Reparaturodyssee und Inselglück
Oct 16–22 in Vietnam
⛅ 31 °C
Nach dem Grenzübertritt holt mich erst einmal das vertraute Tief ein, das mich nach dem Abschluss eines großen Reisekapitels zuverlässig erwischt. Der Kopf braucht eine Pause und die Motivation für den nächsten Streckenabschnitt muss sich erst noch sortieren.
Um die eher unspektakuläre Etappe bis zur Küste zu überspringen, steige ich kurzentschlossen in einen Kleinbus. Noch vor der stundenlangen Fahrt, die über spürbare Umwege fast bis nach Hanoi führt, nutze ich die Wartezeit am Busbahnhof für eine längst überfällige Wartung. Ich rüste an beiden Rädern das zu Beginn vergessene Felgenband nach und bin noch mehr überrascht, dass ich bei den teils rauen Straßen bislang nur einen einzigen Platten hatte. Doch beim Ausbau des Hinterrades passiert mir ein Missgeschick und mein Schaltwerk wird beschädigt.
Das ganze Ausmaß wird mir erst bewusst, als ich in Bai Chay wieder aus dem Bus steige. Eigentlich wollte ich direkt am nächsten Morgen die Fähre nach Cát Bà nehmen, aber stattdessen geht es per Taxi weiter in die nächste Großstadt Hai Phong, um nach passenden Ersatzteilen zu suchen.
Das Wochenende stellt mich allerdings vor eine weitere Herausforderung, denn ich habe nicht genügend Bargeld dabei und die Banken arbeiten erst am Montag wieder. Ein einfacher Geldautomat nützt mir leider nicht viel, da ich seit Bulgarien ohne Kreditkarten unterwegs bin.
Ich nutze die unfreiwillige Pause in Hai Phong zum Entspannen und beobachte fasziniert das vietnamesische Stadtleben. Die Atmosphäre hier unterscheidet sich drastisch von China. Auf den Straßen geht es spürbar chaotischer und lauter zu, da kaum Elektrofahrzeuge unterwegs sind und die omnipräsente Kameraüberwachung komplett fehlt. Gleichzeitig fasziniert mich die offene und liberale Stimmung. Das Leben spielt sich auf den Bürgersteigen ab, Wohnzimmer gehen nahtlos in winzige Garküchen über und der private Raum vermischt sich ganz natürlich mit dem öffentlichen.
Am Sonntag schaffe ich es dann doch noch über eine Drittanbieter-App die Reparatur in einer kleinen Werkstatt digital per QR-Code zu bezahlen. Als ich dort ankomme, legt der freundliche Besitzer sofort los und montiert mir aus seinem Fundus ein passendes Ersatzteil. Statt elf Gänge habe ich ab sofort zwar nur noch zehn, doch auf den größten Gang kann ich auf einem schwer beladenen Reiserad problemlos verzichten. Zusammen mit einer neuen Kassette ist mein Antrieb nach allen Hürden wieder bestens für die nächsten Kilometer gerüstet.
Nachdem ich am Montag mein Bargeld abgeholt habe, breche ich endlich Richtung Küste auf. Die ersten Kilometer durch dichte Industriegebiete und Hafenanlagen sind zwar noch zäh, doch nach einer kurzen Fährüberfahrt auf die Insel Cát Bà verändert sich die Szenerie schlagartig. Ich rolle über fast menschenleere Straßen durch ruhige Inseldörfer und gelange schließlich auf eine traumhafte Küstenstraße. Hier blicke ich nach langer Zeit erstmals wieder auf das offene Meer. Seit meiner letzten Begegnung mit dem Schwarzen Meer Ende Juni in Georgien sind knapp vier Monate vergangen und nun stehe ich am Pazifik.
Im Hauptort Cát Bà Town im Süden der Insel folgt am Abend allerdings die Ernüchterung. Der Ort schockiert mich mit seiner extremen touristischen Überprägung. Überall reihen sich Hotelklötze und Touristen-Lokale aneinander und für noch mehr Infrastruktur wurde sogar Land ins Meer aufgeschüttet. In dem kleinen Ort sieht man fast ausschließlich westliche Gesichter, während die Einheimischen vor allem im Hinterland der Insel leben.
Dafür hat die Insel einige Naturschönheiten zu bieten. Am nächsten Tag lasse ich das Gepäck im Hotel, fahre mit dem Rad zehn Kilometer zum Nationalpark und wandere auf den Gipfel Ngu Lam. Der steile Pfad führt über feuchte Felsen durch dichten Dschungel und bringt mich in der tropischen Schwüle ordentlich zum Schwitzen. Oben bietet sich mir ein phänomenaler Blick über ein schier endloses Meer aus grün bewachsenen Karstgipfeln. Auf dem Rückweg entfliehe ich den Menschenmassen auf einen ruhigen Nebenpfad, wo mich unzählige bunte Schmetterlinge begleiten, bevor ich noch die idyllisch beleuchtete Trang-Trung-Höhle erkunde.
Das absolute Highlight wartet schließlich am Folgetag mit einer selbstgeführten Kajaktour durch die Lan-Ha-Bucht. Bereits die Anreise mit dem Wassertaxi ist spektakulär, denn auf dem Weg zum Startpunkt passiere ich faszinierende schwimmende Dörfer, wo Fischerfamilien auf hölzernen Pontons mitten auf dem Wasser leben.
An einem abgelegenen Strand setzt mich das Boot schließlich samt professionellem Seekajak ab. Von dort aus paddele ich elf Kilometer lang vollkommen auf mich allein gestellt durch ein stilles Labyrinth aus steil aufragenden Kalksteinfelsen, die wie grüne Skulpturen aus dem Wasser ragen. Die Umgebung wirkt vertraut und doch völlig neu im Vergleich zur Karstlandschaft an Land, die ich in China intensiv erlebt habe.
Zur Mittagspause steuere ich einen kleinen, einsamen Sandstrand an, esse meine mitgebrachten Bánh Mì im Schatten der Felsen, bade im 29 Grad warmen Wasser und genieße die absolute Stille. Nach der ausgedehnten Pause mache ich mich auf den Rückweg zum Ausgangspunkt, wo mich das Wassertaxi pünktlich zum Sonnenuntergang wieder abholt.
Eine rundum versöhnlicher Ausgleich für die Aufregung der ersten Tage in Vietnam.Read more



















