• 4. Etappe: Kontemplation!

    March 25 in Portugal ⋅ ⛅ 11 °C

    Kontemplation?!
    Was ist denn das? Kann man das essen?

    Bevor‘s zur Auflösung geht , erst noch ein Zustandsbericht zu meinem körperlichen Zustand (siehe Footprint von gestern).
    Heute morgen in meinem Prinzenschloß aufgewacht und gleich mal in mich hineingehört. Alles gut. Alles ruhig.
    Vorsichtig über den Bettrand geschwungen und aufgetreten.
    O.K. keine -nennenswerten- Schmerzen. Im Vergleich zum vorigen Morgen, ein Zustand der schmerzfrei zu nennen ist.
    Das ist doch super, so meine Stimmung, der rechte Fuß hat sich über Nacht erholt.

    Heute, nach meiner bis dato längsten Tour mit etwas über 20 KM darf ich sagen, dass alles funktioniert so wie‘s soll. Schmerzfrei! Der ganze Körper inklusive meinem linken Fuß signalisieren: Lauf, Bub, lauf! Einzig der rechte Fuß meldet sich bei jedem Schritt mit „ich bin auch noch da!“. Der Druckschmerz auf dem Fußrücken ist noch da, der Schmerz und die Spannung in der Fußwölbung ist jedoch weg.
    Ein körperlicher Zustand, der fast als optimal bezeichnet werden kann.
    Die eine Blase wurde abgepflastert und verhielt sich auch den ganzen Tag ruhig.
    Und erfreulicherweise ist heute trotz langer Strecke keine weitere hinzu gekommen. Perfekt!

    Nun zur Kontemplation.
    Während die vergangenen Tage sehr kommunikativ und mit vielen Gesprächspartnern waren, stellte sich der heutige Tag als ganz anders dar.
    Vielleicht lag‘s daran, dass ich sehr früh (8.30) auf dem Camino war. Ich traf die ersten Stunden (!!) keine Menschenseele.
    Wenn Konversation mit fremden Menschen nicht möglich, dann nimmt man doch am Besten die einzige Person, die immer greifbar ist, nämlich sich selbst.
    Und da ich auf einem Pilgerweg bin, kann ja dieses alleine wandern nicht einfach „alleine wandern“ heißen sondern muss einen spirituellen Überbau bekommen.
    Die Kontemplation!
    Ein Zwiegespräch und Besinnung auf sich selbst und den lieben Gott.
    Das Zwiegespräch erledigte sich relativ schnell, denn in meinem fortgeschrittenen Alter kennt man sich ja schon ganz gut. Neue „Gesprächsthemen“ sind da eher nicht zu erwarten.
    Also stellte sich die „Besinnung“ in den Vordergrund. Da Besinnung und Gott irgendwie mit Schöpfung zu tun haben, legte ich das Augenmerk am heutigen Tag auf die Beobachtung der Schöpfung um mich herum. Die Landschaft, die Menschen und die Orte.

    Wir sind hier im Norden von Portugal. Eine landwirtschaftlich geprägte Gegend. Keine großen Ackerflächen sondern viele kleine Parzellen.
    Nach dem Durchwandern von Feld, Flur und Ortschaften darf ich sagen, den Menschen hier geht‘s gut. Wenn das Aussehen der Häuser und Gärten als Maßstab genommen werden kann, dann ist so, dass alle Häuser super gepflegt aussehen. Es gibt quasi keine Ruinen oder ungepflegte, schmuddelige Ecken. Alles tippi-toppi in Schuss. Die Gärten sind eine Augenweide. Die meisten auf jeden Fall.
    Wenn man den Wohlstand an den Automarken misst, so darf ich sagen, dass es den Menschen hier gut bis sehr gut geht. Teslas und Mercedes sind keine Seltenheit. Seltenheit haben dagegen alte und verbeulte Autos. Wirklich viele Hybrid und Elektroautos unterschiedlicher Marken.
    Sozusagen ein Bullerbü im Norden Portugals. Die Welt scheint in Ordnung zu sein.

    Glück hab ich (wir) mit dem Wetter. Bis vor zwei Wochen war es hier kalt und es regnete oft und ergiebig. Jetzt, strahlt die Sonne von einem azurblauen Himmel. Die Temperaturen sind angenehm (perfekte Wandertemperaturen). Die Landschaft strotzt vor saftigem Grün und blühenden Blumen. Also ich bin ja kein Botaniker und hab ansonsten kaum ein Auge für Blumen und Blüten, aber hier und heute darf ich gestehen, dass ich richtiggehend überwältigt (neudeutsch: geflasht) bin ob der Blüten- und Farbpracht. Auf dem Handy hab ich die App Flora Incognita. Mit der kann man bestimmen, um welche Pflanze es sich handelt. Man fotografiert Blüte, Blätter, Stamm und meistens spuckt dann die App den Namen und die botanischen Bedeutung der Pflanze aus. So hab ich heute meine Wissen um die Glänzende Tibouche, Wegerichblättriger Natternkopf und Regenzeigendes Kapkörbchen erweitert. Leider ist jetzt schon sicher, dass ich morgen nix mehr darüber weiß. Was bleibt ist die Gewissheit, dass all diese Blumen wunderschöne Schöpfungen der Natur sind.
    Und ich wiederum, darf es als Geschenk vom lieben Gott, dem Universum oder von Mutter Natur annehmen, dass ich diese Pilgerwanderung machen kann.
    Tja und somit wäre der kontemplative Kreis meiner Kontemplation geschlossen.

    Natürlich war ich nicht die ganze Zeit alleine. Es gab schon immer wieder kleine Gespräche mit anderen Pilgern. Jedoch war heute niemand dabei mit dem einen längere Strecke gemeinsam ging. Ich gestehe, ich wollte das nicht, denn Flora Incognita hatte mich voll in ihren Bann geschlagen.

    Morgen, morgen ist „Stresstag“. Die Bergetappe! Von Ponte de Lima geht‘s über steile Bergpfade und Bergkämme hinüber nach Rubiaes. Laut Komoot sind das 450 Höhenmeter. Was für einen Schwarzwälder nicht unbedingt eine Herausforderung ist. Meine früheren Wegbegleiter, die heute nach Rubiaes gewandert sind hatten sich heute gemeldet. Serena meinte, dass die Tour heftig war. Alfred meinte, dass es ganz schön bergauf und bergab ging und er sich vier Blasen gelaufen hatte.

    Wir werden sehen. Ich werde berichten.
    Read more