Marrakesch II: Außerhalb der Tourispots
Mar 17–23, 2024 in Morocco ⋅ ☁️ 35 °C
17.03.
Ich sitze auf der Dachterrasse des Hostels Laksour mitten in der Medina Marrakeschs. Hier oben sind es circa 35 °C im Schatten, unten im Innenhof ist es deutlich kühler, aber irgendetwas hat mich doch nach hier oben gezogen. Ich trinke meinen selbst zubereiteten Minztee, deren Zutaten ich am Vormittag an einem Straßenstand (Minze, 2 DH) und im Supermarkt (Grüner Tee, 20 DH) gekauft habe. Dazu gibt es Oliven (8 DH), Honig und frisches Brot (schlappe 1 DH/Stk.), das genauso viel gekostet hat wie das, was selbst ernannte Straßenparkplatzwärter von mir für das Abstellen oder wie er es nannte 'bewachen' meines Fahrrads verlangte - so ein 'Parkservice' scheint hier allerdings üblich zu sein. Warum schreibe ich eigentlich die Preise dazu? Ganz einfach, weil man diese so gar nicht gut einschätzen kann, wenn man nur kurz in der Stadt ist oder nicht weiß, ob man sich gerade etwas für den 'Touri- oder Einheimischen-Preis' kauf - eine kleine Gedankenstütze ist da nicht schlecht. Überhaupt ist es nicht schlecht, einfach mal nur die Stadt zu laufen und hier und dort zu fragen, was die Produkte denn kosten. Insbesondere bei Klamotten (und allen touristischen Produkten) sind die Preise doch sehr unterschiedlich und lassen sich meist bis auf die Hälfte oder ein Viertel runterhandeln - anhand des Launebarometers des Händlers kann man immer noch erkennen, ob man sich auf einem guten Weg befindet oder etwas übertrieben hat.
Auf jeden Fall gilt: Wenn die Händler mit einem das Handelspiel spielen und verkaufen wollen, dann spiele ich eben ganz dreist mit - und wenns nur zum Spaß ist. Bei den Lebensmitteln ist es allerdings nicht so krass, hier wird meist nicht verhandelt, aber es lohnt sich, verschiedene Stände nach Preis und Qualität zu vergleichen. Und am besten morgens einzukaufen. Dann sind die Produkte noch am frischsten und Backwaren noch warm.
Die melancholische Stimmung von gestern ist fast verschwunden, stattdessen kehrt etwas Ruhe ein, ich schreibe ein bisschen FindPenguins und lese, 'Der Esmeralda-Komplex' von Thomas Middelanis. Er war Teil unser netten Sharing-Group in Taizé und hatte ein paar kleine Taschenbücher dabei, die er uns schenkte. Bisher habe ich mir nicht die Zeit zum Lesen genommen, aber hier oben auf der Dachterrasse ist ein schöner Ort dafür. Nach den ersten Seiten kann ich sagen: Ein klasse Schreibstil. Eigentlich würde ich am liebsten nur lesen oder die Route planen oder noch ein bisschen durch die Stadt schlendern oder weiter radeln, aber ein bisschen Arbeit ist auch noch zu verrichten. Meine Co-AutorInnen haben ihre Paperbeiträge hinzugefügt und Kommentare hinterlassen, ich muss nun noch eingereichten, habe allerdings noch nicht den Blick hinein gewagt. Die selbstaufgebürdete Pflicht ruft ...
18.03. - 22.03.
