo im nirgendwo - in Stellung, um dann übermorgen an die Ostküste über zu setzen.
    Wir sind bereit, das Kapitel Finnland zu schließen, erst mal.
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