Letzte Outdoor-Nacht
July 15, 2025 in Turkey ⋅ ☁️ 20 °C
Am heutigen Morgen werden wir noch vor dem Frühstück von der Kuhherde begrüßt, mit der wir bereits gestern Bekanntschaft gemacht haben. Heute werden sie aber nicht von den beiden kleinen Brüdern vor sich hergetrieben, sondern lediglich der größere Junge ist mit seinem Vater unterwegs. Er zeigt sich uns gegenüber sehr schüchtern, vor allem als sein Vater ihn irgendwann mit den Kühen und uns allein lässt. Wahrscheinlich ist er froh, als wir das Zelt abgebaut und unsere Räder beladen haben. Wir schenken dem Mini-Hirten noch eine Tüte Pizza-Cracker, die er mit einem leisen "Teşekkürler - Danke" annimmt, bevor wir ihn mit seinen Kühen auf der Wiese allein lassen und uns auf den Weg machen. Zu Beginn gilt es, die letzten Höhenmeter des Anstieges zu meistern, den wir am gestrigen Tag nicht mehr vollständig gefahren sind. In der Kühle des Morgens ist der höchste Punkt schnell erreicht, ab jetzt ist erstmal nur noch Lenken angesagt, bergab rollen die Drahtesel schließlich ganz alleine.
Es ist noch nicht mal neun Uhr, als wir unser geplantes Sightseeing-Ziel für heute, die antike Stadt Ani, erreichen. Die historische Stätte öffnet um neun, der große Besucherparkplatz ist noch herrlich leer. Unsere Fahrräder dürfen wir netterweise mit auf das Gelände nehmen und direkt neben dem Ticket-Office parken, wo wir dann zwei Eintrittskarten kaufen. Gerne hätten wir im Café im Eingangsbereich des großen Besucherzentrums noch etwas getrunken, leider findet sich aber hinter den Scheiben des Kühlschranks nur gähnende Leere. Komisch, denken wir, so ein großes Café mit Innen- und Außenbereich, aber nicht mal Wasser ist vorrätig. Aber was soll's, dann beginnen wir eben direkt mit der Besichtigung. Ani war einst armenische Hauptstadt, ist aber seit vielen Jahrhunderten verlassen. Die Ruinen befinden sich rund 42 Kilometer in südöstlicher Richtung entfernt vom Endpunkt unserer diesjährigen Reise, der Stadt Kars, entfernt.
Die Geschichte der Stadt, die im fünften Jahrhundert als Festung der Armenier gegründet wurde, reicht gute 1.500 Jahre zurück. Um das Jahr 1.000 war Ani eine blühende Metropole. Durch ihre strategische Lage entlang der nördlichen Seidenstraße sowie weitere wichtige Handelsnetze wurde die Hauptstadt des armenischen Königreiches zu einem Zentrum von Kultur und Wohlstand. Bis zu 100.000 Einwohner soll sie gezählt haben, damit gehörte sie zu den bevölkerungsreichsten Städten der Welt. Zu der Zeit wurde Ani auch Stadt der 1.001 Kirchen genannt.
