• Nacht unter Sternen

    June 1, 2025 in Turkey ⋅ ☀️ 30 °C

    Beim morgendlichen Frühstück im Zelt bleiben wir nicht lange allein. Ein Hirte und sein Sohn tauchen mit ihrer Schaf- und Ziegenherde sowie zwei Hunden und zwei Eseln auf. Sie verweilen kurz bei uns und inspizieren sehr interessiert unsere Fahrräder (Menschen und Tiere!). Wir erfüllen dem Sohn seinen Wusch, Claudias Fahrrad zu fahren, das Gegenangebot eines Eselrittes schlagen wir allerdings aus. Zu Beginn unserer heutigen Etappe dürfen wir zunächst einige Kilometer bergab rollen. Leicht hügelig geht es weiter, angesichts der hohen Temperaturen wird dennoch jede Steigung zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Als wir den höchsten Punkt vor Erreichen der Römerfestung "Rumkale" erreichen, für die wir einen kleinen Abstecher in Kauf nehmen, lassen wir uns auf einer überdachten und folglich schattenspendenden Bank nieder. Um Rumkale zu erreichen, müssten wir ca. 230hm auf einer Strecke von 3km erst abwärts und nach Besichtigung auf selber Strecke zurück bergauf radeln. Heiko hatte bereits zu Hause die Idee, die Räder hier im Ort Beğendik zu lassen und den Rumkale-Ausflug zu Fuß in Angriff zu nehmen. Kaum sitzen wir auf der Bank, kommt ein älterer Herr aus dem Haus gegenüber und versorgt uns mit einer großen Kanne kaltem Ayran. Wir verpassen leider die Chance, ihn zu fragen, ob wir unsere Räder für ein paar Stunden auf seinem Hof abstellen dürfen. Obwohl wir mehrfach auf sein Grundstück spähen, sehen wir den Mann nicht wieder, auch ansonsten scheint das kleine Dorf ziemlich ausgestorben. Als wir noch recht ratlos auf der Bank hocken, knattern zwei mit vielen Menschen beladene Trecker heran und steuern das Tor zu einem Grundstück neben unserer Pausenbank an. Bei einem der Trecker wird die Rückwärtsgang eingelegt und das Gefährt kommt neben uns zum Stehen. Der Fahrer spricht uns an und möchte uns zum Essen einladen. Mit Hilfe seines in Berlin lebenden Neffen, den er zum Dolmetschen anruft, können wir unseren Wunsch äußern, zunächst Rumkale zu besuchen und unsere Räder währenddessen sicher untergebracht zu wissen. Problem yok - kein Problem heißt es wie erwartet. Zudem besteht der Mann, dessen Namen wir leider vergessen haben, darauf, uns die drei Kilometer zum Ziel im Auto zu chauffieren. Widerrede zwecklos! Wir schieben also unsere Fahrräder durch das Grundstückstor und stellen sie ab, packen noch ein paar Kleinigkeiten im unsere Rucksäcke uns schon sitzen wir im unserem ganz privaten Taxi. Als wir am Parkplatz abgesetzt werden, gibt unser Fahrer einem Mann vom Wachpersonal noch seine Telefonnummer, dieser solle sich melden, wenn wir wieder abgeholt werden. Was für ein Service! Wir beginnen unsere Erkundung mit einem Gang auf eine große gläserne Aussichtsterrasse, von welcher man einen großartigen Blick auf den Fluss Euphrat und Rumkale hat. Die Lage der byzantinischen Burg auf den Klippen rund um die Flusshalbinsel ist spektakulär. Als wir uns von oben satt gesehen haben, marschieren wir hinunter an den Fluss, um im Rahmen einer Bootstour auch die wasserseitige Perspektive zu genießen. Wir schippern nicht nur an Rumkale vorbei, sondern auch an der im Euphrat versunkenen Stadt Halfeti. Zunächst fahren wir entlang des alten Halfeti, wo das Minarett der Moschee noch immer aus dem Fluss herausragt. Im erhaltenen Teil von Halfeti legen wir an und haben eine halbe Stunde Zeit an Land für einen Rundgang, bevor es zurück zum Ausgangspunkt geht. Zurück am Parkplatz ist der Wachmann schnell gefunden, der uns auch gleich erkennt und unseren Fahrer anruft. Bereits wenige Minuten später befinden wir uns wieder auf seinem Grundstück und sitzen mit der Familie zusammen. Auf dem großzügeigen Areal steht eine Art Wohncontainer und abseits davon ein winziges WC-Gebäude. Wir erfahren, dass das Haus der Familie in diesem Dorf durch das Erdbeben 2023 zerstört wurde. Es gibt wohl noch ein weiteres Haus in Gaziantep, dennoch müssen hier vor Ort die Pistazienfelder bewässert werden. Genau das macht auch unser Gastgeber, während wir von seiner Frau und seiner Schwägerin mit reichlich köstlichem Essen und natürlich Tee versorgt werden und Bilder von unserer Familie zeigen. Irgendwann kommen die Männer von der Arbeit zurück und ein Teil der Familie verabschiedet sich. Wir sitzen schließlich mit unserem Gastgeberehepaar und deren Kindern vor dem Haus auf dem Boden und dürfen schon wieder essen. Ein sehr leckeres Abendessn und Ayran, im Anschluss Tee, türkischer Kaffee und Baklava wird serviert. Am Ende stellt sich nur noch die Frage, wo wir heute schlafen werden. Eine Einladung zur Übernachtung auf dem Grundstück wurde bereits ausgesprochen, unser Zelt sei nicht nötig, man würde uns ein Bett machen. Es stellte sich uns bloß die Frage: Wo? In dem winzigen Container ist mit Sicherheit kein Platz. Nach dem Essen sind wir schlauer, denn es entsteht ein Schlafzimmer unter freiem Himmel. Nur die Kinder nächtigen im Container, die Eltern schlafen draußen und wir teilen heute das Nachtlager mit ihnen. Gut gepolstert und unter warmen Decken schauen wir in die Sterne und beenden diesen Tag.Read more