Bei Meinrads‘ & Wilhelms‘ Zuhause!
June 17 in Germany ⋅ ⛅ 27 °C
Heut’ ging‘s los!
Meinrad 21. Jahrhundert trifft auf Meinrad 1. Jahrhundert.
Da Meini aus dem 1. Jahrhundert nicht mehr beweglich ist, da längst in höhere Sphären aufgestiegen, obliegt es dem neuzeitlichen Meini, die Fährte auf zu nehmen.
Wo fängt man an?
Im katholischen Sinne dort, wo man Katholik geworden ist. Und das ist?
Genau: Dort wo man -ungefragt- kaltes Wasser ins Gesicht bekommen hat, alle Umstehenden glücklich dreinschauten und ein Mann in wallenden Gewändern salbungsvolle Worte gesalbt hat. Am Taufbecken!
Meinrads‘s Taufe -so wird angenommen- fand in eben jener Sülchenkirche statt, die damals die Hauptkirche der Region war. In der Sülchenkirche gibt‘s denn auch den Pilgerpass mit Kick-Off-Stempel. Draussen steht ein in Stein gemeißelter Meinrad. Ich find er ist ganz gut geraten. Er schaut auch nicht so leidend drein, wie oft Heilige dargestellt werden.
Das Wetter war hervorragend, der Akku voll, die Sitzhöcker eingecremt und die Oberschenkel frisch. Auf geht‘s in den MeinRadweg.
Der gedruckte Pilgerführer bietet super detaillierte Wegbeschreibungen. Wie aus vor-digitalen Zeiten: 100 m links, dann rechts, dann an der zweiten Birke am dritten Graben scharf links…
In Zeiten von digitalen Karten und Satellitennavigation ist das etwas antiquiert, aber vielleicht will jemand auch authentisch wie im vor-digitalen Zeiten pilgern. Ich nicht! Die gesamt Route gib‘s bei Outdoor Active als .gpx Datei runter zu laden. Hab‘ die Dateien in Komoot importiert und so wandele ich auf den original Spuren des non-digitalen Meinrads in digitaler Weise.
In der digitalen Wegführung mittels Komoot war heute Hechingen als Tagesziel angegeben.
Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, oder ein Faible für‘s deutsche Kaisertum hegt, bei dem klingelt beim Namen „Hechingen“ in ganzes Glockengeläut.
Yes! Hechingen ist die Herkunftsregion der Adelsdynastie der Hohenzollern. Die lieben Herren Hohenzollern stellten preussische Könige und nicht zuletzt die letzten beiden deutschen Kaiser. Wie üblich, machte man es sich mit der Namensgebung einfach und numerierte die Herren durch. Im Fall der Hohenzollern waren es die Wilhelms.
Somit befinden wir uns nicht nur im Meini-Land sondern auch im Willi-Land.
Hechingen ist deshalb Station auf der Meini-Tour, weil sich über Jahrhunderte das Gerücht hielt, dass der liebe Meinrad ein Sprößling der selben Sippe sei, wie die Hohenzollern. Ob das stimmt weiß man nicht, aber sicher ist, dass der Meini aus dem 1. Jahrhundert ein Kind adliger Abstammung war.
Sodom und Gomorra halt.
Die Burg der Hohenzollern thront über der ganzen Region und ist schon sehr imposant. Da ich sehr früh in Hechingen war, strampelt ich noch hoch bis vor die Burgtore, um dort für schlappe 29 € in die Welt der Wilhelms ein zu tauchen.
Die Burg ist gut in Schuß und hat sogar eine Schatzkammer. In eben jener sind neben Gewändern und Orden des ersten deutschen Reiches auch die Kaiserkrone des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm des II. zu sehen. Eben jener Wilhelm, der den ersten Weltkrieg vom Zaun brach und damit auch ursächlich für den zweiten Weltkrieg (Versailler Vertrag, Reparationen etc.) war. Kein Ruhmesblatt! Da sind wir Taglöhner-Kinder mal froh, dass es die Adels-Heilig(Hörig)keit nicht in die Neuzeit geschafft hat.