Geblieben ist von Glanz und Gloria leider nur wenig. Nach Belagerungen, Kriegen und schweren Erdbeben seit dem 12. Jahrhundert verlor Ani allmählich an Bedeutung und geriet in Vergessenheit. Nachdem die Region lange Zeit militärisches Sperrgebiet war, sind seit der touristischen Erschließung heute große Teile der Stadt frei zugänglich. Wir treten also durch die Überreste der massiven Stadtmauer, um die seit mehr als drei Jahrhunderten verlassenen Ruinen der ehemaligen Festungsstadt zu erkunden. Es erinnert nicht mehr viel an die 100.000 Einwohner, die einst in dieser Stadt lebten. Neben den Kirchen mit noch teilweise erhaltenen Fresken und diversen Grundmauern lassen heute nur noch die Überreste eines ehemaligen Palastgebäudes sowie die Zitadelle erahnen, wie die Stadt wohl zur Blütezeit des armenischen Reiches ausgesehen haben mag. Wie schon oftmals und an anderen Orten zuvor überlegt Heiko, wie es wohl wäre, in die damalige Zeit zu reisen und Zeuge des Lebens und Treibens in Ani zu sein. Aber wir müssen uns wohl unsere Fantasie spielen lassen. Über eine Strecke von etwa fünf Kilometern folgen wir den Wegen durch die Geister- oder Ruinenstadt und besichtigen die mehr oder weniger gut erhaltenen Bauten. Besonders angetan sind wir aber auch von der landschaftlichen Schönheit. Die Stadt liegt auf einem Plateau und bietet einen atemberaubenden Blick auf die Schlucht des Flusses Arpaçay, welche hier die natürliche Grenze zu Armenien bildet. Die sehr hübsche und besonders gut erhaltene Kirche Sankt Gregor von Tigran Honent liegt malerisch direkt an der Schlucht mit Blick auf den Grenzfluss. Gute zwei Stunden spazieren wir über die weitläufige antike Stätte und freuen uns sehr, diesen Abstecher gemacht zu haben. Wir erreichen schließlich wieder das Besucherzentrum am Ein- bzw. Ausgang, wo inzwischen reger Betrieb ist. Der Parkplatz ist deutlich voller und viele Menschen strömen in Richtung des Einlasses. Wir sind froh, dass wir so früh vor Ort und fast allein auf dem Gelände unterwegs waren. Gleichzeitig verwundert es uns angesichts der Besuchermenge nun umso mehr, dass auf dem Gelände nicht einmal Getränke zum Verkauf angeboten werden. Wir schnappen uns unsere Räder, die artig neben dem Ticket-Häuschen auf uns gewartet haben und lassen Ani hinter uns. Wir sind noch nicht weit gefahren, da kommen uns zwei Radreisende entgegen - die ersten und einzigen in diesem Urlaub. Die beiden steuern auf uns zu und natürlich halten wir für einen kurzen Austausch an. Bérangère und David kommen aus Frankreich und sind seit acht Monaten mit dem Rad unterwegs, ihr weiterer Weg wird die beiden nach Georgien führen. Nach einer Weile fahren wir weiter, die Franzosen bergab nach Ani und wir bergauf in die entgegengesetzte Richtung. Die Temperatur ist inzwischen bereits wieder ordentlich nach oben geklettert, Schatten suchen wir vergeblich. Leider existiert auch das in Google Maps verzeichnete und gut rezensierte Restaurant nicht, auf welches wir für eine Rast gehofft hatten. Und nicht nur das, zusätzlich ziehen auch bedrohlich dunkle Wolken auf, in der Ferne hören es es bereits verdächtig grummeln. Das Glück ist aber auf unserer Seite, noch im Trockenen erreichen wir eine Tankstelle. Kurz nach Ankunft unter dem schützenden Dach frischt der Wind auf und Regen setzt ein. Binnen weniger Minuten weht es so stark, dass selbst die große Mülltonne droht, über das Tankstellengelände zu fliegen. Heiko checkt seine türkische Wetter-App und stolpert über folgende Unwetterwarnung: "Es werden örtlich schwere Gewitter erwartet. Vorsicht und Vorsichtsmaßnahmen sind bei möglichen Gefahren wie Sturzfluten, Überschwemmungen, Blitzen, Hagel, Tornados, starkem Wind und Verkehrsbehinderungen während der Regenfälle geboten." Tatsächlich fegt ein ausgewachsenes Gewitter über uns hinweg. Und während wir gerade noch auf dem Rad geschwitzt haben, ist uns nun empfindlich kalt. Ein freundlicher Herr hat wohl Mitleid, als er sieht, wie wir uns schlotternd vor Kälte in eine möglichst windgeschützte Ecke des Tankstellengebäudes kauern. Er überreicht uns jedem einen Tee und eine Rolle Kekse. Glücklicherweise ist der Spuk schnell vorbei, die dunklen Wolken ziehen weiter, der Regen hört auf, es wird wieder hell und warm. Ein letztes Mal in diesem Urlaub ernennen wir 25 Kilometer vor unserem Ziel, der Stadt Kars, ein Stoppelfeld zum Zeltplatz. Frische Tomatensuppe mit Nudeln gibt es zum Abendessen, das Dessert besteht aus Tee und Keksen. Die Sonne geht noch einmal besonders hübsch für uns unter und dann bricht sie an, unsere letzte Outdoor-Nacht.Read more




















