• 90 km vorwärts gebeamt

    October 28, 2024 in Turkey ⋅ ☀️ 11 °C

    Die Freundlichkeit kannte heute mal wieder keine Grenzen. Bereits gestern Abend redete der Restaurantbetreiber so lange auf mich ein, dass es doch zu kalt im Zelt sei, bis ich irgendwann aufgab zu sagen, dass es schon so passt, und eins der drei Betten in seiner Schlafkammer nahm. Das Zelt musste ich morgens trotzdem noch abbauen, da ich es schon aufgebaut hatte.

    Ich konnte so allerdings zeitnah starten, um früh in Bitlis anzukommen und zu frühstücken. Ich kaufte Brot und Teilchen beim Bäcker und sah dann einen Laden, der Aufstriche zu verkaufen schien. Nichtsahnend trat ich ein und merkte schnell, dass hier keine Aufstriche verkauft wurden. Es handelte sich um eines der in der Region traditionellen Frühstücksimbisse/Restaurants – auch gut, das Brot wird für später aufgeschoben. An der Theke konnte ich ein paar Aufstriche wählen (Nusscreme, Honig mit Rahm serviert, Walnussmarmelade und Käse) und erhielt eine Pide und selbstverständlich Çay dazu. Sehr kulinarisch und das für schlappe hundert Lira (ca. 2,50 Euro).

    Auch Bitlis selbst gefiel mir sehr gut und wirkte irgendwie ganz anders als die bisherigen türkischen Städte – ruhig und lebhaft zugleich. Vielleicht liegt es an der Lage in den Bergen. Die Straßen waren gut gefüllt von geschäftigen Leuten und etwas weniger geschäftigen älteren Männern in teils ganz modischen, schicken Anzügen mit Mützen auf dem Kopf. Diese füllten die Cafés, leerten die Çays und sorgten für ein stimmig traditionelles Gesamtstadtbild.

    Als ich Bitlis verlasse, sehe ich noch Kinder vor einer Schule singen. Sie sind komplett mit türkischen Flaggen und Türkei-T-Shirts ausgestattet. Ich überlege, zu welchen Schlagzeilen es wohl in Deutschland kommen würde, wenn man sich dies bei uns vorstellte?

    Der Weg nach Tatvan geht nun schnell. Dort angekommen, bin ich allerdings gar nicht so begeistert. Die Stadt wirkt wie ein 0815-Touristenort und der 2. Berg/Vulkan Nemrut sieht von hier sehr unspektakulär aus. Ich beschließe, den Weg hoch zum Krater nicht auf mich zu nehmen, mache nur kurz Pause und fahre dann weiter Richtung Van.
    Beim Wasserauffüllen wird mir zunächst ein Çay angeboten und dann hält noch ein Pritsche mit drei Bauarbeitern, die mich fragen, ob sie mich mitnehmen sollen. Da ich mich für die längere Route entschieden habe, klingt das gar nicht schlecht und so beame ich mich gute 90 km vorwärts. So ganz weiß ich noch nicht, was ich davon halten soll – einerseits war die Landschaft wirklich schön und ich hätte sie mit dem Fahrrad noch mehr genießen können, andererseits war es wieder nur Bundesstraße und auch schon relativ spät.

    Ich lasse mich an einer Tankstelle absetzen, wo ich nur Wasser zum Kochen auffüllen und etwas Käse kaufen möchte. Doch komme ich schnell mit den zwei jungen Männern ins Gespräch und werde direkt wieder eingeladen, im Nebenraum zu schlafen, statt mein Zelt irgendwo am Strand aufzubauen. Da die beiden sehr sympathisch wirken, sage ich ja, lade schon mal meine Sachen ab und fahre noch einmal Richtung See, um noch ein paar Fotos vom – leider schon sehr weit fortgeschrittenen – Sonnenuntergang zu schießen. Im Anschluss geht es zurück. Ich sitze noch eine Weile mit den beiden zusammen und nutze die Tankstellenküche, bevor ich mich in den Nebenraum zurückziehe und es mir auf einem Sofa bequem mache.

    Randnotiz:
    Schön in der Türkei ist übrigens die Normalität öffentliche (Trinkwasser) Brunnen für Allesmögliche zu nutzen. Ob zum Hände-, Arme-, Gesicht-, Füße- oder Gemüsewaschen oder zum Wasserauffüllen. Es ist ganz normal, weil es eben alle so machen. Und so werde ich auch nicht komisch angeschaut – oder eben genauso wie ein Europäer mit Fahrrad eben durchweg angeschaut wird –, wenn ich an einem dieser Brunnen Zähne putze.
    Auf der anderen Seite ist es hingegen wieder sonderbar, dass so viel Wert auf Waschmöglichkeiten (öffentliche Toiletten, Waschräume, Brunnen) gelegt wird und gleichzeitig so viel Müll in der Gegend und vor allem in Flüssen landet.

    Çaycounter : 6
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