• Speichenlos und Angekommen

    18 September 2024, Turki ⋅ ☁️ 24 °C

    Es ist ein Aufwachen vom Meeresrauschen. So nah haben wir selten am Wasser gestanden. Ein frühes Bad und eine Stranddusche helfen uns beim Wachwerden, wobei wir interessiert von einem Anwohner hinter dem Stacheldraht der Wohnanlage beschaut werden. Auf den Grundstücken wachsen Blumen, es sieht sehr schön aus - bis eben auf die Stacheldrähte. Wir spielen mit herumtobenden jungen Katzen und werden vom Kläffen der Hunde verabschiedet. Die Bundesstraße ist laut und voll, die von Landwirtschaft geprägte Umgebung von gestern wird heute durch Besiedlung eingenommen. Direkt von der großen Straße gehen Schotterwege ab oder kleine Straßen, die oft in bewachte und für uns verschlossene Wohnsiedlungen (gated communities) führen.
    Da sixh so leider kein Cafe am Straßenrand zeigt, frühstücken wir an der Tankstelle, wo wir die Wahl zwischen Kaffee von Starbucks oder Nescafe haben. Und dann passiert an dem Tag so viel, dass es scheint, als wären es zwei Tage. Wenn ihr mehr Details wissen wollt, fragt uns einfach, aber ich versuche, hier einiges wiederzugeben:
    In der ersten Stadt biegen wir von der großen Straße ab und finden einen klassischen Bäcker, der ausnahmlos leckere Dinge im Angebot hat: Pogaca (käsegefüllte Milchbrötchen), Tahinischnecken und Baklava. Vor dem Bäcker sitzend werden wir erst von einen türkisch-deutschen Reiseführer angesprochen, der begeistert von unserer Reise ist, uns dann aber für den Fall der Fälle seine Nummer gibt und vor Straßenhunden warnt. Es ist total lieb, dass er uns seine Nummer gibt, aber warum hält er es für nötig? Vielleicht, weil die Englischkenntnisse der türkischen Menschen oft nicht gut sind?
    Wir packen zusammen und holen unsere Flaschen vor, um sie nochmal mit Trinkwasser bei der Bäckerei auffüllen zu lassen. Eine mit Melonen bepackte Frau sieht uns, deutet auf Tims Thermosflasche und spricht uns herzlich auf Türkisch an. Per Übersetzer verstehen wir, dass sie uns auf einen Kaffee/ Tee bei sich einlädt, und wir Tee in der Thermoskanne bestimmt gut als Energirquelle gebrauchen können. So freundlich wie sie ist, können wir die Einladung nicht ausschlagen, folgen ihr und stehen kurz darauf in ihrer Wohnung. Mit Hausschlappen ausgestattet gehen wir auf den Balkon, wo wir neben ihren selbstangebauten Chillipflanzen etwas verduzt auf die belegten Sofas blicken. Auf Bettlaken befinden sich orange-rote Fladen, Flocken, Brocken? Guckt euch jetzt das Foto an und ratet, was das wohl ist?

    Auf den Balkon kommt die 90-jährige Schwiegermutter unserer Gastgeberin, sie beugt sich über die Brocken und beginnt, diese in routinierter Bewegung zu zerkrümeln.
    Die Frauen trocknen insgesamt 15 Tage lang Tarhana, eine klassische türkische Suppe aus Tomaten, Paprika, Zwieblen, Knoblauch, Mehl und natürlich den selbstangebauten Chillis (Zitat Übersetzungsapp: es tut ein bisschen weh [beim Essen]). Das entstandene Pulver wird dann bei Bedarf, gern bei Erkältungen im Winter, wieder zu Suppe aufgekocht. Es scheint uns erstaunlich viel Aufwand zu sein, um sozusagen selbstgemachte Tütensuppe zu haben und wir sind begeistert von dem Trocknungsprozess. Wir bekommen frischen Caj, Nüsse und Flakes als Snack gereicht und eine Tüte voll Tarhanasuppenkrümel, was wir erneut vor lauter Freundlichkeit nicht ablehnen können. Unsere Gastgeberin ruft ihren englischsprechenden Sohn an und gibt ihn uns zum Telefonieren, eine etwas witzige Situation, aber er sagt uns, wir sollen uns wie zuhause bei seiner Mama fühlen. Wir bedanken uns herzlich und schenken ihr zwei von den Chillis aus Albanien, die sie in ihre nächste Tarhanasuppe verarbeiten kann. Es fällt uns schwer, uns wieder zu verabschieden, aber wir haben noch einige wahrscheinlich verkehrsreiche Kilometer vor uns. Zum Abschied schenkt sie uns noch je ein Kopf-/Halstuch vom Stadtkulturfest und wir fahren beschwingt mit Caj in der Flasche weiter.

