9 Täler Bosniens: Drina, Ljuta, Neretva
May 19, 2025 in Bosnia and Herzegovina ⋅ 🌙 11 °C
Die Tara heißt in Bosnien-Herzegowina Drina, der Canyon ist so beeindruckend wie vor der Grenze. Ein "Rafting Centar" neben dem anderen, hierher kommen Reisebusse mit Wildwasserwilden, es scheint angesagt. Am Restaurant vorbei laufen lauter junge, gute gebaute Menschen in Badezeug auf dem Weg zur Neoprenbekleidung, nett anzuschauen. (soweit ist es schon!) Es ist nachmittags, die 20km-Raftingtour gibt's erst wieder morgen - egal, loslassen (aber wär' eine nette Abwechslung zum Sattel).
Als mein Fisch auf den Tisch kommt ertönt "Zevot je more" (Das Leben ist das Meer), eines der Teo/Mostar/Balasevic-Songs 1997, ich muss mich beherrschen nur die Lippen zu bewegen statt lauthals mitzusingen. (Auch eine Demenzform, wenn ich daran denke, wie schwer es fällt, mir Neues zu merken...)
Na, so kommen ich gern in Bosnien an. Auch die Zipline über die Drina hat schon oder noch geschlossen - hätte ich eh nicht dran festgehalten.
Nach dem Grenzübergang hieß mich die Repubika Srpska willkommen. Wie war das nochmal in BiH? (i= und)
Die vielleicht komplizierteste Staatsform ist eine diplomatische Meisterleistung, die bis heute die Möglichkeiten in BiH bestimmen und beschränken, jedoch auch 30 Jahre später wie ein Provisorium wirken - die friedlich Koexistenz der 3 Ethnien ist nie wieder hergestellt worden.
Nach der Belagerung Sarajevos, Bombenattentaten, Srbenica-Genozid (durch Serben) und der gezielten Zerstörung der Stari Most, also Mostars alter Brücke (durch Kroaten), holte Clinton im Nov. 95 nach zweimonatigem NATO-Einsatz Tuđman, Isetbegović und Milošević (für Kroatien, Bosnien und Serbien) an einen Tisch in Dayton/Ohio. Unter Holbrook's Leitung wurde sich auf die Teilstaaten "Föderation BiH", "Republika Srpska" und dem "Brčko-Distrikt" verständigt, 10 Kantone definiert und alles zusammen ist der Staat BiH. Ein "hoher Repräsentant" der NATO hat noch immer weitreichende Befugnisse, blieb jedoch eher passiv, was unterschiedlich bewertbar ist. Ein 3er-Gespann agiert als Staatspräsidium mit einem alle 8 Monate wechseldem Vorsitz anstelle eines Präsidenten und blockieren sich so m.E. bis heute in wichtigen Entscheidungen um sich vorm jeweiligen Klientel stark darzustellen.
Besonders seperatistisch hob sich in den letzten Monaten der bosnisch-serbische Putinfreund und Rechtsextremist Dodik hervor.
Soweit die Kurzfassung!
Mit meinem Grenzübertritt nach BiH und der Willkommensflagge in serbischen Farben (ohne Wappen) wird also genau das deutlich: Menschen und Politik definieren sich als Serben, nicht als Bosnier, die grausamen ethnischen Säuberungen waren ja letzlich erfolgreich!
Auf der einsamen Waldstraße mit urigen Schluchten beidseitig kommen mir schräge Gedanken: Massengräber, in denen serbische Melizen '92-'95 Bosniaken verscharrt haben sind nachwievor zahlreich unentdeckt. Also hier sollte man suchen! OmG, gut, dass ich in 20km die Republika Srpska verlasse.
Letzter Ort zum Essen ist Kalinovik, die serbischen Flaggen am Ortseingang befremdet mich erneut, hallo? - hier BiH! Im Foto mit der öster.-ungarischen Burgfestung im Hintergrund ganz idyllisch wirkend, entpuppt sich die durch abwanderung geprägte Kleinstadt als schäbig, das hat Geschichte. K.u.k.-Schießtraining, geheime Gefangenenlager mit Bosniaken und Geburtsgemeinde des "serbischen Schlächters" Mladić, der sich, unter anderem hier, noch 15 Jahre seiner lebenslänglichen Strafe entziehen konnte, nachdem er in den Haag als Kriegsverbrecher bereits verurteilt war. Das checke ich aber alles erst hinterher, den erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Im Restaurant "Moskva" bekomme ich zur Pizza eine St. Petersburg-Serviette (warum nicht gleich Leningrad?) und auf meine Bestellung "bitte ein lokales, bosnisches Bier" nehme ich wegen der Antwort "hier gibt es serbisches Bier" trotzig eine Cola vom imperialistischen Feind.
Drohendes Gewitter lässt kein Finden eines hübschen Übernachtungsplätzchens zu, neben einem Schafsstall muss reichen, dafür netter 3-Sprachenmix-Talk mit der Bauerstochter.
Morgens verpasse ich erstmalig
meine Abzweigung und muss eine Stunde zurückfahren, also 2 Std. länger in der Rep. Srpska.
Die Landschaft im Föderationsgebiet später ist wild und überwiegend unerschlossen, wieder nur unbefestigte Straßen im Tal der Ljuta. Wow, hier möchte ich nochmal zum Wandern hin, leider fehlt selbst dafür die Infrastruktur.
Über die eingestürzte Brücke wurde kurzerhand ein Stahl-mit-Holz-Provisorium gebaut, super, denn gerade war ich 400 Höhenmeter runtergeschottert.
Später schüttet es wie aus Eimern, 2 erwartete Unterkünfte sind zu, so dass mich das Gewitter erwischt, bis mich ein Opi aufnimmt, Fische bruzelt, den Kamin anheizt und Gesprächsdrang auf bosnisch hat. Die Donner verstummen noch lange nicht und so ist die "Zelt unterm Vordach Lösung" fein. Morgens sehe ich dann auch mal was vom Neretvatal, besonders diverse kleine Brücken über den Fluss haben es mir angetan.
Die Abkürzung hinter dem Boraćko-See über die letzte Bergkette, die Bosnien vom herzegowinischen Mostar trennt, ist schweißtreibend und bietet unerwartet schöne Einkehr in der Natur.Read more























Traveler
Das sieht schon extrem schön und sehr, sehr einsam aus. Ich hätte mich wahrscheinlich mit meiner super miesen Orientierung sofort komplett verfahren und müsste jetzt leider in der Wildnis sterben. 😅
Traveler
Wie geil ist das denn? ❤️
Traveler
🫶 sieht echt schön aus
Traveler
Ohne Worte so schön ❤️