Hybrides Fahren - Hauptstadt der Kurden
October 24, 2024 in Turkey ⋅ ☀️ 22 °C
Ein letztes Mal in der Backstube aufwachen, ein letztes Mal Brote verpacken und ein finales gemeinsames Frühstück. Ein bisschen bin ich auch froh, denn die Nächte in der Backstube waren kurz und ich freue mich auf den Ausschlaf. Zum Abschied erhalte ich von der Apotheke gegenüber eine Packung Schmerztabletten, obwohl ich selbst welche habe und sie bisher noch nie brauchte – das bisher sonderbarste Geschenk.
Die ersten 50 km werde ich von Mehmet in seinem Transporter mitgenommen, der in der Stadt Mail und Gemüse von den Großhändlern kaufen muss. Die kommt ihm ganz gelegen, unter der Abschnitt nur auf der Bundesstraße wäre. Leider sehe ich so allerdings nicht ganz so viel vom beeindruckenden Euphrat. Tatsächlich ist das in Schluchten gefressene, teils sehr grüne und wasserreiche Flusstal eine biblische Landschaft.
In Siverek angekommen, nimmt mich Mehmet noch zum Mehlhändler und Gemüsemarkt mit. Ich glaube nicht nur, um mir dies zu zeigen (denn es wird einfach nur viel herumgesessen, während andere die Arbeit machen), sondern vor allem, weil es vielleicht etwas Besonderes ist, jemanden aus Europa oder Deutschland zu Gast zu haben.
Bevor ich aus der Stadt fahre, gönne ich mir noch ein zuckersüßes churrosähnliches Gebäck (Halka tatlı). Dann geht es einen stinkenden Hügel hinauf, der am Straßenrand vom umherfliegenden Müll der Müllhalde gesäumt ist – bessere Infrastruktur (geschlossene Müllhalden oder Müllverbrennungsanlagen) würden hier bestimmt schon einiges an umherfliegendem Müll reduzieren.
Die Strecke von Siverek bis Diyarbakır fällt durch ungewöhnlich steinige und felsige Steppenlandschaften auf (Basalt?). Nach ein paar Kilometern überholt mich ein Mann mit seinem Zweitakter-Lieferwagen, hält an und fragt, ob er mich die nächsten 20 Kilometer mitnehmen soll. Da ich heute hier schon einmal geschummelt habe und es immer noch Bundesstraße ist, sage ich ja – was für eine nette Begegnung!
Anders als geplant schaffe ich so heute mehr Kilometer und bin am Nachmittag in Diyarbakır. Eine ganz ungewöhnliche und interessante Stadt. Der Norden besteht aus großen neuen Wohnblöcken und wirkt ziemlich modern und westlich. Dann wird es plötzlich ärmlicher (ein paar bettelnde Menschen und auch Kinder, die in Mülltonnen wühlen), dreckiger und die Häuser sehen heruntergekommener aus. Irgendwann komme ich in der Altstadt, dem Viertel Sur, an. Es ist von einer Stadtmauer umschlossen und erinnert ein bisschen an die Medinas Marokkos, nur nicht mit ganz so schmalen Gassen (liegt vielleicht auch an den Zerstörungen vor einigen Jahren, siehe unten). Nur dass hier viele Autos fahren und es eine riesige Ringstraße und sehr viele neue Gebäude gibt.
Eigentlich wollte ich in der Stadt nur schnell einkaufen und Wasser auffüllen. Doch da die Stadt so ein geschichtsträchtiger und historischer Ort zu sein scheint, erkundige ich mich bei einer Frau, die mich beim Wasserauffüllen anspricht, nach einer günstigen Unterkunft. Sie führt mich zu einem preiswerten, etwas sonderbaren Hotel (ein paar offene Zimmer sehen aus wie Wohnzimmer, in denen Familien sitzen und über Gaskochern kochen). Ich gönne mir den "Luxus" und mache direkt noch einen abendlichen Spaziergang.
Ansonsten existieren aber auch viele kleine Läden, Schneider-, Textil-, Gewürz- und Nussgeschäfte und natürlich die Straßenverkäufer. Gleichzeitig gibt es auch eine Ecke mit sehr neuen Häusern und etwas "edleren" Cafés und Restaurants. Hier finde ich überraschenderweise auch ein paar christliche Kirchen, die inzwischen geschlossen sind und auf meine ToDo-Liste für morgen kommen.
Als ich in eine Seitenstraße einbiegen will und auf einen der vielen Polizeiposten treffe, hält mich dieser freundlich davon ab, weiterzugehen. Es sei unsicher in manchen Straßen. Ein Zeichen der politischen Spannungen und der Armut hinter der Fassade neuer Häuser?
Den Mischmasch an Neu- und Altbauten, die ungewöhnlich vielen Polizisten und die teilweise Armut sind Resultat der kriegsähnlichen Monate vor wenigen Jahren hier. Damals kam es zu Straßenschlachten in der Altstadt (Stadtteil Sur) zwischen Kurden und türkischen Polizeikräften und der Armee. Laut Wikipedia wurden bis zu 80 Prozent der Gebäude in der Altstadt zerstört – wirklich schade sowohl für die Menschen als auch um die zerstörten Teile der Altstadt.
Mit diesen Eindrücken kehre ich zum Hotel zurück, schmeiße nun ebenfalls meinen Kocher an und falle nach dem Essen müde ins Bett.
Randnotiz:
Was immer wieder ein Witz ist, ist die Tatsache, dass es, anders als in Deutschland, etliche Läden mit unverpackten Lebensmitteln von Gewürzen über Tee, Kaffee bis zu Snacks und Süßigkeiten gibt, bei denen man genau die Menge kaufen kann, die man haben möchte. Mangelt es in Deutschland an solchen tollen Läden, so mangelt es hier an dem Wunsch, die Waren dann auch unverpackt zu kaufen bzw. zu verkaufen. Ganz im Gegenteil wird alles doppelt und dreifach in Tüten eingewickelt.
Çaycounter: 2Read more




















Traveler
Ah, den wolltest Du dir doch immer schon einmal ansehen - schön, dass es endlich geklappt hat :-D