Istanbul
18.–27. Sept. 2024 in Türkei ⋅ ☁️ 25 °C
Eine Woche Istanbul schriftlich zusammenzufassen ist gar nicht so einfach. Die Stadt ist so groß (obwohl wir zufällig zwei Schweizer Radreisende, die wir in Albanien kennenlernten, wiedertrafen) und vielfältig, dass es hinter jeder Ecke etwas Neues zu entdecken gibt. Angefangen letzten Mittwoch mit einem Abschnitt an der Küste, der Ankunft in Fatih, der Altstadt, zwischen der Blauen Moschee und der Hagia-Sophia, den Moment, den wir gar nicht so richtig zelebrieren und realisieren konnten, weil wir noch mit der Metro auf die asiatische Seite in unsere Unterkunft einchecken mussten.
Am nächsten Tag das Wiedersehen mit Kaja und Patrick. Es war schon ein verrückter Moment, sich das erste Mal seit Weihnachten unter einer türkischen Flagge in Istanbul zu sehen. Die darauffolgenden Tage waren unglaublich schön und von viel Essen und Teetrinken geprägt. Die Teekultur ist überhaupt etwas, das bestimmt in Erinnerung bleibt. Sei es der Tee nach dem Essen, im Café, auf dem Markt, bei einer Fährfahrt, wo er – für 10 Lira (ca. 26 Cent) unglaublich günstig war (insbesondere zu Kaffees in der Deutschen Bahn), oder einfach zu Hause. Hauptsache mit viel Zucker – ich hoffe, mir keine Diabetes eingefangen zu haben! Auch jetzt gerade, als ich diesen FindPenguins schreibe, geht ein Kellner umher und verteilt Çaj an den Tischen – einfach gut!
Dennoch muss man manchmal nach dem Preis schauen, um nicht als Touri ausgemolken zu werden. Nicht nur die Touristenattraktionen sind unglaublich teuer, auch beim Essen kann gerne mal ein Vielfaches bezahlt werden, und für SIM-Karten bezahlt der Tourist den dreifachen Preis als der Einheimische. Das geduldige Erkunden kleinerer Straßen und abgelegenerer Orte lohnte sich daher nicht nur finanziell, sondern ließ uns vor allem auch nicht-touristische Viertel, Restaurants und leckeres Essen entdecken. Gleichzeitig zeigten sich hier auch die Kontraste, welche in so einer großen Stadt wohl unvermeidbar sind: Touristische Orte und Reichtum gegenüber ärmlichen Vierteln und Menschen, die Müllbeutel durchwühlten, um die Reste an Maiskolben abzuknabbern. Einmal wurde uns einer dieser Maiskolben sogar hinterhergeworfen – ein Moment, der wohl traurig in Erinnerung bleiben wird und mit unbeantworteten Fragen einherging, was dieser Mensch wohl durchgemacht haben muss.
Neben abgenagten, fliegenden Maiskolben sind vollständige, gerillte oder gekochte Maiskolben und geröstete Maronen übrigens viel häufiger hinter jeder Ecke an mobilen Ständen anzutreffen. Ebenso wie – wer hätte es gedacht – Dönerläden und Baklavläden. Auch hier will man wohl fortgeschrittener Tourismusexperte sein, um die guten von den schlechten Geschäften zu unterscheiden. Zumindest mit einer Lokantasi (quasi eine öffentliche Kantine) und einer Bäckerei ist dies vorzüglich gelungen.
Auch wenn ich mich selbst erfolgreich drückte und ausschlief, etablierten Kaja, Anna und Patrick fast eine tägliche Routine, um die morgendliche Versorgung mit ofenfrischen Simit, Milchbrötchen, Tahinischnecken und weiteren Leckereien vom Bäcker um die Ecke sicherzustellen.
Trotz des Gewusels in der Stadt finden sich auch ein paar nahe gelegene ruhige Orte, wie wir bei unserem Ausflug auf die Prinzeninsel Burgaz Adası feststellten. Hier war trotz guter Anbindung verhältnismäßig wenig los und wir konnten nach einer kurzen Wanderung auf die Südseite der Insel ein paar ruhige Stunden am Strand mit kurzen Tauchgängen genießen. Obwohl hier eigentlich das Zelten verboten war, schienen an diesem Ort einige Backpacker oder Wochenendausflügler aus Istanbul ihre Zelte aufzuschlagen. Einziges Manko hier wie auch an so vielen anderen Orten: Der Müll und das Umweltbewusstsein. Sowohl der Gäste, die wir auf frischer Tat ertappten, als sie ihren Müll auf einen bereits großen Müllhaufen am Strand warfen, als auch die Eigentümer zweier vernachlässigter Strandcafés oder Campingeinrichtungen, deren Sonnenschirme, Stühle, Elektrogeräte usw. am Strand verrotten. Beides geht beim besten Willen nicht in meinen Kopf hinein und löst eine Wut und ein Unverständnis aus, die einen zur Verzweiflung treiben. Was kann man als Mensch, der dies (aus der Ferne) sieht und zudem die Landessprache nicht beherrscht, dagegen tun? Eine Person, die wir freundlich darauf ansprachen und nachfragten, was es mit diesen verwahrlosten Gebäuden auf sich hätte, gab zunächst fragwürdige Aussagen von sich, die offensichtlich nicht stimmen konnten, und wurde beim weiteren Nachhaken plötzlich abweisend und unfreundlich.
