• 5. Etappe: Der Tag der Muskeln!

    March 26 in Portugal ⋅ ⛅ 11 °C

    Heute war Tag der Muskeln!
    Alle waren gefordert. Bauch, Beine, Po. Kau- und Sprechmuskulatur.
    Welche der Muskelgruppen mehr gefordert waren, hängt vom Zeitpunkt der Betrachtung ab.

    Fangen wir am heutigen Morgen an.
    Ponte de Lima im Hostel. Kaum hatte ich meine zarten Augen geöffnet, verfolgten mich schon Fotos vom eingeschneiten Glottertal.
    Hier waren nun die Muskeln der Augenbrauen gefordert, welche sich zu einem „Oha!“ hochzogen. Schnee! Davon sind wir hier soweit entfernt, wie der Eisbär, der Pinguine jagen will. Hier auf dem Camino gibt‘s Sonne. Und zwar satt!
    Wiedermal makellos blau wölbte sich das himmlische Blau über die Dächer von Ponte de Lima.

    Das Frühstück im Hostel war so, dass sich der bisherige Eindruck „Muss ich nicht nochmal haben.“ verfestigte. Highlight war Lia. Lia, die Dame der Frühschicht, die sowohl Rezeptionistin, Köchin wie Frühstücksbeauftragte war. Nachdem sie mir Kaffee brachte, kam sie mit einer Kiste in der kleine runde -für mich undefinierbare- Dinge lagen. Ich soll mir drei raussuchen. Alle sollten unterschiedliche Farben haben. Etwas verdutzt und absolut Nichts wissend suchte ich mir drei raus und gab sie ihr.
    Wenige Minuten später kam sie mit meinem Pilgerpass zurück und präsentierte den von ihr hergestellten Stempel in Siegelwachs. Das war nun wirklich eine Überraschung. Sie hatte die drei kleinen Wachskugeln genommen, eingeschmolzen, auf den Pass tropfen lassen und dann den Hausstempel reingedrückt. Ein echtes Siegel. Das hatte ich auch noch nie. Ich freute mich sehr und sie freute sich, weil ich mich freute. Win-win am frühen Morgen. Das fing ja heiter an.

    Nach Verabschiedung und vielen Guten „Buen Camino“ Wünschen ging‘s los in Richtung Berge. Bekannt und berüchtigt ob der steilen Anstiege hinüber ins Tal von Rubiaes.
    Heute war für Po und Beinmuskulatur klar: Schwerstarbeit!

    Die ersten Kilometer verliefen mega idyllisch entlang eines Kanals. Gegen Ende des Kanals traf ich auf Bruna. Bruna war dabei ein Video von sich zu erstellen, wie sie am Kanal entlang geht. Klaro, als Gentleman-Pilger erster Güte und alter Wahl, offerierte ich meine Fähigkeiten als Video-Creator. Bruna nahm das Angebot an.
    Ab diesem Zeitpunkt waren dann nicht nur die Muskeln meines Gehapparates gefragt, sondern in zunehmendem Maße auch meine Sprechmuskulatur.
    Bruna ist Brasilianerin, die mit 18 von Zuhause in die Welt zog. Mittlerweile spricht sie fünf Sprachen fließend. Sie bezeichnet sich selbst als etwas überdreht. Sagen wir mal so, sie hat von Mutter Natur ziemlich viel Energie mitbekommen und sie weiß noch nicht genau wie sie diese Energie „auf die Straße“ bekommt. Sie selbst bezeichnet sich als ängstlich. Die Geschichten die sie erzählt sprechen jedoch das Gegenteilige.

