• Durchs wilde Kurdistan

    June 9, 2023 in Turkey ⋅ ☁️ 24 °C

    Rauh ist die östliche Bergregion Anatoliens, in der wir nach unserer Ausreise aus dem Irak ankommen.
    Viele Jahrhunderte lang lebten die Kurden hier als Nomaden in einer archaischen Stammesgesellschaft, unabhängig und unbeachtet von fremden Mächten.
    Die Ursprünge ihrer Problematik gehen auf den Untergang und Zerfall des Osmanischen Reiches nach dem 1.Weltkrieg zurück.
    Nach dem 2. Weltkrieg veränderte sich die Lage in Kleinasien und im Nahen Osten drastisch. Erdölfunde im Nordirak machten das Gebiet zum Zankapfel der umliegenden Großreiche.
    Staaten wurden geschaffen und neue, oft willkürliche Barrieren errichtet. Die Grenzziehung zwischen den Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs richtete sich primär nach den Machtinteressen der damaligen Groß- und Kolonialmächte.
    Die großen Verlierer waren die Kurden.
    Ihre Siedlungsgebiete wurden unter mehreren, neu geschaffenen Staaten aufgeteilt, die sie fortan anfeindeten, unterdrückten und verfolgten.
    Wirtschaftliche Beziehungen zerbrachen, und bestehende familiäre Bindungen wurden zerstört.
    Die ca. 27 - 30 Millionen Kurden, die sich als "größtes Volk ohne Land" bezeichnen, sind heute in fünf Ländern beheimatet (Türkei ca. 13 Mio., Irak ca. 4 Mio., Iran ca. 5,7 Mio., Syrien ca. 1 Mio. und Armenien ca. 400.000).
    Unter ihnen gibt es drei verschiedene Sprachen und unterschiedliche Religionszugehörigkeiten: Sunniten, Schiiten, Jesiden, Aleviten und assyrische Christen.
    Die Aufstände dieses Volkes für mehr Unabhängigkeit begannen zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Schon damals strebten die Kurden einen eigenen Nationalstaat an, der die Gebiete Südostanatoliens (Türkei), den Nord-Irak, Teile des westlichen Iran und Gebiete im Norden Syriens umfassen sollte:
    ein Staat namens "Groß-Kurdistan".
    Doch hat es niemals ein kurdisches Reich, erst recht keinen kurdischen Staat im modernen Sinne gegeben. Auch dies mag jene Erbitterung und jenen oft brutalen Fanatismus ein wenig erklären, mit denen manche Kurden heute für einen eigenen Staat eintreten. Sie fühlen sich als von der Geschichte übergangene Opfer, und sie haben auch jetzt nicht den Eindruck, dass sich die Welt um ihr Schicksal besonders schert.
    Die Vision von einem eigenen Land wird wohl keine Realität werden, zu stark sind die nationalen Interessen in der Türkei sowie in Syrien und im Irak.
    Nichtsdestotrotz lebt bei vielen kurdischen Menschen dieser Traum ungebrochen weiter.

    Unsere Fahrt nach dem Grenzübertritt vom Irak führt durch die süd-ostanatolische Steppe. Das wilde Kurdistan ist eine herrliche, weite und einsame Landschaft, über die der Wind phantastische Wolkenformationen jagt. Aber es ist eine arme Gegend, wie man unschwer erkennen kann. Kleine Dörfer mit einfachen Häusern liegen aufgereiht an der Hauptstraße.
    Außer Kuh - und Schafherden, die auf den sonnenverbrannten Hügeln grasen, und einigen Feldern gibt es nichts.
    Im Sommer soll es in der Gegend glühend heiß ( bis zu 45 Grad ) werden, im Winter können die Temperaturen schon einmal auf eiskalte -40 Grad sinken.

    In der Nähe von
    Diyarbakir, der informellen Hauptstadt der Kurden in der Türkei, patrouillieren am Nachmittag Soldaten auf den Straßen. Die Wände der Häuser sind mit Graffitis bemalt: "Nieder mit Erdogan!" "Freiheit für Kurdistan!"
    Überall am Wegesrand stehen Kameras, auf allen Hügeln entdecken wir Wach- und Aussichtstürme.
    Das ganze Gebiet ist streng bewacht und unter konstanter Beobachtung. Wir passieren etliche Militärposten. Die Kasernen sind mit Panzerwagen und Sandsackbarrieren zusätzlich geschützt.
    Auffallend ist die starke Präsenz der Polizei vor allem an größeren Orten.
    Immer wieder gibt es Straßensperren, an denen Pässe und ggf. Fahrzeuge begutachtet werden.
    Doch trotz der vielen Kontrollen durch schwer bewaffnete Soldaten fühlen wir uns nicht bedroht oder in Gefahr.
    Wir werden stets mit einem freundlichen “welcome“ oder “I love Germany“ begrüßt oder verabschiedet.
    Ganz gespannt warten wir nun auf das, was vor uns liegt.
    Unser Reiseführer bezeichnet diesen Landstrich der Türkei als einen biblischen Traum.
    Wir sind hochmotiviert und schon auf dem Weg, diesen Traum zu erkunden.
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