• Kernig knusprige Einöde und Gastfreunds.

    9. oktober 2024, Tyrkiet ⋅ ☀️ 28 °C

    ? - Kerpiç

    Obwohl es weder regnet noch windet, ist der Morgen bereits relativ frisch. Die Sonne braucht etwas, bis sie ihre volle Kraft entwickelt, was mich davon abhält, mich heute Morgen in irgendeiner Form zu beeilen.

    Als ich dann unterwegs bin, rolle ich im Fünf- bis Zehn-Kilometer-Takt durch kleine Dörfer. Eines, Yenice heißt es, fällt direkt stärker auf, da ich direkt zweimal auf Englisch angesprochen werde, gefragt werde, wie es mir geht, ob ich irgendetwas brauche (Wasser, Brot, Wegbeschreibung) bzw. zum Tee eingeladen werde. Ich bin eigentlich schon fast am Haus vorbeigefahren, als ich doch umdrehe und die (zweite) Teeeinladung annehme, vielleicht erfahre ich ja etwas über die Leute und die Gegend.
    Und tatsächlich folgt ein interessantes Gespräch mit Gökcen, der in jungen Jahren (19 oder war das die spätere Begegnung?) nach Kanada ging, zunächst Maurer war, sich hocharbeitete und nun mit seinem Bruder eine Baufirma besitzt. Sein Bruder ist noch dort, er inzwischen wieder zu Hause in seinem Dorf, weil ihm die Landwirtschaft Spaß macht, auch wenn die mit der Inflation (und der Regierung, die an dieser Schuld habe) nicht so leicht sei. Ich frage auch, wie das Bewässern der ganzen Pflanzen funktioniert, werde aus der Antwort aber nicht ganz so schlau. Alles werde bewässert, in drei Wochen, wenn gesät wird, fange man damit wieder an und es gäbe große Pumpen und ein Reservoir. Warum der Fluss dennoch so wenig Wasser führt und wie es um den Grundwasserspiegel steht, bleibt leider ungeklärt bzw. ich verstehe nicht ganz, ob der Wasserstand des Flusses für diese Jahreszeit wohl normal ist.
    Als ich mich verabschiede und noch ein Foto mache, werden mir noch Unmengen an Sonnenblumenkernen geschenkt, die ich erfolglos abzulehnen versuche. Die nächsten Kilometer habe ich ganz schön was zu knuspern.

    Den Rest des Tages geht es weiter durch trockene Landschaften entlang abgeernteter Felder. Schatten gibt es quasi keinen und auch Supermärkte finden sich nicht – das Angebot eines kleinen Ladens beschränkt sich quasi auf Schokoriegel und Softdrinks. So knuspere ich mich einfach von einer Handvoll Sonnenblumenkerne zur nächsten. Was ich unterwegs aber tatsächlich doch noch finde, sind einige Zwiebeln, die wohl vom LKW gefallen sind und von mir bis zur nächsten zu kochenden Mahlzeit adoptiert

    Zu jeder kommt es heute allerdings gar nicht mehr. Als ich durch das Dorf Kerpiç fahre, werde ich von einem jungen Mann, der gerade über Heuballen stapft, angesprochen. Ergün, wie ich später erfahre. Auch er erkundigt sich freundlich und hilfsbereit wie so viele andere, wohin es geht, ob ich etwas brauche und ob ich Hunger habe. Da ich seit dem Frühstück nur Sonnenblumenkerne geknackt habe, fällt meine Antwort auf die letzte Frage doch etwas stotternd aus, sodass ich kurzerhand zum Essen und Übernachten eingeladen werde. Überraschenderweise spricht Ergüns Vater, Osman, etwas Deutsch, weil er früher immer mal wieder in Europa und unter anderem in der Schweiz und Mannheim gearbeitet hat. Auch Ergün hat einige Zeit in Belgien und dann in Antalya gekellnert. Nun kümmern sie sich zusammen mit seinem Vater und Onkel um den Hof mit gut 200 Kühen (und ich weiß gar nicht, was noch so alles dazugehört). Während mir Essen gereicht wird (ich weiß gar nicht, wie ich mich für dieses spontane Festmahl dankbar zeigen kann), ist Osman die Freude anzusehen, sich ein bisschen auf Deutsch unterhalten und erzählen zu können.
    Im Anschluss geht es zum Çay ins Haus. Das Vorstellen seiner Frau, die ab Betreten der Türschwelle das Sagen zu haben scheint, fühlt sich fast wie ein zeremonieller Moment an. Im Wohnzimmer unterhalten wir uns noch eine Weile weiter über meine Reise, Essen, meine Familie (ob meine Mutter denn bei so einer Reise keine Sorge habe (kam von der Mutti)) und ihre Familie (der Bruder Ergüns, der in Mannheim arbeitet). Fotos zeigen ist dabei auch immer eine gute Sache, insbesondere dann, wenn die eigene Mutter zufälligerweise gerade in Deutschland ebenfalls mit Kurdinnen am Teetrinken ist!
    Im Hintergrund unserer Teezeremonie läuft der Fernseher mit ein paar Nachrichten (unter anderem wird über die Hundesteuerrekordeinnahmen in Deutschland berichtet) und später eine Kochshow. Ersteres bringt auch die Politik mit in die Gespräche, die in der Türkei ganz katastrophal, korrupt und diktatorisch sei. So klare Worte hatte bisher noch niemand über Erdoğan geäußert.
    Bevor ich mich ins Bett verabschiede, frage ich noch, wann Ergün morgen früh zu arbeiten bzw. Kühe zu melken beginnt (heute Abend hatte ich ihn nur einen Eimer Milch tragen sehen) und melde mich direkt zum Dienst. Osman muss direkt schmunzeln, da die Deutschen immer „schaffen“ (die Zeit in Süddeutschland hat ihren Dialekt hinterlassen) wollen.
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