• Matsche und Fahrradunterkunft

    30. sep.–6. okt. 2024, Tyrkiet ⋅ ⛅ 16 °C

    Günyurdu - Eskişehir

    Obwohl gestern noch sternklarer Himmel war, fängt es am frühen Morgen an zu regnen und leicht zu gewittern. Zunächst ist das Gewitter noch ein gutes Stück entfernt, als es dann näher kommt und heftig rummst, scheint mir Aussitzen doch keine Option zu sein. In Windeseile, die anderen möglicherweise wie Schneckentempo vorkommt, packe ich zusammen. Als ich fertig bin, ist das Gewitter dann auch vorüber und es regnet nur noch. Der Weg zurück auf die Straße nimmt dann – auch wenn es nur gute 50 m sind – fast eine Viertelstunde in Anspruch. Der Lehmboden ist so aufgeweicht und klebrig, dass das Rad nach 10 m komplett blockiert, weder Fahren noch Schieben geht. Alles ist mit Lehmschlamm voll und auch meine Sandalen haben jeweils ein Kilo Zusatzgewicht gewonnen.
    Fluchen und Tragen hilft und am Ende stehe ich wieder auf der Straße. Glücklicherweise war ich ja bereits gestern Abend auf Wassersuche. Also erst mal wieder zur Friedhofsquelle, Fahrrad putzen, frühstücken und warmen Tee kochen.

    Etwas fröstelnd geht es dann anderthalb Stunden später in Regenmontur los. Wie ich eine Weile später feststelle, scheinen meine Goretex-Schuhe und der Regenüberzieher bei ihrer langen Zeit im Packsack ihre Funktion vergessen zu haben. Zumindest fühlen sich meine Füße trotz der Kombination ungewöhnlich feucht an. Gibt es eigentlich wirklich zuverlässige Outdoor-Ausrüstung...? Natürlich nicht, denn sonst würde man viel seltener einen Grund finden, zur Mittagspause im Restaurant einzukehren oder andere Teepausen zu machen.
    Daher begebe ich mich nach gut 30 km, als ich Bozüyük erreiche, erst einmal in ein gut besuchtes Restaurant oder Lokantasi, ich weiß es nicht genau. Auf jeden Fall gibt es hier wieder sehr leckeres und preiswertes Essen und einen zuckerigen Çaj von super freundlichen und offenen Menschen :)

    Die restliche Strecke kann ich nach dem Mittagessen im Sonnenschein und mit Rückenwind zurücklegen und komme so schnell in der spendenbasierten Fahrradherberge in Eskişehir an (Empfehlung von Marcel, den ich in den Pyrenäen traf und der mir etwa zwei Wochen vorausradelt). Hier treffe ich auf einige andere Radreisende aus Deutschland (Antonia), Frankreich (Noé und Aude) und später der Schweiz (Chris und Oli). Ich beschließe ein paar Tage hier zu bleiben und mich auszukurieren. So haben wir eine schöne Zeit mit vielem Quatschen und gemeinsamem Kochen. Mit drei bis vier Kochern kann man schon einiges zaubern, was im kulinarischen Genuss von Milchreis, Rührei, Spiegelei, gekochten Eiern, Curry, Bulgursalat, Rahmsaucen und so weiter mündet.

    Neben dem gemeinsamen Kochen vergehen die Tage mit viel Schlafen, einem Ausflug nach Eskişehir, Routenplanung und einem kleinen Kunstprojekt (übriggebliebene Farbe des größeren Kunstprojektes der beiden französischen ArchitektInnen).
    Eskişehir überrascht zudem mit unerwarteter Größe (irgendwas zwischen einer halben und einer Million), einem westlich geprägten Stadtbild mit Venedig-gleichen Gondeln und fast durchgehend barrierefreien Fußwegen sowie Menschen mit Kameras, die uns (mit unseren Rädern) so interessant finden, dass sie Fotos von uns machen. Letztere Gelegenheit nutzen wir direkt für ein Gruppenfoto.

    Die einzige trübe Stimmung dieser Tage kommt beim Vorbeifahren an den Zeltunterkünften der Erntehelfer*innen bzw. Erntehelferfamilien auf. Von Einheimischen bekomme ich auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie meistens aus dem Osten der Türkei stammen und vermutlich KurdInnen sind. Ich frage mich, wie die Menschen wohl bezahlt werden und wie die Arbeitsbedingungen sind. Die Zeltunterkünfte sehen zumindest schon krass aus.
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