In der Bäckerei
Oct 21–25, 2024 in Turkey ⋅ ☁️ 10 °C
Zwar ging die Hochzeit gar nicht ewig lange, dennoch wachte ich um 2 Uhr nachts in der Backstube auf. Wie das? Betrunken war ich nicht, was auch gar nicht möglich ist auf einer kurdischen Hochzeit – das ist übrigens allgemein sehr angenehm ohne Alkohol.
Nun war ich allerdings trotzdem in der Backstube, weil diese dem Bruder des Mannes gehörte, der mich mit auf die Hochzeit genommen hatte. Wie ich später erfuhr, stand in einem Raum weiter hinten auch noch ein Hochbett, das ich hätte nutzen können. Ich hatte im Vorraum geschlafen, hinter den Schaufenstern, quasi als Ausstellungsstück.
Nun kam also der Bäcker herein, der irgendetwas auf Kurdisch oder Türkisch sagte. Ob er Bescheid wusste, dass ich hier übernachtete? Er ließ sich auf jeden Fall nicht stören und begann mit der Arbeit. Ich war etwas verwirrt, ob ich nun einfach weiterschlafen sollte. Denn Müdigkeit und Kopfschmerzen, welche ich auf Schlaf- und Wassermangel, die Höhenmeter und den Wind von gestern zurückführte, saßen noch tief.
Schlafen konnte ich aber sowieso nicht mehr und außerdem interessierte es mich, dem Treiben in der Bäckerei zuzuschauen. Vielleicht konnte ich ja auch etwas mithelfen.
Der Bäcker hatte bereits den Holzofen angefeuert und den Teig zubereitet, der sich nun in einer riesigen Schüssel drehte und von einem entsprechend ebenso großen Mixer geknetet wurde. Nach einiger Zeit wurde er in große Stücke geschnitten und in eine Wanne zur Weiterverarbeitung geworfen.
Dann kam Şener, Bäcker Nummer 2, dazu. Etwas Glut aus dem Ofen wurde abgenommen und in einem Eisengestell zur Teezubereitung genutzt (von nun an war der Teekessel den ganzen Tag in Betrieb). Dann ging es ans Brot (Ekmek) machen. Erst wurde der Teig portioniert und mithilfe einer Maschine in Brötchenform gebracht. Diese Rohlinge durften, mit viel Mehl drumherum, dann noch eine Weile gehen. Dann folgte Schritt zwei. Bäcker Nr. 1 formte die Brote mit einer Geschwindigkeit und einer Lautstärke, wie es keine Maschine hätte besser machen können. Die Routine und Fingerfertigkeit waren beeindruckend. Die nun geformten Rohlinge wurden zum weiteren Ruhen auf Bretter gelegt. Das Zusammen- und Festkleben wurde mit Tüchern, die auf den Brettern und deren Falten zwischen den Broten lagen, verhindert. Dann folgte eine Teepause und eine schnell zubereitete Pide im heißen Ofen als Frühstück. Im Anschluss ging es ans Brotbacken und in Kisten packen. Je Kiste jeweils 40 Brote.
Der ganze Arbeitsprozess wurde immer wieder mal von Gesängen begleitet und man brachte mir mal wieder das islamische Glaubensbekenntnis bei, das ich nachsprechen sollte. Als Ausgleich dafür sang ich, nachdem ich aufgefordert wurde, ein deutsches Lied zu singen, einfach ein paar Weihnachtslieder – was anderes kann ich auch wirklich nicht singen.
Die erste Fuhre Brote geht in Kisten scheinbar an verschiedene Läden. Als zweite Charge werden dann Pide gebacken. Die sind schon ein bisschen aufwendiger. Inzwischen kommen immer mehr Menschen in die Bäckerei, die irgendwie alle dazugehören, ein bisschen mitarbeiten, reden und Tee trinken. Irgendwann taucht auch Mehmet auf, der mich gestern eingeladen hatte und ein bisschen das Familienoberhaupt zu sein scheint.
Es werden Kartoffeln, Auberginen, Paprika und Tomaten mit Knoblauch, Zwiebeln und Knoblauchknollen in den Ofen geschoben. Als diese gar sind, wird in zwei Schichten gemeinsam gefrühstückt. Neben dem Ofengemüse gibt es frische Pide, Käse und eine Art Oliventapenade. Das kurdische Gemeinschaftsfrühstück schmeckt nicht nur wahnsinnig gut, sondern gibt auch ein tolles Gemeinschaftsgefühl, da etliche Menschen hinzukommen und wieder verschwinden und es überhaupt normal zu sein scheint, dass immer mal Leute hereinkommen, sich setzen und einen Çaj trinken. Jener kocht auch den ganzen Tag auf einem Kohlestöfchen.