    Bruna macht diesen Camino völlig ohne Plan, ohne Taktung, ohne Buchung. Am ersten Tag hatte sie Strecke und Zeitbedarf völlig falsch eingeschätzt und war bei Dunkelheit in einem Vorort von Porto eingelaufen. Sie hatte keinen Platz zum schlafen und eigentlich kein Geld für Hotel. Das sie portugiesisch spricht, sprach sie alle möglichen Leute an. Eine Damen meinte, sie solle sich da-und-da hinwenden. In dem roten Haus würde eine Frau wohnen, die etwas für Pilger übrig hat. Bruna empfand dies als letzte Chance und machte sich auf den Weg. Spät am Abend dort angekommen, wollte sie anfangs niemand reinlassen. Nach viel gut-zureden fasste eine Damen des Hauses sich ein Herz und lies sie rein. Bruna erzählte ihr die ganze Geschichte ihres aus den Fugen geratenen Tages. Die Damen meinte, sie solle sich beruhigen, alles werde gut, denn der Camino sorgt für jeden seiner Pilger.
    Am nächsten Abend gleiches Spiel. Bruna war spät dran, hatte den ganzen Tag nichts gegessen, jedoch über Kontakte einen Platz in einer Klosterherberge gefunden. Das war irgendwo auf dem Land. Sie hatte nichts gegessen und weit und breit kein Laden/Restaurant. Kein Problem meint der Gastgeber, gestern hätten sie eine Party gehabt und es wäre jede Menge übrig. Sie soll mal im Kühlschrank schauen. Alles was drin ist könne sie haben. Bruna machte den Kühlschrank auf und staunte nicht schlecht, als der vor Essen überquoll.
    „Der Camino sorgt für seine Pilger“

    Nach illusteren zwei Stunden wollte Bruna Kaffepause machen. Ich wollte weiter und so trennten sich unsere Wege. Kaum war Bruna verschwunden tauchte Nila auf. Nila ist US-Amerikanerin aus New York und Camino Profi. Vergangenes Jahr ging sie bereits den 800 km langen Camino Frances.
    Amis sind ja immer easy going. So war‘s für meine Sprechmuskulatur ein Leichtes vom Bruna-Talk auf Nila-Talk zu wechseln. Mit Menschen auf dem Camino geht wirklich nie der Gesprächsstoff aus.
    Natürlich sprachen wir auch über Politik. Sie als New Yorkerin kenne niemand der Trump gewählt hätte. Sie und ihre Freunde würden sich immer wieder fragen, wer denn diesen Mann wählen konnte. Und tatsächlich hat sie sich einen österreichischen Pass ausstellen lassen, ist somit EU-Bürgerin, im Falle Trump „is completely going nuts“ (O-Ton Nila), um dann die EU Karte zu ziehen und nach Europa zu „fliehen“.
    Erst als die Steigungen länger und steiler wurden stockte die Unterhaltung. Irgendwann versiegte sie ganz, denn nun wurd‘s wirklich steil.
    Po und Beinmuskulatur stemmten den Körper Höhenmeter um Höhenmeter nach oben. Puls ging nach oben, Schweißporen öffneten ihre Pforten und fluteten das T-Shirt. Nila -und andere Pilger auf dem Weg- machten immer wieder Pausen.
    Gestählte schwarzwälder Gesäßmuskulatur und durchtrainierte Beinkraftwerke schoben mich in Richtung Paßhöhe. Und dann war‘s rum! Oben!
    Frei nach Hildegard Knef „Von nun an ging‘s bergab“ ging‘s bergab. Nun waren völlig andere Muskelpartien gefragt. Die Sprechmuskeln hatten Pause, denn es war niemand da, der ihnen Beschäftigung geben wollte.
    Irgendwann weiter unten im Tal, das Erlösung verheißende Schild „Roulote Bar 200 m“. Nach 200 m dann „Familientreffen“. So ziemlich jeder und jede die über den Pass wandern, kehren in der Roulote Bar ein. Um‘s in der Pilgersprache zu sagen: Pilger pilgern zu Roulote. Viele bekannte Gesichter waren da. Nila, Almut, das australische Pärchen, Joseba, einige deren Namen mir entfallen sind. Einige neue Gesichter und Namen kamen hinzu. Inzwischen gibt‘s eine eigene WhatsApp Gruppe. S‘ist wie ich‘s schon mal geschrieben hatte. Es bildet sich eine Art Familie aus Menschen, die alle zum ungefähr gleichen Zeitpunkt angefangen haben und sich immer wieder mal für kurz mal für lang treffen.

    Und für mich gilt: Über kurz oder lang muss ich in die Heia! Der Bub ist müde.

    Nachtrag zum Gesundheitszustand: Stabil!
    Auf einer Skala von 1 - 10:
    Po 10
    Oberschenkel 10
    Hüfte/Knie 10
    Linker Fuß 10
    Rechter Fuß 6
    Sprechmuskulatur 10
    Verdauung 7
    Keine weiteren Blasen hinzugekommen.
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