• Die Krönung

    February 20, 2025 in Costa Rica ⋅ 🌧 26 °C

    Bisher hatte ich kaum die Gelegenheit, Faultiere aus der Nähe zu sehen. Deshalb habe ich heute beschlossen, das Sloth Santuario zu besuchen. Ich möchte diese faszinierenden Tiere hautnah erleben und mehr über sie erfahren.

    Nach einer 30 Kilometer langen Fahrt und einem Eintrittspreis von 30 Dollar bin ich schließlich im Santuario angekommen und kann die Dauerbewohner dieser privaten Einrichtung für kranke und verletzte Faultiere beobachten. Einige von ihnen wurden von ihren Müttern verlassen, weil sie gesundheitliche Probleme hatten, während andere durch Angriffe von Hunden verletzt wurden. Besonders berührend ist die Geschichte eines verletzten Weibchens, das vergangenes Jahr von Passanten gebracht wurde. Später stellte sich heraus, dass sie schwanger war. Aufgrund ihrer Verletzungen kann sie jedoch nicht wieder in die Freiheit entlassen werden, und ihr Jungtier kann nicht von ihr lernen, wie man in der Wildnis überlebt. Somit bleibt auch dieser kleine Faultierbewohner ein Dauergast im Santuario.

    Nachdem sich meine ersten Emotionen etwas gelegt haben und ich bereits ein paar Fotos gemacht habe, bin ich bereit für den informativen Vortrag. Die Geschichte der Faultiere reicht zurück bis vor 20 Millionen Jahren in das heutige Patagonien, wo Skelette ihrer Vorfahren gefunden wurden. Diese frühen Faultiere waren riesige Raubtiere und lebten am Boden. Im Laufe der Evolution haben sie nicht nur ihre Größe, sondern auch ihren Lebensraum und ihre Ernährungsgewohnheiten verändert.

    In Costa Rica gibt es zwei Arten von Faultieren: das Dreifinger- und das Zweifingerfaultier. Der offensichtlichste Unterschied liegt in der Anzahl der Finger an ihren Vorderbeinen. Aber auch ihr Körperbau, ihre Fellfarbe und ihre genetische Herkunft sind unterschiedlich. Die Zweifingerfaultiere haben ein helles Fell und ihre Gesichter erinnern ein wenig an die von Ferkeln. Sie wiegen etwa 4 bis 9 Kilogramm bei einer Körpergröße von etwa 60 Zentimetern. Die Dreifingerfaultiere sind mit 3 bis 5 Kilogramm kleiner, haben dunkleres Fell und wirken mit ihrem freundlich lächelnden Gesicht besonders sympathisch.

    „Der Unterschied zwischen den beiden Arten ist so groß wie zwischen Hunden und Katzen“, erklärt der Guide. Im Santuario kann man die Faultiere beobachten und viel über ihr Verhalten lernen. Das Revier eines einzelnen Faultiers erstreckt sich über etwa 15 Bäume. Einmal pro Woche verlassen sie die Äste, um am Boden ihr Geschäft zu verrichten. Auf dem Boden sind sie jedoch mit einer Wahrscheinlichkeit von 60% Gefahren ausgesetzt, etwa durch Krokodile, Kaimane oder Hunde.

    Trotz der Assoziation, dass Faultiere faul seien, haushalten sie einfach sehr sparsam mit der begrenzten Energie, die ihre Nahrung bietet. Ähnlich wie Kühe haben sie vier Mägen, in denen die gegessenen Blätter bis zu einer Woche verweilen! Eine Mahlzeit kann also einen ganzen Monat lang in ihrem Verdauungssystem bleiben. Daher sind ihre Bewegungen stets gut überlegt. Dies gilt auch für die Männchen, die sich in der Fortpflanzungszeit nicht groß um die Weibchen bemühen. Stattdessen erkennen die Männchen, wenn Weibchen bestimmte Gerüche abgeben oder Laute von sich geben, und machen sich dann auf den Weg. Biologen nehmen an, dass in Anbetracht der Energieeinsparung jeder Paarungsakt zur Schwangerschaft führt.

    Die Tragzeit eines Zweifingerfaultiers beträgt 11 Monate. Bei Zwillingen wird eines der Babys ausgestoßen, und wenn das Jungtier häufig von der Brust der Mutter fällt, kann es ebenfalls zurückgelassen werden. Ein Jahr lang wird das Jungtier von der Mutter versorgt, bevor sie es verlässt, um ein neues Territorium zu suchen und erneut schwanger zu werden.

    Als wechselwarme Tiere, ähnlich wie Reptilien, regulieren Faultiere ihre Körpertemperatur, indem sie sich in warme und kühle Bereiche begeben, sei es in die Sonne oder in den Schatten, oder indem sie sich zu einer Kugel zusammenrollen, um Wärme zu speichern. Ihre Körpertemperatur schwankt je nach Außentemperatur zwischen 24 und 33 Grad Celsius und sinkt besonders während kalter Regenperioden. Sie sind vollständig von den Umweltbedingungen abhängig, und ihre Körpertemperatur kann an einem einzigen Tag um mehr als 10 Grad schwanken. Wird es zu kalt, können die speziellen Mikroben in ihrem Magen absterben, was dazu führt, dass sie die Blätter, die sie fressen, nicht mehr verdauen können.

    Faultiere, die in den Bergregionen Südamerikas leben, sind durch ihre unzureichende Anpassungsfähigkeit
    ihres Stoffwechsels bei höheren Temperaturen akut gefährdet, insbesondere durch die vom Menschen verursachte Überhitzung des Klimasystems der Erde. Steigende Temperaturen erhöhen ihren Energieverbrauch, während ihre Verdauung zu langsam bleibt, was zu einem Energiedefizit führt. Wissenschaftler prognostizieren, dass Faultiere in höheren Berglagen bis zum Jahr 2100 vom Aussterben bedroht sein werden. Einzige Ausnahme sind die im Tiefland lebenden Faultiere, die ihren Stoffwechsel verlangsamen können, um mit der Hitze umzugehen, was ihnen erlaubt, in kühlere Höhenregionen auszuweichen.

    Ich bin begeistert, die Tiere so nah erlebt zu haben. In der Natur sieht man sie meist schlafend, hoch oben in den Baumkronen, wo sie oft schwer zu erkennen sind. Wenn man jedoch einen von ihnen zu Gesicht bekommt, kuschelt er sich meistens zu einer kleinen Kugel zusammen.

    Heute scheint jedoch mein/ unser Glückstag zu sein! Einige Stunden später entdecken wir am Strand in der Nähe eine Mutter mit ihrem Baby. Wir können das kleine Gesichtchen deutlich erkennen.

    Um die Tage in Puerto Viejo an der Karibikküste gemütlich ausklingen zu lassen, gehen wir abends noch einmal in ein Restaurant am Strand. Was wir dort erleben, ist mit Abstand der absolute Höhepunkt unseres Costa-Rica-Urlaubs. Plötzlich sehen wir ein Zweifingerfaultier, das sich quer über die gesamte Decke bewegt und dann in der Dunkelheit auf den Bäumen verschwindet.
    Was für ein unvergessliches Erlebnis!
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