• SuperBock mit Serena& Port mit Bellamira

    March 22 in Portugal ⋅ ⛅ 12 °C

    Mann-oh-Mann! Der erste Tag auf dem Camino und schon hab ich „Schreibstress“. 🥴😁

    Es ist 21.31 und ich schreib jetzt noch bis ich entweder a) alles geschrieben hab was in meinen Synapsen so rumspringt oder b) mir die Äuglein zufallen.

    Auf geht‘s meine lieben Fingerlein:
    Heut morgen war der Himmel endlos blau und die Temperaturen perfekt für einen perfekten Beginn meiner Pilgerwanderung auf dem Camino.
    Was nicht perfekt war/ist, ist die Strecke von Porto Innenstadt raus aus der Stadt.

    „Man läuft an stark befahreneren Straßen entlang, durchläuft Industriegebiete, Wohnsiedlungen und Brachgelände. Man durchläuft einfach nichts was schön ist.“, so steht es in einschlägigen Portalen.

    Dass das nix ist für einen „Schöngeist“ wie mich war schnell mal klar. Und so befolgte ich den Rat von routinierten Wanderern und bestellte mir ein Taxi für die Fahrt raus aus der Stadt.
    Marco, der mich schon vom Flughafen abholte, stand Punkt 08.15 Uhr am Hotel. Einsteigen, festschnallen und auf geht‘s raus aus der Stadt in die ländlichen Vororte von Porto.

    Mosteiro hieß der DopOff Punkt meiner Wahl. Ein kleiner Park direkt am Camino gelegen und ideal für ein letztes Prüfen ob der Rucksack sitzt, der Scheitel gekämmt, die Schnürsenkel fest gebunden.
    Dann ging‘s los! Unweigerlich los!

    Vor mir lag eine Strecke von rund 18 Kilometern zu einem Ort mit Namen Arcos. Ich hab‘ so geplant, dass ich die ersten drei Tage Strecken zwischen 16-19 Kilometer wandere. Zum einen um zu schauen wie es mir und meinem Körper geht und zum anderen, ob Schuhe und Rucksack sitzen. 18 Kilometer für den ersten Tag, das ist in rd. 4-5 Stunden machbar. Eintreffen am Zielort am frühen Nachmittag und dann „Wunden lecken“ Bierchen trinken. Passt!

    Das Wetter war fantastisch. Blauer Himmel. Nicht zu heiß und nicht zu kalt. Der Weg moderat steigend bis größtenteils eben. Etwas nervig war, dass doch einige Passagen entlang befahrener Straßen waren. Und aufgrund von fehlenden Gehwegen, ich auf der Straße lief. Sehr zum Leidwesen von Autofahrern und Wanderern.

    Die Landschaft änderte sich von städtisch auf ländlich. Grüne Wiesen, gepflügte Felder und jede Menge blühender Landschaft. Wellness für die Augen!

    Anfang war ich ganz alleine. Niemand hinter mir, niemand vor mir. Na ja, dachte ich, bin ja früh dran. Vielleicht schläft der normale Pilger einfach länger.
    Nach ca. 1 1/2 Stunden traf ich auf eine junge Frau, die mit Rucksack alleine am Wegesrand saß. Aha, dachte ich, Pellegrina (Pilgerin). Die Höflichkeit gebietet, dass alle Pilger miteinander reden bzw. sich zumindest ein „Bom Camino“ wünschen. Nach meinem Pilgergruß erwiderte sie den den ihrigen mit einem Zungenschlag der sagte: Deutsche Sprache, wahrscheinlich Schweizerin. Tatsache: Schweizerin aus Region Zürich.
    So kam es, dass Serena (so ist der Name der jungen Dame) und ich, die restliche Strecke bis Arcos zusammen wanderten.

    Hier eine grundsätzliche Bemerkung: Ich frage jeden, ob ich deren Namen und Geschichte hier im Blog nennen darf und ob ich Fotos mit ihnen verwenden kann. Niemand soll/darf hier auf in meinen Zeilen ohne Einwilligung erscheinen.

    Nun weiter zu Serena.
    Serena ist Pilgerprofi. Obwohl -das muss ich gestehen- sie äusserlich nicht den Eindruck einer gestanden Pilgerin macht. Eindrücke sind eben immer auch sehr subjektiv bis man das Subjektive durch objektive Kommunikation widerlegen kann. Serena ist so ein Fall einer objektiv aktiven interessanten Person, die subjektiv betrachtet nicht gleich als solche zu erkennen ist.

    Serena hat den 800 Kilometer Camino Fances in seiner ganzen Länge schon erwandert. Im Dezember! Sie macht Pferdetrekking in Kirgistan und ist… …Achtung Tusch „Tatatataaa“: Bäuerin!
    Tatsächlich bewirtschaftet sie in der Schweiz ihren eigenen Hof. Sie hat Pferde, Ziegen und Hühner. Baut Sonnenblumen und Knollengemüse an. So bewirtschaftet und erntet sie auf über einen Hektar Feld Rhabarber. Alles von Hand, keine Maschinen. Knochenarbeit.
    Auf dem Camino Frances hatte sie damals drei Zehnägel verloren und ist tagelang mit blutenden Füßen gelaufen.

