• Grenzerfahrungen!

    June 20 in Switzerland ⋅ ☀️ 24 °C

    Was für ein schöner Sommerabend!
    Sitze in meiner kargen Mönchsklause im Hotel des Kloster Fischingen. Bette mein Haupt im zweiten Stock des Ordenshauses auf harte Pritschen.
    Bei geöffnetem Fenster höre ich Geräusche/Gespräche der Gäste des Kloster-Restaurantes. Dünne Suppen und altes Brot. Gewürzt mit dem Mantra: „Dankbar sein für dies Mal, denn es schmeckt uns jedesmal.“

    Als ich hier in Fischingen ankam, so gegen 14.30 h, war ich echt durch. Es war verdammt heiss. Die Strecke bestand fast ausschließlich aus Straßenkilometern, d.h. maximale Sonneneinstrahlung. Radkirchen mit Abkühlungsmöglichkeiten gab es einige, doch ich möchte nicht beschönigen, dass es heute gereicht hat.

    Ankommen und erst mal ein schön gekühltes, alkoholfreies Weizen trinken. Das ist so eine Vorstellung, die den strampelnden Pilger unter der glühenden Sonne des lieben Gottes, weiter strampeln lässt. Ein Ziel. Eine Hoffnung. Eine Erlösung!

    Und dann!
    Kein alkoholfreies Weizen!
    Na dann eben Weizen mit Alkohol.
    Was kam? Pilgerbier mit Namen „Josefi Weizenbock“
    Geschmacksrichtung: Nelke, Banane aromatisiert, mild!
    Echt jetzt? Ja, echt!
    Ich hätte ja die Geschmacksrichtung Pomelo-Drachenfrucht-Hibiskus bevorzugt, aber soweit waren/sind die Mönche in ihrer Braukunst noch nicht.

    Den bußfertigen Pilgerradler, der seit dem Frühstück keine feste Nahrung mehr zu sich genommen hat, verlangte es nach etwas Herzhaftem, etwas lokalem.
    Käse aus dem Kloster sollte es werden bzw. wurde es.
    Ja, ja, Mönch sein ist ein entbehrungsreiches Leben.
    Diese Erkenntnis brannte sich in meine Gehirnwindungen, als mir die freundliche Rezeptionistin den Zimmerschlüsse in die Hand gab.
    Mein ausgedörrter Körper durfte in der Meinradus Klause nächtigen.

    Pilgern ist ja kein Zuckerschlecken, das lernt man ja schon im katholischen Kindergarten der Gemeinde Glottertal, anlässlich der Züchtigung mit Rohrstock -zur damaligen Zeit gang-und-gebe (1960ziger)- durch die Aufsicht führende Ordensschwester. Aber: No hard feelings. So war das damals. Die Schwestern hatten ja auch keine Chance gegen diese babyboomenden Babyboomer mit aufsteigenden Testosteronwerten.
    Oh, jetzt bin ich abgeschweift… …wo war ich… …auch so… …Meinradus Klause!

    Meinen überhitzen, Nelke-Banane-Bier verarbeitenden Körper, schleppte ich via Aufzug in den zweiten Stock. Schloß die Türe auf und betrat die kleine, enge Klause mit seiner harten, harten Pritsche. Was für ein Leben! (seufz!)

    Sodele, meine lieben Mitleserinnen und Mitleser, so ihr bis dato noch mit an Bord seid hoffe ich, dass euer Ironiedetektor beim Lesen der Zeilen sich fortwährend gemeldet hat.
    Und Ja, er hat recht! Es ist genau das Gegenteil!

    Meine Meinradus-Klause ist ein sensationell großes Zimmer. Das Bett bzw. die Betten, ein Traum! Die Klosterküche ist genial, kann ich nur empfehlen. Wirklich super. Einzig das Nelken-Banane-Bier wird nicht auf meine Hitliste kommen. Das Kloster Fischingen schön. Wirklich, wirklich sehr schön hier. Echt!
    Wenn schon Fischingen so toll ist, wie wird erst Einsiedeln sein, welches ja das wichtigste Kloster der gesamten Schweiz ist?! Morgen Abend weiß ich mehr.

    Grenzerfahrungen! So habe ich den Footprint getauft. Warum? Weil ich jetzt tatsächlich in zwei Ländern unterwegs war/bin und somit Erfahrungen/Beobachtungen über Grenzen hinweg gemacht hab.

    Wichtigstes Fazit: Uns geht‘s allen gut! Bei den Schweizern sieht zwar alles noch etwas idyllischer aus als bei den Deutschen, aber das sind Nuancen. Ich fahre ja nun durch viele kleine Ortschaften und sehe überall gepflegte Häuser, kein Verfall, hübsche Ortskerne und fruchtbare, blühende Landschaften.
    Egal welche Region ich nehme, Schwarzwald, Schwäbische Alb, Hegau oder jetzt Thurgau, überall wächst und gedeiht es. Kulturlandschaft in paradiesischem Ausmaß.
    Den Menschen in diesen Regionen geht es gut! Das ist, was ich als durchradelnder Pilger sehen kann. Kein Mangel erkennbar.
    Nur die Sache mit dem Wasser, das ist so ein Ding. Also wer so einen See, wie z.B. den Bodensee, vor der Nase hat, also der hat tatsächlich in Sachen Lebensqualität die Nase noch etwas weiter vorn. …aber nur ein bisschen… …na ja, ein bisschen viel weiter vorn….

    Was soll‘s! Das Leben ist wie das Leben ist. Wir sollten dankbar sein für das was wir haben… …und nicht vorschnell über andere urteilen… …was ich ja gerne mal tue… …so auch heute…
    Ich saß in der idyllischen Gartenterrasse des Klosters Fischingen und verschlang die exzellente Käseplatte (keine Ironie! War gut!). Einige Tische weiter saß eine Dame, die hatte einen -sagen wir mal- extravaganten Haarschnitt und war auch etwas derb gekleidet. Ungefähr mein Alter. Extravaganter Haarschnitt heisst, eine Seite des Kopfes kürzer als Streichholzlänge rasiert, die andere Hälfte so lang, dass die Haare als Zopf gebunden waren.
    Ich dachte, was treibt eine Frau in meinem Alter um, sich so zu kleiden und so zu präsentieren. Und diese „ich dachte“ war jetzt nicht ein vorurteilsfreies „ich dachte“.
    Tja, dann stand diese Frau auf, nimmt ihren Blindenstock und geht den Stock vor sich her schwingend von dannen.
    Und ich dachte: „Meini Du Arsch!“

    In diesem Sinne wünsche ich allen einen erfolgreichen Fußballabend.
    Read more