Der letzte (gemeinsame) Tag in Istanbul verging dann eigentlich viel zu schnell. Eigentlich wollten wir noch ein paar ruhige Minuten oder Stunden in einem Café finden, um die letzten Wochen Revue passieren zu lassen. Stattdessen verlängerte sich unsere Radtour zu ein paar Fahrradläden auf der asiatischen Seite, bei denen ich mir eine neue Kassette und einen Brookssattel besorgte, durch die Entdeckung eines schönen, großen und vor allem authentischen Basars. Nicht ganz geplant, aber eine wunderbare Entdeckung am letzten Tag, die nicht wie ein touristischer Abklatsch wirkte. Von Teeverkäufern, die über den Markt gingen, gekochten Maiskolben-, Döner- und Gözlemeständen bis hin zu Marktschreiern von Gewürz-, Gemüse- und Klamottenständen gab es alles zu sehen.
Ein bisschen Ruhe zum Ausklingenlassen der letzten Wochen fanden wir dann noch bei einem Çai auf der Fähre und einem letzten Abendessen in einem weniger touristischen Viertel, das wir ein paar Tage vorher entdeckt hatten (leider nicht ganz so lecker wie beim ersten Besuch).
Und dann kam der letzte Abschied. Einen Monat und dann die letzte Woche war ich mit ganz vertrauten Personen unterwegs.
Gestern verabschiedeten sich zunächst Kaja und Patrick, nun Anna, und zu Hause ist gute 2.000 km Luftlinie entfernt.
Einsamkeit, Traurigkeit, Verletzlichkeit, Unsicherheit sind die Gefühle, die mich überkommen. Wie werden die nächsten Wochen alleine? Wo will ich überhaupt noch hin? Ist es Zeit umzudrehen?
Ähnliche Gedanken gingen mir schon bei früheren Abschieden durch den Kopf, z. B. damals in Marrakesch. Es wäre so einfach, ebenfalls in einen Bus oder Flieger zu steigen, nach Hause zurückzukehren, um diesem Moment zu entgehen.
Gleichzeitig war es aber aufmunternd, dass ich noch eine Warmshower-Unterkunft gefunden habe und so ein wenig soziale Interaktion und (Radreise-)Gedanken teilen kann. Adrien, bei dem ich hoste, ist vor zweieinhalb Jahren ebenfalls mit dem Fahrrad (von Frankreich) aufgebrochen, hatte ähnliche Gedanken und hat, nachdem er fünf Monate später Istanbul erreichte, beschlossen, hier zu bleiben und sich einen Job an einer französischen Schule zu suchen – seine größte Herausforderung beim Radeln war das Alleinsein.
Ich bleibe tatsächlich noch ein paar Tage bei Adrien (vielen, vielen Dank für die Tage der Gastfreundschaft!), um mir meine weitere Route zu überlegen, mal wieder eine Waschmaschine zu benutzen, Kleidung zu flicken und meinen frisch erworbenen Brooks-Sattel zu montieren.
Tatsächlich überkommt mich auch noch eine kleine Erkältung. Großstadtprobleme oder waren vielleicht einfach nur mal ein paar Tage Ruhe fällig?
Auf jeden Fall habe ich jetzt viel Zeit, um zu überlegen, wie es nun weitergeht. Istanbul war ein Ziel, das ich lange vor Augen hatte, genau genommen die letzten fünf Monate. Nun ist es erreicht. Wohin soll es weitergehen? Über Griechenland und Italien zurück nach Deutschland? Ich bin unentschlossen. Eigentlich will ich zu Weihnachten wieder zurück sein, gleichzeitig gibt es Richtung Osten noch so viel mehr zu entdecken. Die Türkei ist riesig, Georgien klingt auch spannend, und einige Radreisende, die ich auf der Reise getroffen habe, sind hier auch unterwegs. Das Wetter könnte allerdings herausfordernd werden. Gleichzeitig habe ich genauso Lust, nach Hause zurückzukehren, mal wieder einen normalen Alltag zu führen, zu arbeiten, Ideen umzusetzen. Wie ich Lust hätte, weiterzufahren, Richtung Osten, gerade weil ich schon mal hier bin, auf Reisen bin, und es somit viel leichter ist als später nochmal.
Bilanz: Sarajevo - Istanbul
Kürzeste Strecke: 21 km
Längste Strecke: 147 km
Strecke Gesamt: 1725 km, 19192 hm
Platten: 1 (Nr. 2 nach 13.000 km)
Reisetage (davon Radeltage): 33 (23)
Zelt (davon Campingplatz): 16 (4)
WarmShowers und Leute: 2
Airbnb/Hostel: 12
Verloren: Anna (Tim), Tim (Anna)
Geschenkt bekommen: Käse, Suppe, Chillis, Walnüsse, Weintrauben, viel Kaffee und Çaj
Verschenkt: Zucker, Chillis, Weintrauben
Mit dem Rad umgefallen: mehrfach zu 50 % (Anna), Resümee: Vorderradtaschen sorgen für besseres Gleichgewicht
Kaputgegangen/Ersetzt: in die Jahre gekommenen Fahrradhelm (Tim), Schaltwerk (Anna), Kette gerissen (Anna), Speiche gebrochen (Anna) ich glaube es wird Zeit für ein frisches Reiserad;-)Weiterlesen





















ReisenderIch bin ja für weiter in den Osten, dann gibt's länger was zu lesen. Falls es zurück gehen soll, würde ich mich für eine Route durch die Karpaten und Transsilvanien einsetzen.
ReisenderIch bin dafür, dass Du mit einem Frachter in die USA fährst und John Steinbecks Route aus "Travels with Charley" radelst. Ich habe noch irgendwo vierzig Dollars, die kannst Du haben. Und dann die Panamericana von Alaska nach Feuerland und dann natürlich nach Hawaii - fit genug bist Du ja jetzt ;-) Was auch immer Du machst - alles Gute!