    Auf einmal klingt es mehrmals metallisch an meinem Hinterrad, damit lag kein Draht (wie sonst manchmal) auf der Straße. Komisch. Beim Anhalten stellt sich heraus, dass eine Speiche gebrochen ist und mein Hinterrad eine dicke Acht hat. Notdürftig tapen wir die Speichreste fest, nehmen etwas Last von meinem Hinterrad (danke an Spedition Flix) und rollen vorsichtig weiter. Ich stelle mir nun ernsthaft die Frage, ob das wohl die letzte Tour mit meinem Rad war?

    Nach 60 km kommen wir in die zweite Stadt, ohne dazwischen je besiedeltes Gebiet verlassen zu haben. Hungrig wie wir sind werden wir in einem Lokantasi zum Mittag fündig: es ist ein Lokal mit vorgekochten Speisen in der Theke, aus denen wir uns unser Essen kombinieren können. Da das vegetarische Angebot begrenzt ist, wandert noch eine Käsepide vom Bäcker in meinen Magen, bevor wir gestärkt weiter den Weg am Verkehr vorbei suchen.

    Sieben Hügel später wissen wir, woher die Höhenmeter des heutigen Tages kommen - von wegen flache Küstenstraße. Wir brauchen nochmal eine Snackpause und finden einen etwas herunterkommenden Park am Meer mit Katzen, die sehr gern an unserem Snack teilhaben wollen. Schwieriger zu finden ist der Radweg, manchmal wurde er einfach überbaut umd endet aprubt vorm Zaun.

    Es ist ungewiss, wann wir in Istanbul waren - wir sehen kein Ortseingangsschild. Schon den ganzen Tag sind wir durch die Metropolregion gefahren, aber wann war es Istanbul? Zumindest waren wir gefühlt irgendwann in Istanbul und mussten feststellen, dass unsere Abendpläne die Stadtgröße übersteigen. Schweren Herzens schaffen wir es also nicht, die Radreisende Janne, die wir in Montenegro kennengelernt haben, noch einmal in Istanbul zu treffen, zu weit ist ihr Stadtviertel entfernt. Und auch Tims Schwester werden wir erst am nächsten Tag treffen. Da wir ein Hostel auf der asiatischen Seite gebucht haben, suchten wir im WLAN eines Restaurants nach Fährverbindungen. Selbst mit der Hilfe der 5 Angestellten, dem Versuch die Websiten zu entschlüsseln dem Anrufen bei der Fährgesellschaft und dem Nachfragen an einem großen Hafen konnten wir keine Gähre mehr finden, die uns um 21 Uhr noch mitnehmen wollte. So haben wir den Bosporus von unten durchfahren: mit der Metro Marmarey waren wir innerhalb von 7 Minuten auf einem anderen Kontinent! Es scheint bis jetzt jnwirklich, dass wir das mit dem Fahrrad gecshafft haben, es ist der dritte Kontinent für Tim auf dieser Radreise.

    Wir checken schnell im Hostel ein, mittlerweile ist es schon kurz vor 22 Uhr, um uns dann hungrig nach Essen umzuschauen. Das am besten gefüllte Lokal ist ein Dönerladen. Schon als wir ankommen, werden wir vom Kellner besonder begrüßt: er steht mit einer gefüllten Dönerschaufel vor uns und steckt Tim (ich kann es gerade so unter Protest ablehnen) frisches Dönerfleisch in den Mund. Für mich findet sich Salat, Reis und Ayran,während Tim die volle kulinarische Erfahrung eines türkischen Döners und dazu Chilli-Ayran mitnimmt. Seht selbst - hier gibt es den Döner ohne Fladenbrot, Salat und Sauce, sondern direkt auf dem Teller mit dünnem Brot, Zwiebln und Tomaten. Gesättigt fallen wir müde ins Bett und können es selbst kaum glauben, in Istanbul angekommen zu sein.
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