    Den diesjährigen Camino hatte sie einen Tag vor mir direkt aus Porto gestartet. Sie bestätigte, dass die Wanderung aus Porto heraus ätzend sei und ich das mit dem Taxi ganz richtig gemacht hätte. Sie läuft im Schnitt so 25 km pro Tag. Gestern hatte sie schon drei Blasen gelaufen, die heute gepflastert waren. Während wir in Richtung Arcos unterwegs waren ging‘s zuerst am linken Fuß „Autsch, Blase auf“ und dann am rechten Fuß „Autsch, Blase auf“. Ich riet ihr an zu halten, Schuhe aus zu ziehen und die offenen Blasen zu behandeln. Nix da, meinte sie, wenn sie jetzt die Schuhe auszöge, dann würde sie die nicht mehr anziehen. Also hieß es Zähne zusammenbeißen und durchhalten bis Arcos.
    Es war eine kurzweilige Wanderung durch sehr schöne, sonnige Landschaft. Sie erzählte von den Problemen und der Mühsal auf dem Hof, dass sie jedoch nicht anders könne, da der Hof vom Vater übernommen wurde. Der Hof selbst wirft nicht genügend ab und so hat sie noch zwei andere (Teilzeit) Jobs um über Wasser zu bleiben.

    Mittlerweile waren noch einige andere Pilger unterwegs. Immer gab es kurze Unterhaltungen und dann ging jeder wieder in seiner Geschwindigkeit weiter.

    Punktgenau 13 Uhr kamen wir in Arcos an. Es war heiß gewesen auf dem Pilgerpfad. Mühselig, steinig und hart, so wie pilgern nun mal ist.
    Was verschafft Linderung: Super Bock!
    Super Bock, hell, blond, süffig und idealerweise kalt
    Dieses wohlige „Aaaaaah“ nach dem ersten Schluck gönnten wir uns im Garten einer wunderbaren Pilgerherberge. Toller Innenhof und uralte Gemäuer.
    Beim Zischen des Bieres gesellte sich noch ein Paar zu uns. Australier! Die beiden sind extra aus Australien hierher geflogen um den Camino zu wandern. Vom anderen Ende der Welt nur wegen dieses „schnöden“ Weges?!
    Nun ja, ich frage ob es denn wegen Religiosität wäre, weshalb sie den weiten Weg auf sich genommen hätten. Nein, meinten sie, es wäre der sportliche und kulturell-landschaftliche Aspekt gewesen.
    Übrigens ist das bei Serena ebenso. Sie ist nicht gläubig im katholischen Sinne und sie macht diese Pilgerwege wegen dem sportlichen, landschaftlichen und dem menschlichen Aspekt. Man träfe so tolle Menschen und man führe so tolle Gespräche, meinte sie.

    So saßen wir zu viert im Garten der Herberge und genoßen unser kühles Super Bock. Es entwickelte sich ein lebhafter Plausch über die Welt, die Politik und unser aller Leben auf den verschiedenen Kontinenten.

    Die Zeit verflog und irgendwann muss ich zu meiner Herberge weiter ziehen. Villa de Arcos, so ist der Name meiner bescheidenen Hütte, in der ich mein Haupt bette.
    Ich gestehe, ich war irritiert ob der Ausstattung des Hauses und meines Zimmers. Also Pilgerzimmer hatte ich mir anders vorgestellt!

    Abends 19 Uhr gab‘s Abendessen. An der langen Tafel waren nur zwei Gedecke eingedeckt. Oha, dachte ich, das ist aber „exklusiv“. Und wer gesellte sich da an meinen Tisch? Ein Schwabe! Wen will man denn sonst als Badenser treffen, wenn man fern der Heimat ist. Alfred! So heißt er. Zusammen saßen wir da und wurden von Bellamira bekocht und bedient. Bellamira, die Chefin und Köchin des Haues. Das Essen bestand aus Vorspeise, Suppe, Hauptgang (Hähnchenkeule mit Kartoffeln und Gemüse) und als Finale Schokoladenpudding. Es war richtig lecker. Alfred und ich unterhielten uns lebhaft über das mannigfaltige Leben das ältere Männer so leben. Alfred ist ein „Power-Pilger“,. will heißen, er macht nur Strecken von 25 km plus. Je länger desto besser. Da sag ich nur: Jedem das seine und mir die Strecken unter 25 km.
    Jedenfalls war‘s ganz lustig und interessant. Bellamira gesellte sich noch zu uns und wir sprachen über den Camino und die Pilger. Gestern hatte sie einen Gast. Und sie kochte nur für diesen einen Gast. Heute sind‘s Alfred und ich. Morgen ist‘s ebenfalls nur eine Person. Aber, ab nächste Woche Mittwoch ist sie komplett bis Ende Oktober ausgebucht. Jeden Tag, sieben Tage die Woche. Sie kocht und bäckt alles selbst. Das einzige was sie nicht macht sind die Zimmer. Ansonsten ist sie für alles und jeden zuständig. Da sag ich mal: Hut ab vor dieser Damen.
    Wie soll‘s in Portugal anders sein, gab‘s als Absacker bzw. Betthuperl einen Portwein. Nett. Lecker. Fein.

    Nach dem flüssigen Betthupferl hüpfe ich nun auch ins Bett.

    Boa Noite!
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