Ich bleibe noch ein paar Tage in Marrakesch, erkunde die Stadt mit dem Fahrrad, schaue mir den jüdischen Friedhof an und entdecke Gassen, in denen die Locals unterwegs sind und einkaufen. Um 18 Uhr kurz vor dem Iftar (Fastenbrechen) ist in diesen Straßen die Hölle los. Alles ist voller Menschen, die letzte Besorgungen machen oder auf dem Weg nach Hause sind. Durch die Menschenmengen winden sich in nicht immer geringer Geschwindigkeit etliche Mopedfahrer. Ab und an brechen kleine, lautstarke Streitereien aus. Schließlich kehrt langsam Ruhe ein, die Straße werden menschenleer. Kurz vor dem Fastenbrechen setze ich mich in einen Imbiss, bestelle Meloui und ein paar frittierte Fische. Man gibt mir zu verstehen, dass ich anfangen kann zu essen. Doch ich will nicht der einzige sein, der hier isst und warte ebenso geduldig wie die anderen. Es ist unglaublich ruhig in den Straßen - eine feierliche Stimmung. Dann erklingen die Töne aus der Moschee und die erste Dattel wird verzehrt. Auch wenn ich den Mann neben mir nicht verstehe, teilt er etwas von seinem und ich etwas von meinem Essen. Ein schöner Moment. Es bleibt noch einige Zeit ruhig, bevor das Leben auf den Straßen wieder losgeht und Geschäfte nochmals öffnen.
Neben meinen Spaziergängen und Fahrradfahren durch die Stadt. Besuchte ich das Pikala Bikes Atelier. Vor ein paar Jahren von einer Niederländerin gegründet, mit dem Ziel, Fahrradfahren in Marrakesch und Marokko gängiger zu machen, nachhaltigen Tourismus anzubieten und jungen Menschen Jobs zu schaffen. In der Fahrradwerkstatt treffe ich Oscar aus London. Er ist Fahrradmechaniker mit dem Rad nach Marrakesch gefahren und arbeitet nun hier. Er erzählt mir von einer viertägigen, kostenlosen Bike Repair Veranstaltung, die die nächsten Tage auf dem Hauptplatz Jamaa El-Fna stattfindet. Dazu kommen auch 3 seiner Mechanikerfreunde aus der UK und ein paar weitere Freiwillige. Ich bin begeistert und sage ebenfalls zu, ein paar Tage zu helfen. Die Vorbereitung sind dann etwas wild, alles wird irgendwie auf einem Lkw verstaut und zum Marktplatz gefahren. Nach dem Aufbau am Vormittag kommen am Nachmittag die ersten Leute zur Reparatur. Am zweiten Tag scheint sich die Nachricht schon weiter verbreitet zu haben. Der Andrang ist riesig. Meine Aufgabe, Vorinspektion, schauen, was wir hier reparieren können und was nicht. Die Zustände der Fahrräder, die mir dabei begegnen, sind krass. Manchmal wundere ich mich, dass sie überhaupt noch fahren. Bremsen funktionieren an den meisten nicht mehr, mindestens eine Acht pro Fahrrad ist Standard, Tretlager und Steuersatz sind meist ausgenudelt. Da es sich meistens um sehr alte Räder europäischer Hersteller handelt, sind die Standards alle ganz unterschiedlich oder zumindest ziemlich antik. Aber Oscar, Domenik, Eddi und Camron, die UK-Mechaniker, haben es echt drauf und bekommen alles mögliche repariert. Ich probiere mich auch an dem ein oder andern Bike und stoße dabei auf eine über die Hälfte gebrochene Kettenstrebe, ein Wunder, dass die sich noch nicht verabschiedet hat. Dem Jungen, dem das Rad gehört, müssen wir erklären, dass wir das nicht reparieren können, um es zu gefährlich ist, weiter mit dem Rad zu fahren und die Stelle zunächst geschweißt werden muss. Sichtlich niedergeschlagen schicken wir ihn wieder weg. Aber dem Jungen war sein Fahrrad lieb, keine zwei Stunden später stand er wieder da. Der Rahmen war geschweißt. Und so wurde auch noch das Fahrrad des kleinen Jungen repariert. Ende gut, alles ein bisschen besser. Gute Nacht, liebe Kinder.Read more











Traveler"Handelspiel"? Das erinnert an Monty Python: https://www.youtube.com/watch?v=oW2TX5zUA6I