• 7.Etappe: Es ist voll!

    March 28 in Spain ⋅ ☀️ 9 °C

    Es ist Samstagabend kurz vor 20 Uhr.
    Die Zeit wo man/frau sich entweder den letzten Schliff gibt für‘s Ausgehen, oder sich die Chips Tüte griffbereit legt, denn gleich beginnt der Prime Time Fernsehabend.

    Und ich? Ich liege in meinem Hotelbett. Meine Wasserflasche hab ich als Wärmflasche umfunktioniert. Denn dieses Hotel hat vieles, nur keine funktionierende Heizung. Auf Nachfrage die Antwort: „No functionado!“ Auf Frage nach einem elektrischen Heizlüfter „No tengo!“ (habe ich nicht). Wenigstens heißes Wasser kommt aus dem Hahn, so kann ich die Wärmflasche -je nach Bedarf- immer wieder aufheizen.

    6. Etappe! Der sechste Tag auf dem Camino. Der erste Tag ganz in spanischen Landen. Und was soll ich sagen, der Camino ist voll. Nicht nur, dass alle Pilger von den beiden portugiesischen Pilgerwegen nun zusammen laufen, nein, sondern die Spanier, die Eingeborenen, sind in Scharen ebenfalls auf dem Weg.
    Anfangs wusste ich garnicht was hier los war. Klar, es ist Samstag, somit Wochenende, und vielleicht wollen die Spanier einfach gerne wandern. Aber fast alle haben ihre Pilgermuschel am Rucksack. Das heißt, alle sind auf dem Weg nach Santiago. Schätze, die haben nächste Woche Ferien und wollen die Semana Santa in ihrem eigenen Land erleben.
    Meine Einschätzung teilen auch die anderen MitgliederInnen meiner „Camino Central Familie“. Die „Familie“ verliert sich langsam aber sicher aus den Augen. Und es ist wie ich gestern schrieb von wegen Grüßen auf‘m Dorf und in der Stadt. Kontakte und Gespräche finden -bis jetzt- weniger statt, da viel mehr Menschen. Aber na klar gibt es sie immer noch, die Camino-Talks. Heute mit Ralf aus Köln und Sarah aus England gesprochen. Beide kamen über den Küstenweg. Auch der Küstenweg soll schon ziemlich voll gewesen sein.
    Da ich heute mal wieder eine „menschliche“ Geschichte einfließen lassen will, hier die Geschichte von Pouya.
    Pouya ist Anfang 30, gebürtiger Iraner und seit Oktober letzten Jahres deutscher Staatsbürger. Er ist Teil der „Camino Central Familie“. Pouya war im Iran Touristenführer. Gäste aus Deutschland und Iraner, die in Deutschland leben haben ihn immer gedrängt, dass er nach Deutschland kommen solle, da wäre alles besser.
    Und Pouya ging/kam. Er lernte deutsch und studierte. Was studierte er? Maschinenbau! Das Fach, das bis dato eine absolute Jobgarantie mich sich brachte. Abschluß klappte und die Karriere nahm bei einem Zulieferer von Porsche seinen Lauf. Das ist jetzt etwas mehr als zwei Jahre her. Ab Mittwoch ist er arbeitslos! Porsche hatte das Projekt bei seinem Arbeitgeber nicht mehr verlängert und sein Arbeitgeber hat ihm gekündigt. Nix mit Jobgarantie als Maschinenbauingenieur!
    Ich meinte, dass im Großraum Stuttgart und BW und Bayern so viele Weltfirmen sitzen würden, da wird er nicht lange arbeitslos sein. Nein, meinte er, er habe schon viele Bewerbungen geschrieben und es kam auch zu zwei-drei Gesprächen, aber letztendlich kamen immer Absagen. Die Firmen haben schlichtweg zu wenig zu tun und sie investieren nicht mehr.
    Soweit ist es mit Deutschland schon gekommen, dass fertige Maschinenbauingenieure keine Stelle mehr finden. Und das bei der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Da sieht man mal wie vorsichtig alle geworden sind, bzw. wo wir wirtschaftlich stehen.
    So sind die Schicksale, welche einem (mir) hier auf dem Camino begegnen mannigfaltig.
    Was gibt‘s sonst zu berichten? Alfred, mein schwäbischer Wandergeselle von vor fünf Tagen, hat es fast geschafft. Ihn trennen noch 67 Kilometer von Santiago. Bei mir, d.h. ab O Porreño sind noch etwas über 100 km. Alfred muss also gelaufen sein wie ein Schwabe, bei dem das Finanzamt an die Tür geklopft hat. So wird er auf jeden Fall seinen 23 Euro Flug morgens um 7 Uhr am Karfreitag bekommen. Wahrscheinlich sitzen in dem Flieger nur Schwaben und feixen ob des guten Deals.
    Das klingt jetzt ein bisschen gehässig, ist aber eher liebevoll gemeint. Denn sie sind ja nett die Schwaben.

    Morgen stehen rund 22 Kilometer an. Endpunkt soll/ist ein Hostal direkt am Strand. Ich bin gespannt. Da ich meinen Einzug nach Santiago für den Karfreitag geplant habe, muss ich die nächsten Tage ein bisschen trödeln. Zieh ich durch, dann bin ich schon Mittwoch bzw. Donnerstag in Santiago. Das will ich nicht. Deshalb schiebe ich für Übermorgen eine Kurzetappe mit nur rd. 8 km ein.

    Mal schauen was der Camino bereit hält,
    Schön wär‘s wenn‘s wieder ne Heizung gäbe.
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