Aprops Neuzeit. Die Neuzeit spricht in Hechingen kaum (kein) Deutsch und ist tätowiert bis zum Hals.
Ich wohne hier in einem Hotel mit Namen Bären. So richtig urgermanisch: Bären.
Es befindet sich im Stadtzentrum von Hechingen und ist umgeben von einer Eisdiele und weiteren Kneipen. In eben jener Eisdiele war ich mittags, als ich noch nicht wusste, was ich mit dem Tag anfangen sollte. An einem Tisch saßen drei Männer. Alle drei in wunderbar klassich stylischen Jogginghosen, weiße Sneaker und T-Shirt. Einer hatte sogar so eine Männerhandtasche. Alle drei tätowiert bis zum Haaransatz. Alles für mich sichtbare, ausser dem eigentlichen Gesicht, war tätowiert. Der unschuldige Schwarzwälder, der ich nun mal bin, dachte, „Was machen denn so drei Haudegen am heiter hellen Tag hier? Haben die denn nix zu schaffen.“
Man(n) bildet sich ja so sein (Vor)Urteil.
Und, gucke da, als ich zum Hoteleingang des Bären ging, stand einer von den Dreien auf und stellte sich mir als „Hotlier“ vor. Selbstverständlich lächelte ich das beste Gutmenschen Lächeln. So ein Gutmenschen Lächeln, wie es nur die echten Gutmenschen in Freiburg können. Tatsächlich war gleichmal klar, dass er das Kommando hatte, denn er wusste von der Buchung und kannte die Zimmernummer.
Wie sich rausstellte gehören auch die anderen Beiden zum Inventar des Bären. Der, nebenbei bemerkt, kein einziges Deutsches Gericht auf der Karte hatte (muss er auch nicht, dann auch Bären sind weltgewandt).
Jedenfalls war ich ganz schön baff über die Welt, in der ich heute mein Haupt betten werden.
Heute Abend, beim Abendessen, gesellten sich noch viele andere Menschen hinzu. Lokale Menschen. Allen ist gemein, dass hochdeutsch und auch schwäbisch nicht ihre Muttersprache ist.
So ist‘s in Hechingen. Im Bären von Hechingen. Ach ja, und alle tätowiert. Und zwar keine rosa Rosen oder weinende Herzen, sondern Flammen, Monster, irgendwelche Hieroglyphen und sonstige wenig ästhetischen Körperbilder.
Nicht, dass ich ob meiner Zeilen Haue von Seiten der Leserschaft bekomme; ich beschreibe nur wie es hier im Bären ist. Die hohenzollernsche Neuzeit!
Die hohenzollernsche Altzeit thront noch dort oben auf dem Berg. Und ich bin froh, dass die vorbei ist.
Nachtrag: Natürlich hab‘ ich im Bären gegessen. Sehr gut sogar. Es gab Spagetti Frutti de Mare und danach noch ne Pizza Quattro Stagioni.
Natürlich bestand ich nicht auf einen steuerlich einwandfreien Bewirtungsbeleg, sondern reichte ihm die Summe rüber, die er -schnell Kopf rechnend- nannte.
Und, sein Hals war nicht tätowiert, der Rest schon. Und, er war/ist anscheinend doch Italiener. Der Rest nicht.
Nun ist 20 Uhr. Genug geschrieben. Ich geh‘s noch mal raus. Vielleicht gibt‘s neben dem Bären auch noch einen Löwen oder Hirsch?
Morgen ist wieder eine lange Tour. Rund 70 Kilometer mit rund 1.100 Höhenmetern. Von Hechingen nach Beuron. Laut Pilgerführer sind jede Menge Kirchen am Wegesrand zu besichtigen.
Wir werden sehen. Ich werde berichten.Read more


























zebraPunkt
Verblüffende Ähnlichkeit!!
TravelerGute Fahrt für Morgen es wird sommerlich warm
Traveler
🤩