• Kette zusammengepfuscht

    20. august 2024, Kroatien ⋅ ☁️ 26 °C

    Martin Brod - Kovaĉić

    Bevor es richtig losgeht, drehe ich noch eine Runde durch Martin Brod. Hier fließen Unac und Una zusammen, und es gibt ganz hübsche Wasserfälle zu sehen. Überhaupt scheint der angrenzende Nationalpark einiges zu bieten, ist aber eher zum Wandern geeignet. Nach dem ersten Anstieg kann ich allerdings noch die Aussicht auf die dicht bewaldeten Berge und die Schlucht, die die Unac in sie gefressen hat, werfen.

    Erfreulicherweise ist auf dieser Straße heute nicht so viel los und links und rechts ist viel Natur. Zu meinem halbwegs großen Entsetzen taucht mitten auf der Hochebene dann allerdings eine Müllhalde mit allen Hinterlassenschaften auf, die die Menschheit zu bieten hat. Farbeimer, Klamotten, Sofas, Waschmaschinen, Kühlschränke und wer weiß, was noch (eine Drohne wäre interessant zum Dokumentieren). Zu allem Überfluss ist hier auch nichts abgedeckt oder versiegelt, sodass sich der Müll schön herumverteilen kann. Wie kommt man überhaupt auf die Idee, eine Müllhalde auf einem Berg zu errichten? Es ist doch vorprogrammiert, dass alles langsam nach unten fliegt oder Schadstoffe durchs Wasser hinuntergespült werden. Wie es auch in Marokko schon zu beobachten war, scheint es hier einfach keine (ordentliche) Infrastruktur für die anfallenden Müllmengen zu geben. Auch etliche Flaschen und Dosen am Straßenrand zeigen ein deutliches Müllproblem. Ich denke, dass hier zumindest ein Pfandsystem helfen könnte, allerdings besteht dann immer noch das Problem der finalen Entsorgung oder des Recyclings. Nicht, dass wir da in Deutschland deutlich vorbildhafter wären. Schließlich sind wir Exporteuropameister im Kunststoffmüll [1] und ich möchte nicht wissen (doch eigentlich schon), wo der landet...[2]

    Gegen Mittag komme ich in Drvar an. Die Stadt scheint christlicher geprägt zu sein, da ein großes Kreuz auf einem Hügel thront. Die Durchmischung der Religionen in Bosnien ist schon spannend. Die Stadt ist übrigens etwas kleiner als Rahden, hat aber circa fünfmal so viele Cafés (also ca. fünf), die auch noch gut besucht sind. Beim örtlichen Bäcker besorge ich mir mein Mittagessen, das aus einer Art Burek und einer Süßspeise aus ähnlichem Teig mit Pflaumenmarmeladenfüllung besteht. Lecker.

    Nach der Mittagspause folgt der zweite Anstieg Richtung Kroatien. Es gibt einige Kriegerdenkmäler zu sehen – diesmal tatsächlich nicht an den Jugoslawienkrieg gedenkend, sondern an Partisanenaufstände (unter Tito) gegen die Besatzung Nazi-Deutschlands.
    Ich komme an zwei Ansammlungen verlassener oder nie vollendeter Häuser vorbei und frage mich, was wohl deren Geschichte ist. Hängt dies auch mit dem Krieg zusammen?

    Am späten Nachmittag passiere ich die Grenze und bin wieder in Kroatien. An diesem Grenzübergang ist im Vergleich zum anderen wirklich nichts los. Ich fahre noch bis Topolje, decke mich bei einem Restaurant mit Wasser ein und biege in ein Flusstal ab, um einen Übernachtungsspot zu finden. Zuvor treffe ich allerdings noch zwei Mädels, die mit zwei Fahrrädern und einer gerissenen Kette auf der Straße stehen. Ich biete meine Hilfe an und bekomme die Kette zu meiner eigenen Überraschung mit der Niete von einem meiner alten Kettenstücke wieder zusammen. Man hilft, wo man kann (auch wenn das ein Experiment war, von dem ich dachte, dass es nicht funktionieren würde). Als sie zweimal fragt, ob sie mir Geld dafür geben soll, lehne ich zweimal dankend ab. Ich bin dennoch etwas verwundert. Ist es hier üblich, für Kleinigkeiten Geld zu geben (oder zu verlangen, wie gestern, als ich nach einem Schlafplatz fragte)? Ich glaube, ich brauche noch eine Weile, um die Leute und die Kultur hier zu durchblicken.

    [1] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteil…
    [2] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteil…
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