Abschied von den vielen Gesichtern Chinas
Oct 11–15 in China
☀️ 32 °C
Im Anschluss an die entspannten Tagen in Nanning rolle ich weiter gen Westen und fahre zunächst noch durch die vertrauten, endlosen Zuckerrohrplantagen. Doch die Landschaft verändert sich spürbar, als am Horizont die ersten spektakulären Felsnadeln auftauchen. Ich habe mir bewusst dieses Grenzgebiet zu Vietnam als landschaftliches Finale ausgesucht, um noch einmal in die faszinierende Karstwelt einzutauchen. Auch wenn der Überraschungseffekt nicht mehr ganz so überwältigend ist wie bei meiner ersten Begegnung am Yulong, begeistert mich diese Region sehr. Sie ist spürbar untouristischer, ursprünglicher und damit auf eine ganz andere Art wunderschön.
An meinem Geburtstag entscheide ich mich ganz bewusst gegen einen Pausentag und wähle stattdessen die lange Genussroute. Statt von Anping auf direktem Weg nach Mingshi zu fahren, nehme ich einen ausgiebigen Umweg in Kauf. Entlang des Heishui He fahre ich flussaufwärts durch herrlich naturnahe Abschnitte. Es folgt eine kleine Kletterpartie mitten durch die aufragenden Felsen, die mich mit grandiosen Ausblicken und schnellen Abfahrten belohnt.
Vorbei an leuchtenden Reisfeldern folge ich schließlich dem Mingshi-Fluss hinab bis in den gleichnamigen Ort. Obwohl das Dorf selbst stark touristisch ausgebaut ist, stört mich das kaum. Auf dem Fahrrad habe ich die eigentliche, unberührte Schönheit der Kulisse abseits der Zentren bereits ausgiebig aufgesaugt. Eine schönere Geburtstagsetappe hätte ich mir kaum schenken können.
Über ruhige Betonstraßen zwischen Zuckerrohr- und Bananenplantagen fahre ich am nächsten Tag weiter nach Longzhou. Den Stopp nutze ich ganz pragmatisch, um mir über Taobao rechtzeitig Fahrradersatzteile direkt ins Hotel zu bestellen.
Auf den letzten Kilometern zur Grenze komme ich ins Nachdenken über die vergangenen Wochen. In der Rückschau hatte ich in China überraschend wenig direkten Kontakt zu den Menschen und war oft hin und her gerissen, wie ich manche Blicke deuten sollte, ob es Schüchternheit war, die gewaltige Sprachbarriere oder einfach eine Distanz gegenüber Fremden. Ausgerechnet mein letzter Tag zeigt mir noch einmal das Gegenteil. An einer malerischen Straße entlang des Flusses Ping'er treffe ich auf eine Gruppe chinesischer Motorradfahrer, die ihren Gaskocher anwerfen und mich spontan mit Tee bewirten. Wenig später bei der Mittagspause in Pingxiang werde ich vom Nachbartisch ebenso herzlich in ein Gespräch verwickelt. Ein wunderbar warmer Abschluss, bevor es über den geschichtsträchtigen Freundschaftspass und dreimaliges Scannen meiner Taschen hinüber nach Vietnam geht, dem 16. Land dieser Reise.
Wenn ich nach sieben Wochen zurückblicke, fällt es mir erstaunlich schwer, Worte für dieses Land zu finden. Nach Monaten auf dem Rad dachte ich eigentlich, mich schockiert oder überrascht so schnell nichts mehr. Doch China hat mich sprachlos gemacht, immer wieder begeistert und von Grund auf gefordert. Für mich hat sich diese Zeit nicht wie ein einzelnes Land angefühlt, sondern wie mehrere komplett verschiedene Welten. Da war der lange ÖPNV-Transit aus Kirgistan, gefolgt von der Weite und Einsamkeit auf dem tibetischen Plateau verbunden mit der Begegnung mit dem dem tibetischen Buddhismus. Dann der radikale Umschwung ins feuchtwarme Brodeln der 20-Millionen-Metropole Chengdu, bevor es in den Süden zu den Reisterrassen der Dong-Minderheit und in die atemberaubende Karstwelt rund um Guilin und Mingshi ging.
Um diese gewaltigen Dimensionen überhaupt bewältigen zu können, musste ich lernen mich anzupassen und trotz Aufenthaltsverlängerung auch mal lange Strecken mit der Bahn zu überbrücken.
Aus landschaftsarchitektonischer Sicht hat mich China tief inspiriert, denn die jahrtausendealte Gartenkunst bewegt sich hier auf einem Niveau, das ich so noch nie erlebt habe.
Auch kulinarisch war es eine Reise für sich, denn so vielseitig, lecker und preiswert habe ich mich wohl auf der gesamten Strecke noch nicht durch die Straßen probiert.
China verlasse ich mit tiefem Respekt vor seinen Gegensätzen und der Gewissheit, ein gewaltiges Kapitel meiner Reise abgeschlossen zu haben.Read more






















TravelerLieber Aaron, nachträglich die allerherzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag. Viel Glück und Gesundheit für das neue Lebensjahr!