Im Laufe des Tages beliefern wir noch die große Baustelle nebenan mit Waren aus dem Laden. Hier lande ich kurzzeitig im Büro der Ingenieure beziehungsweise der Bauleitung, trinke einen Çay mit ihnen und erfahre tatsächlich gar nicht so viel über das Straßenbauprojekt (Sprachbarriere), außer dass es für sieben Jahre angesetzt ist.
Mehmet fragt mich direkt am ersten Tag, ob ich nicht eine Woche bleiben wolle. Ich gebe mein Ja für drei Tage, da ich so noch ein bisschen den Alltag beobachten kann und es (hoffentlich) noch nicht zu kalt in den Bergen wird. Am nächsten Tag kommt dann nochmal die Frage, ob ich nicht für einen Monat hier arbeiten wolle, er würde mich auch bezahlen. Das ist irgendwie schon lustig, es ist ja nicht so, dass ich irgendetwas Besonderes leisten würde. Ich vermute, dass ich einfach auch eine kleine Attraktion bin, Abwechslung für die Leute in der Bäckerei und interessant für alle, die hier Brot kaufen – der Deutsche, der Europäer, der ein paar Tage in der Bäckerei lebt.
Tatsächlich wollen auch wirklich viele mit mir Çay trinken, Selfies machen, fragen, ob ich etwas brauche, oder schenken mir Essen. Das ist einerseits sehr nett und aufmerksam, aber auch ein bisschen sehr viel Aufmerksamkeit, in der ich mich nicht immer ganz wohlfühle. Drei Tage reichen da wirklich ...
Es gibt übrigens fünf Bäckereien in dem Dorf, das ca. 1000 Einwohner hat. Ziemlich viele. Aber sie scheinen nicht nur zum Brotbacken genutzt zu werden. Häufig kommen Menschen (auch aus der näheren Umgebung) vorbei, um Paprika und Auberginen grillen zu lassen.
Eigentlich alles ganz nett, bis auf die Hygienestandards. Beim Übernachten in der Bäckerei habe ich nachts schon die ein oder andere Katze und Kakerlake (glaube, dass es welche sind) in den hinteren Räumlichkeiten gesehen. Aber hey, haben sich nicht gerade ganz viele Amerikaner*innen E. coli bei McDonald's eingefangen?
Was übrigens sonst noch interessant ist, ist das Hobby von Mehmets Bruder Dereli. Er fragte mich direkt am ersten Abend, als ich ihn traf, nach alten Bildern und Postkarten von (deutschen) Touristen. Ob ich welche hätte oder wüsste, wo man welche finden könnte. Ich war über dieses seltsame Sammelhobby zunächst etwas verwirrt. Was will man mit alten Fotos von deutschen Touristen? Zwei Tage später, als er mich zu sich nach Hause einlud, lüftete sich das Geheimnis. Dereli betreibt Ahnenforschung seiner Familie. Er ist hier auch schon viele Generationen weit zurückgekommen, doch gibt es nur wenige Fotos (seine und seines Vaters max. Großvatergeneration), da die Menschen hier kaum Kameras besaßen. Nun gab es aber sehr wohl Touristen und deutsche Archäologen (allen voran Otto Puchstein, den Namen, den er immer wieder nannte und auch seinen kleinen Sohn gelegentlich so rief), die hier aktiv waren und eben schon Kameras besaßen, auf deren Fotos teilweise auch Einheimische mit Namensvermerk abgebildet sind. So fand er bereits ein Foto eines seiner Vorfahren. Wahnsinn!
Des Weiteren ist Dereli übrigens Landwirt und schwärmte von einer Tomatensorte, die kein Wasser benötigt. Er fragte mich zudem, welche Pflanzen es bei uns gäbe, die es hier nicht gibt, und ob ich ihm Samen von diesen zuschicken könnte. Tatsächlich fiel mir diesbezüglich nur Raps ein. Ansonsten scheint es hier doch eine sehr große Vielfalt an Nutzpflanzen zu geben. (Quizfragen sn alle die dies Lesen, welche Nutzpflanzen gibt es in Deutschland aber nicht in der Türkei?)
Randnotiz:
Bei ca. 10 bis 20 Çay am Tag mit jeweils ein bis zwei Würfel Zucker habe ich vermutlich spätestens jetzt Diabetes.Read more














