Und nochmal Diyarbakır
October 25, 2024 in Turkey ⋅ ☀️ 22 °C
Das Zimmer im Hotel nutze ich, um etwas Schlaf nachzuholen, etwas FindPenguins und ein paar Postkarten zu schreiben. Die Suche nach der Post dauert ein bisschen, weil einige Filialen geschlossen sind und ich quer durch die Stadt fahre. Auch jetzt fällt wieder auf, wie viel Militär unterwegs ist. Fünf Hubschrauber fliegen Schleifen, Wasserwerfer und an einem Ort Polizisten im 10-Meter-Abstand – als würden hier zehn Dynamospiele gleichzeitig stattfinden. Normal oder aufgrund des PKK-Anschlags in Ankara?
An einer Kreuzung verkauft ein Mann, dessen Beine ungewöhnlich verdreht aussehen und ungleich lang sind, Taschentücher. Mir sind schon ein paar Menschen mit Gehbehinderung aufgefallen – überdurchschnittlich viele? Resultate der Auseinandersetzung mit Polizei und Militär vor ein paar Jahren?
Bei der Post erkundige ich mich auch nach Paketkosten nach Deutschland und entscheide mich, noch ein paar Souvenirs zu kaufen und ein paar nicht benötigte Sachen zurückzuschicken. Ich drehe also noch einmal eine Runde durch die Stadt, schaue mir die armenische und katholische Kirche von innen an und verbringe sehr viel Zeit damit, Mokkakocher aus Kupfer auszuwählen und ein Kaffeeservice dann doch nicht zu kaufen. Auch der zweite Postbesuch benötigt noch etwas Zeit, sodass ich erst am Nachmittag aus der Stadt loskomme.
Ich überquere den zweiten biblischen Fluss, den Tigris, und fahre dann auf der anderen Seite des Universitätsklinikums hinauf. Die Millionenstadt endet schnell, und ich finde mich in Wäldern und Feldern wieder.
Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde nehme ich mir vor, schon nach einem Übernachtungsplatz Ausschau zu halten. Die Gegend ist leider noch mit Schafen und Hirten belebt, und so frage ich einfach beim nächstbesten Haus nach. Statt eines Zeltplatzes gibt es sogar einen kleinen Container, in dem ich es mir bequem machen kann. Damit nicht genug, kümmern sich direkt zwei etwas jüngere Männer als ich um mich und rufen noch einen Verwandten aus Estland an, der fließend Englisch spricht. Sie wollen noch mit mir in die Stadt fahren und essen gehen.
Die genaue Planung ist in solchen Situationen dann immer gar nicht so einfach nachzuvollziehen. Einmal aufgrund der Sprachbarriere, aber auch, weil Pläne nicht so ganz genau erklärt werden und Zeiten eher so grob der Orientierung zu dienen scheinen. Ich weiß also nicht ganz so genau, was nun los ist, als sich einer der beiden verabschiedet, um Freunde zu treffen, und der andere sagt, dass das Essen fertig sei und er es holen würde. Als nach einer halben Stunde nichts passiert, esse ich schon mal meine Reste von gestern auf.
Dann fährt allerdings ein weißer BMW vor, in dem neben einem der Jungs noch zwei seiner Cousins sitzen. Die zweite Spritztour auf dieser Reise beginnt. Wir fahren wieder nach Diyarbakır, schauen uns noch eine alte Brücke an, tanzen Halay und essen – wohl für diese Gegend typisches – Leberschaschlik. Ohne dass ich es wirklich mitbekomme, wird für mich noch eine Portion Köfte zum Mitnehmen gekauft. Außerdem halten wir noch an einem Supermarkt, in dem Snacks und Getränke gekauft werden – ich habe keinen blassen Schimmer, was heute noch geplant ist.
Schließlich fahren wir zum Container zurück, der mein Nachtquartier sein wird. Doch Schlafenszeit scheint noch nicht zu sein. Einer der Jungs bleibt da und packt die Snacks aus, und nun ist wohl Snacktime. Eigentlich bin ich ziemlich müde und würde gern schlafen. Aus Höflichkeit sage ich allerdings nichts, und so sitzen wir noch eine Weile da, essen vor uns hin und unterhalten uns per Übersetzungs-App.
Etwas unwohl bzw. überrascht fühle ich mich, als Kadir plötzlich mir einer Pistole rumspielt, die er scheinbar dabeizuhaben pflegt. Dass er als Getränke Whiskey und Redbull trinkt, macht die Situation nicht sonderlich besser.
In so einem Moment frage ich mich kurz, wie sicher das Ganze hier eigentlich ist, komme aber zu dem Schluss, dass man gerade mit mir durch die Stadt gefahren ist und Fotos, auf denen ich drauf bin, an sämtliche Verwandte und Social-Media-Kanäle geschickt wurden.
Auf die Frage, warum er eine Pistole trägt, antwortet er, es sei zur Sicherheit. Man könne nie wissen, und tatsächlich wirkt er auch immer sehr schreckhaft, wenn er draußen Geräusche hört. Ich schaue mir die Pistole an und frage mich dann allerdings, was eine Pistole mit leerem Magazin zum Sicherheitsgefühl beitragen soll.🤔
Die Geräusche, bei denen er hochschreckte – und schnell die Whiskyflasche versteckte –, waren übrigens noch zwei Cousins von ihm, die mit einem Trecker vorbeikamen und sich noch dazu gesellten. Mir wurde das schon fast zu viel (zumal der eine immer irgendwelche Fotos und Videos mit der Aufforderung, dass ich irgendetwas auf Kurdisch nachspreche, machen wollte). Das ist ja alles schön und nett, aber ich war eigentlich wirklich müde. Glücklicherweise war dann irgendwann Feierabend, und ich hatte den Container für mich allein und konnte ins Bett fallen.Read more














Traveler
Wie lange haben sie Dich wegen Spionage festgehalten? Und wen hat Annalena geschickt, um Dich rauszuhauen?
Traveler
Du erlebst ja wieder Sachen. Da gewinnt der Begriff Cola mit Schuss u.U. eine etwas andere Bedeutung.
Traveler😅