• Manchmal geht es einfach nicht anders

    October 13 in Georgia ☁️ 23 °C

    Unser Tag startet unter grauem Himmel kurz hinter dem verschlafenen Nest Jorjiashvili, versteckt in den Ausläufern des Trialeti-Gebirges. Wie immer haben wir es am Morgen nicht eilig, sondern frühstücken in Ruhe, lesen, fotografieren, lassen die Drohne steigen. Gegen zehn sitzen wir dann tatsächlich auf dem Rad und erfreuen uns auf den ersten Kilometern noch an der herrlich einsamen Landschaft, friedlich grasenden Kühen und kleinen alten Steinhäusern. Nach einem kurzen Anstieg dürfen wir die Räder mal wieder rollen lassen. Mit der kühlen, frischen Bergluft im Rücken lassen wir uns hinab in die fruchtbare Marneuli-Ebene treiben, vorbei an weiten, landwirtschaftlich genutzten Feldern. Als wir die Hauptstraße in Richtung Shulaveri erreichen, ist es schlagartig vorbei mit der ländlichen Ruhe. Uns erwartet extrem dichter Verkehr. Autos Transporter und LKW rauschen an uns vorbei, weshalb wir erst einmal einen kurzen Stopp einlegen, um unsere Warnwesten anzuziehen. Knalliges Neon-Gelb gegen den grauen Asphalt, sicher ist sicher. Wie sehr vermissen wir doch die schönen und vor allem breiten Seitenstreifen, die uns auf den Straßen in der Türkei so ein gutes Gefühl von Sicherheit vermittelt haben. Hier müssen wir uns die Fahrspur mit dem motorisierten Verkehr teilen und stets hoffen, dass uns nicht doch mal der Seitenspiegel eines Fahrzeugs erwischt. Besonders bei viel Gegenverkehr und bei Überholmanövern macht das so gar keinen Spaß. Eine kurze Verschnaufpause gönnen wir uns abseits der Straße für einen Tee. Als wildromantisch kann man die Rast allerdings nicht bezeichnen. Wir sitzen mehr oder weniger an einer Müllhalde, das Rauschen des Verkehrs dringt weiterhin in unsere Ohren. Über uns kreisen ein Kampfhubschrauber russischer Bauart sowie zwei ältere Militärdoppeldecker, warum auch immer?! Die Gegend, durch die wir weiterhin fahren, hinterlässt insgesamt einen eher seltsamen Eindruck bei uns. Die Straße ist teilweise gesäumt mit Autowerkstätten, die scheinbar aus jedem Schrott wieder etwas Fahrbares zusammenflicken. Dazwischen blinkt immer wieder die Leuchtschrift von Imbissbuden oder riesigen Supermärkten. Als wir an einem der Läden anhalten, treffen wir zwei Radreisende, die gerade aus Tiflis kommen. Das Paar stammt aus Frankreich bzw. der Schweiz und ist schon eine ganze Weile unterwegs. Während wir am Sonntag den Flieger nach Hamburg besteigen, werden die beiden den kompletten Heimweg auf dem Rad zurücklegen. Hinter Shulaveri verlassen wir glücklicherweise die Hauptverkehrsachse, die zur armenischen Grenze führt, und biegen ab in Richtung Tekali. Wir bewegen uns mitten im Dreiländereck nahe der armenischen und aserbaidschanischen Grenze, welches mehrheitlich von ethnischen Aserbaidschanern bewohnt wird. Uns fällt auf, dass die Menschen uns auf diesem Abschnitt besonders freundlich begegnen. Es wird gehupt, gewunken, Kinder strecken ihre Arme aus und wollen uns abklatschen. Vor allem genießen wir aber sehr, dass wir es auf dieser Strecke mit deutlich weniger Verkehr zu tun haben. Zum einen müssen wir die Lautstärke nicht mehr ertragen und zum anderen ist es hier nicht mehr erforderlich, in jeder Sekunde hochkonzentriert zu fahren. Je näher wir dem eigentlichen Grenzgebiet kommen, desto mehr verändert sich die Kulisse erneut. Die Ruhe der Steppe weicht dem Puls des internationalen Fernverkehrs. Und schließlich stehen wir am Grenzübergang nach Aserbaidschan. Dies ist eine sehr besondere Wegmarke, die wir bewusst angesteuert haben. Fast genau hier, nämlich exakt auf der anderen Seite der Grenze soll unsere Reise im kommenden Jahr fortgesetzt werden. Am liebsten wären wir, wie auch im bisherigen Reiesverlauf, selbst über die Grenze geradelt. Leider ist sie jedoch für die Einreise nach Aserbaidschan auf dem Landweg für ausländische Staatsbürger geschlossen, nur auf dem Luftweg ist eine Anreise möglich. Da es auch keine sinnvolle Alternative gibt, um durchgehend weiter gen Osten zu radeln, haben wir bereits im Vorfeld diesen Kompromiss geplant: Wir fahren so dicht wie möglich an die diesseitige Grenze, um im nächsten Jahr nach Aserbaidschan zu fliegen und die Fahrt jenseits dieser Grenze fortzuführen. Manchmal geht es einfach nicht anders...!Read more