Bootstour rund um Saint-Malo
August 11 in France ⋅ ☀️ 26 °C
Nach unserem Seafood-Mittagessen in Cancale mussten wir uns schon wieder etwas beeilen. Schließlich hatten wir in Saint-Malo noch eine Bootstour gebucht. Am Hafen angekommen, war die Parkplatzsuche erstaunlich unkompliziert – zumindest wenn man unseren etwas improvisierten Parkplatz als legal durchgehen lässt. Irgendwie reingequetscht, Auto abgestellt und los. Pierre hatte schon angerufen und gefragt, wo wir denn bleiben. Ein paar Minuten später saßen wir aber bereits in seinem kleinen, ziemlich schnellen Schlauchboot.
Kaum aus dem Hafen heraus, kam als Erstes die Jungfrau von Bizeux in Sicht. Die Marienstatue steht weithin sichtbar auf einem Felsen mitten in der Mündung der Rance und wacht dort seit dem 19. Jahrhundert über die Seeleute. Pierre erzählte uns von den alten Fischern aus Saint-Malo, die für Monate bis nach Neufundland und Kanada zum Kabeljaufang aufbrachen. Vor der gefährlichen Überfahrt gehörten solche religiösen Rituale und Bitten um eine sichere Rückkehr zum Leben der Seeleute.
Danach ging es weiter die Rance entlang zum gewaltigen Gezeitenkraftwerk. Über den Damm waren wir mit dem Auto schon gefahren, ohne groß darüber nachzudenken. Vom Wasser aus erklärte Pierre dann begeistert, was da eigentlich unter der Straße steckt. Das Kraftwerk wurde 1966 von Charles de Gaulle eröffnet und war damals das erste große Gezeitenkraftwerk der Welt. Mit seinen 24 Turbinen und 240 Megawatt Leistung war es mehr als 40 Jahre lang sogar das leistungsstärkste der Welt. Die Turbinen nutzen den enormen Tidenhub der Gegend und können Strom erzeugen, wenn das Wasser durch den Damm strömt. Die Jahresproduktion reicht rechnerisch für ungefähr 225.000 Menschen. Schon erstaunlich, dass wir vorher einfach darübergefahren waren.
Dann drehten wir um und fuhren hinaus Richtung offene See. Vorbei an Saint-Servan, der Tour Solidor und schließlich an Saint-Malo selbst. Vom Wasser aus bekommt man erst ein richtiges Gefühl dafür, wie sehr diese Stadt vom Meer geprägt ist. Die gewaltigen Mauern von Intra-Muros stehen praktisch direkt auf den Felsen, davor liegen kleine Inseln und Festungen wie Außenposten im Meer.
Einige dieser Forts entstanden Ende des 17. Jahrhunderts nach Plänen von Vauban und seinem Ingenieur Siméon Garangeau. Sie sollten Saint-Malo und seinen wichtigen Hafen gegen Angriffe englischer und niederländischer Flotten schützen. Bei Ebbe kann man manche der Inseln sogar zu Fuß erreichen, wenige Stunden später sind sie wieder komplett vom Meer umgeben.
Wir kamen auch an der kleinen Île Harbour mit ihrem Fort vorbei. Pierre hatte dazu natürlich noch eine passende Geschichte: Das Fort gehörte tatsächlich einmal Alain Delon. Der französische Filmstar kaufte es in den 1970er-Jahren und besaß es einige Jahre. Pierre erzählte, Delon habe daraus eine private Partyinsel machen wollen. Ob das wirklich sein großer Plan war oder inzwischen zur lokalen Legende gehört, lässt sich schwer belegen – die Geschichte passt aber hervorragend zu so einem einsamen Fort vor Saint-Malo. 1981 wurde es jedenfalls wieder verkauft.
Dann ging es hinüber nach Dinard. Vom Wasser sieht man besonders gut, warum der Ort im 19. Jahrhundert zu einem der mondänsten Seebäder Frankreichs wurde. Oberhalb der Strände stehen noch immer die riesigen Villen wohlhabender französischer und vor allem britischer Familien. Türmchen, Erker, große Fensterfronten – eine Villa extravaganter als die nächste. Dazwischen die großen Hotels und Strände, die Dinard bis heute den Charakter eines klassischen Belle-Époque-Seebades geben.
Langsam kam dann auch die Sonne richtig heraus und plötzlich wurde es angenehm warm. Pierre meinte, selbst das Meer habe momentan rund 22 Grad und sei für diese Gegend außergewöhnlich warm. Nach dem zunächst eher frischen Start war es auf dem Boot schließlich richtig angenehm.
Zum Abschluss ging es noch einmal an Saint-Malo vorbei. Vom Wasser aus waren die Stadtmauern und die großen alten Häuser dahinter noch einmal spektakulär. Gleichzeitig erzählte Pierre von der weniger schönen Vergangenheit der Stadt und empfahl uns unbedingt noch das Mémorial 39–45 auf der Cité d’Alet.
Also nach der Bootstour wieder ins Auto und noch hinauf zur Cité d’Alet. Die Ausstellung im Mémorial war leider bereits geschlossen, aber das Gelände selbst war trotzdem sehenswert. Die Deutschen hatten den strategisch perfekt gelegenen Felsen ab 1942 zu einer massiven Festung des Atlantikwalls ausgebaut: mehr als 30 Bunker, Artilleriestellungen, Beobachtungsposten und ein weit verzweigtes System unterirdischer Gänge.
Im August 1944 wurde die Gegend bei der Befreiung Saint-Malos zum Schlachtfeld. Amerikanische Truppen griffen die deutsche „Festung Saint-Malo“ an, während sich die deutschen Soldaten unter anderem auf der stark befestigten Cité d’Alet verschanzten. Die Altstadt von Saint-Malo wurde während der Kämpfe und Bombardierungen zu großen Teilen zerstört und später nahezu vollständig wieder aufgebaut. Die Geschichte, dass Saint-Malo nur aufgrund eines Übersetzungsfehlers bombardiert worden sei, wird zwar erzählt, lässt sich historisch aber nicht zuverlässig belegen.
Heute stehen auf der Cité d’Alet noch zahlreiche Bunker und zerstörte Stellungen. Überall sieht man Einschusslöcher und Spuren der Kämpfe. Und gleichzeitig hat man von dort oben einen fantastischen Blick über genau die Gegend, durch die wir kurz vorher mit dem Boot gefahren waren: Saint-Malo, Dinard, die Rance, die vorgelagerten Inseln und das offene Meer.Read more
























Traveler
Schön bunt 😀