• 7 Montenegro, Monte grosso

    May 14, 2025 in Montenegro

    Die letzte Stunde in Albanien sause ich zur Grenze runter, in Montenegro sieht es natürlich genauso aus, wie vor der Grenze. Hier wird mit Euro bezahlt, Montenegro ist klar europäisch ausgerichtet, ist 2017 der Nato beigetreten, was zu Säbelrasseln von Serbien und Druck von Russland führte. Aber die EU-Mitgliedschaft steht noch aus, insofern ist das Zahlen mit Euro eine geduldete, einmalige Ausnahme.

    Ich nehme mir die Zeit den Plaver See ab Gusinje östlich quasi ohne Verkehr zu umfahren, die Panoramastraße gegenüber ist voller Womos.
    Mit selbigem Konzept fahre ich das Tal der Lim hoch bis zum schicken Andrijevica.

    Dort lobt die Dame an der Kasse mein Montenegrinisch (ja, lacht nur, Doro i Daniel!), tatsächlich konnte ich ja schon vor fast 30 Jahren in Mostar wenig bosnisch, aber einfache Sätze fallen wir immer mehr ein. Und vom Übersetzungstool kann ich (völlig anders als in Albanien) flüssig ablesen, was viel netter ist, als Menschen einen Text unter die Nase zu halten - was leider zu entsprechend flüssigen Antworten führt. 😬

    Das Planungsteam "Trans Dinarica" (gpx-Radtourdaten für 8 Balkanländer) scheinen insbesondere in Montenegro auf Berge und Schotterstraßen zu stehen, ab Andrijevica sind die Wege zehrend. Die natürliche Kulisse ist entsprechend atemberaubend.
    Manchmal kommst du an einem Ort vorbei und weißt: hier will ich bleiben über Nacht. Das lichte Eichenwäldchen mit Blick ins nächste Tal ist so einer.
    Nur 4 Motorcrosser knetern vorbei, die Motoren sind noch kilometerweit zu hören, aber sonst - nichts und niemand.

    Die Schotterstraße zieht sich den ganzen Vormittag bis zum Berg Komovi (2460m) hoch, eine mit Seilen verbundene Gruppe macht sich auf zur Besteigung. Ich komme so von oben (finde den Fehler!) auf den Pass Trešnjevik .
    Beim Imbiss hängen nur 2 Holz-Trucker, aber es gibt Čevapi, bevor es ins Tal geht, leider mit Schauer. Hey zum ersten mal kann ich meine Regenmontur ausführen!

    Für die Nacht ist Dauerregen angesagt, also stoppe ich, vor der nächsten Bergtour, bei einem Hof, wo ein Seniorenpaar Zeltplatz/Appartement zwischen Tieren, sowie Essen aus eigener Herstellung anbietet.
    Die beiden sind ultrasüß und lassen mich unterm Vordach zelten, ich lasse mich lecker versorgen und werde diesmal für mein Serbisch gelobt. Hier im Norden Montenegros fühlt sich die Bevölkerung eher serbisch, im Westen bosnisch.
    Die Sprache ist eh quasi gleich. Es schüttet die halbe Nacht, morgens dann auch als Schneeregen. Als ich dann endlich aus dem Zelt kriechen und guten Morgen wünsche, werde ich mit guten Tag berichtigt.

    Es muss ja nicht alles schön sein, der nächste Radelhalbtag ist so: eiskalter Wind von den schneebedeckten Bergen vor mir, die schmale Asphaltstraße wandelt sich zu groben Schotter, es ist so steil, dass ich schieben muss und Füße wie Vorderrad wegrutschen. Ich fluche auf die Schwerkraft und finde den Wetterumschwung richtig kacke. Die Schneegrenze ist bei 1300m, da bin ich längst drüber. Und jetzt hätte ich gern so einen Motorcrosser!

    Statt Montenegro jetzt Montebijelo (=weiß). Übringes heißt das Land Crna Gora, also Schwarzwald. Deutschland heißt Njemačka, Deutsche werden auch gern "Schwabo" genannt, das ist alles sehr vertraut vom "Musiegt"-Projekt.

    Durch den frischen, leichten Schnee kommen die schroffen Konturen schön zur Geltung. Auf der Hochebene am späten Mittag gibt es genau eine Unterkunft. Ich darf die schweißnasse, kalte Kleidung um den Ofen ausbreiten. Netz gibt's nicht, aber ich glaube Mutter und Sohn, dass die nächsten 25km keine Unterkunft mehr kommt. Also trotz der Fluchtfantasien hierbleiben, denn der Ton zwischen den Eheleuten ist angespannt bis vulgär. Ich vertiefe mich in meinen Roman während draußen der Wind Eisplatten vor der Hüttentür formt - dafür bin ich nicht wirklich ausgestattet. Highlight ist die Herstellung von Käsepita, der Blätterteig wird per Tischdecke gerollt, so wie wir es aus Bosnien kennen.

    Gut gestärkt geht es über die Hochebene ins nächste Tal, das letzte Bild zeigt den Berg für die nächste Etappe. Runter, rauf - immer das gleiche (so ggf. aus der Sicht der geneigten Leser*in) und doch so verschieden!
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