• Wucher und kurdische Hochzeit

    October 20, 2024 in Turkey ⋅ ☀️ 18 °C

    Tatsächlich hatte meine Intuition und mein erster Eindruck von der Stimme am Telefon nicht getrogen. Die Cafébesitzer waren mir sehr unsympathisch und hatten nur Geldverdienen im Kopf. Zwar blieb es für mich bei den 100 Lira für die Übernachtung, gleichzeitig zahlte ich aber viel zu viel für einen Kaffee, der weder mit Liebe zubereitet noch heiß war. Als drei Reisebusse hintereinander für 15 Minuten Leute auskippten, die in dieser Zeitspanne ein Getränk bestellen und runterkippen und dann noch Souvenirs kaufen sollten, sagte das eigentlich schon den Rest über den Laden aus. Zudem wurde mir, trotz etlicher Neins, auch noch versucht, den wunderbaren kurdischen Kaffee zu verkaufen, der 800 Lira (ca. 22 Euro) pro 250 g Paket kosten sollte (Nachtrag: Später finde ich heraus, dass die Kurden ihn hier für 300 Lira das Kilo handeln). Vielleicht ist es der Tourismus, der manche Leute verdirbt, wer weiß.

    Bevor ich den Aufstieg auf den Gipfel des Nemrut beginne, besichtige ich noch die alte Burg Yeni Kale. Was mir in Erinnerung bleibt: Sie soll Teil eines Tauben-Postnetzwerks gewesen sein.

    Auf dem Gipfel des Nemrut liegt die Grabstätte des hellenistischen Königs Antiochos I. Theos. Auf dem Weg dahin gibt es am Rand immer mal wieder griechische Ausgrabungsstätten. Griechische Inschriften, das Abbild eines „Handschlags mit Gott“ und einen 158 Meter langen, nicht fertiggestellten Tunnel, dessen Funktion nicht ganz klar ist.
    Für den Weg nach oben brauche ich ewig, da er unheimlich steil ist, durchgehend zwischen 10 und 20 %. Dementsprechend bin ich mittelmäßig erfreut, als ich oben angekommen feststelle, dass für die letzten 2 km zur Grabstätte 10 Euro Eintritt bezahlt werden müssen (für TürkInnen ist es nur ein Zehntel des Preises). Ich kaufe schließlich das Ticket und bin damit schon mal nicht umsonst hier hochgefahren - egal, ob es sich lohnt oder nicht - genial.
    Oben auf dem Gipfel ist es unglaublich windig und kalt. Ich schaue also lediglich die Grabfiguren an (die gar nicht so groß sind), mache ein paar Fotos und mache mich dann wieder auf den Weg nach unten. Zelten ist hier oben sowohl aufgrund des Windes keine Option, als auch, weil ich nicht wirklich an Wasser und Essen gedacht habe. Aber auch weiter im Tal ist es eher steinig oder leicht von der Straße einsehbar. Ich fahre also weiter bis ins nächste Dorf, kaufe noch etwas ein und brauche mir tatsächlich keine Gedanken mehr bezüglich der Übernachtung machen. Ein Mann, der Ladenbesitzer Mehmet, wie ich später erfahre, spricht mich an und sagt, ich könne gegenüber in der Bäckerei seines Bruders schlafen. Als ich mich noch nach einem Restaurant erkundigen will, sagt er irgendetwas von zwei Leuten, dort, wo die Musik herkommt, und sagt einem Jungen, dass er mich dorthin bringen soll.

    Es stellt sich heraus, dass hier im Dorf gerade eine Hochzeit stattfindet. Gefühlt ist das ganze Dorf anwesend oder vermutlich noch mehr, und es wird Musik gespielt und im Kreis getanzt (siehe Video). Essen gibt es en masse, und es scheint jeder eingeladen zu sein. Überhaupt geht es ziemlich lässig zu, alle Kleidungsstile sind vertreten, und Kinder laufen querbeet über den Platz oder durch die Tanzenden. Irgendwann lande ich selbstverständlich auch im Tanzkreis und soll ein kräftiges "Marşallah" auf das "Wallah" des Sängers ins Mikro brüllen. Teilweise tanzen Männer und Frauen auch im selben Kreis, allerdings nur, wenn der Übergang von der Männerreihe durch Ehefrau, Schwester oder Mutter überbrückt wird, denn ansonsten geben sich Männer und Frauen hier in den streng traditionel-konservstiven Regionen nicht die Hand.
    Als auffällige Bräuche, die scheinbar ebenfalls dazugehören, identifiziere ich das Geld fallenlassen während des Tanzes, was dann von Kindern aufgesammelt und zur Band gebracht wird, das Geldscheine zwischen die Lippen gesteckt bekommen und irgendwann fallenlassen und etwas später einen Tanz älterer Herren, der ziemlich anspruchsvoll und detailliert aussieht.
    Insgesamt geht der Abend tatsächlich gar nicht so lange. Gegen 21 Uhr haben sich schon viele verabschiedet, und auch ich mache mich auf den Weg in die Bäckerei.
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