• Herzlichste Menschen, harte Umstände

    18 Oktober 2024, Turki ⋅ ☀️ 12 °C

    Es klappt einfach nicht, mal einen kurzen FindPeguins zu schreiben, der Morgen reicht schon wieder für ein ganzes Buch.
    Zunächst gab es nämlich Frühstück im Gästehaus. Ein kleines Selbstbedienungsbuffet. In der angrenzenden Küche herrschte dennoch bereits hektisches Treiben. Zunächst werkelte nur ein Mann in der Küche, Säcke voll geschnittener Auberginen standen herum und eine Frau sortierte erst Besteck und schnitt dann Brot, welches sie in riesige Dosen packte und dann auf meinem Esstisch zu zwei Türmen stapelte. Kurze Zeit später trafen vier weitere Frauen ein. In der Küche ging es nun richtig rund und es wurde begonnen, in riesigen Töpfen zu kochen: Köfte, Hähnchenschenkel, Suppe, Bulgur usw. Wenn ich es richtig heraushörte, für 150 Personen. In einer kurzen Atempause zum Çaytrinken wollte ich eigentlich nur den Schlüssel abgeben, fand mich dann aber ebenso schnell am Tisch mit einem Tee wieder. Eine lustige Runde, die viel scherzte und lachte. Beim Selfie, das unbedingt gemacht werden sollte (nicht meins), hüpfte der „Tellerwäscher“ der Küchenchefin auf den Schoß – das hätte ich so nicht erwartet. 😄 Die hat übrigens vor oder träumt davon, mal nach Deutschland zu gehen. Wir unterhalten uns mal wieder per Übersetzungsapp (ein bisschen Türkischkenntnisse wären so schön) und neben Scherzen über Alkohol, Schweinefleisch und dass der Tellerwäscher nun mit mir beten wolle, erfahre ich, dass sie Personalmangel haben und werde gefragt, ob ich mitkellnern will.
    Nun wusste ich leider nicht, wie ernst die Frage gemeint war, ob das ohne Kellnererfahrung und Türkischkenntnisse eine gute Idee ist und gleichzeitig war das Wetter draußen ganz sonnig, sodass meine Antwort etwas zu zögerlich und überrascht in einer Gegenfrage endete. Im Nachhinein ärgere ich mich etwas, nicht mit einem klaren Ja der Begeisterung geantwortet zu haben. Es wäre bestimmt eine lustige Erfahrung gewesen!

    Auf dem Weg aus der Stadt werde ich kurz vor einer Polizeikontrolle fast von einem Auto angefahren, als es spontan nach rechts abbiegt. Ich frage mich, warum die sonst netten Polizisten den Fahrer nicht ordentlich zurechtweisen und stattdessen nur meinen Pass sehen (und sich ein bisschen mit mir unterhalten) wollen.

    Der weitere Weg verläuft dann durch eine ländliche Hügellandschaft, die von vielen kleinen Dörfern durchzogen ist. Auch hier sieht man noch einige Container als Hauserstatz und teils riesige Risse in den Gebäuden.

    Als ich in Sürgü ankomme, suche ich eine Lokanta auf. Es gibt wieder meinen Favoriten Reis und Bohnen (Pilav und Fasulye). Als ich im Anschluss dann noch gerade Wasser auffüllen möchte, kommt ein Ladenbesitzer von der anderen Straßenseite, spricht mich an und lädt mich auf einen Tee ein. Da es doch relativ kalt ist, sage ich nicht nein und will die Gelegenheit nutzen, mich zu erkundigen, ob ich irgendwo auf den nächsten Kilometern oder im nächsten Dorf zelten kann. Abuzer lädt mich darauf direkt ein, bei ihm zu Hause im Gästezimmer zu übernachten. Er muss allerdings noch bis sieben Uhr im Laden arbeiten. So schaue ich dem Treiben etwas zu und nutze die Gelegenheit, mit der großen Gemüsewaage mal mein Fahrrad und mich zu wiegen. Tatsächlich haben wir beide zugenommen, weil ich immer so gut gekocht habe, oder die Waage nicht so ganz stimmt, oder mein Fahrrad ist mit 56 kg inkl. Wasser einfach ein bisschen schwer …

    Bevor Abuzers Schichtwechsel stattfindet, essen wir noch Dürüm, der von irgendjemandem von nebenan vorbeigebracht wird. Dann soll ich noch ein paar Dinge als Abendsnack aus dem Laden aussuchen. Auf dem Weg nach Hause stoppen wir nochmals an und wärmen uns mit einem Çay auf.

    Bei Abuzer angekommen, bereitet er noch das Pendant zur deutschen Schnittchenplatte vor, schmeißt den Fernseher an und wir unterhalten uns eine Weile per Übersetzungs-App. Durch den Kontext kann man auch mehr oder weniger viele Übersetzungsfehler verstehen. Das es hier immer wieder Gehirnerschütterungen gäbe, meint wohl eher die Erdbeben.

    Die Gastfreundschaft ist mal wieder beeindruckend. Dabei ist es gar nicht so einfach und ziemlich berührend, hier Gast zu sein. Bei einem Menschen, der vor zwei Jahren sein Haus (und vielleicht auch noch viel mehr) verloren hat und den ganzen Tag (7 - 19 Uhr) über in seinem unbeheizten Containerladen arbeitet. Immerhin können zwei seiner Kinder studieren, eins besucht die Highschool und sein Bruder hat gerade eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhalten – zumindest für einen Monat.

    Randnotiz: Es wäre doch schön, Türkisch zu sprechen (oder eigentlich Kurdisch), um sich ein bisschen besser unterhalten zu können mit den Menschen, die einen einladen.
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