• Reims

    August 13 in France ⋅ ☀️ 19 °C

    Heute hieß es noch einmal früh aufstehen. Bevor es endgültig Richtung Heimat ging, wollten wir Reims am Morgen erleben. Ein Stück sind wir mit dem Auto in die Stadt gefahren, dann zu Fuß weiter zur Kathedrale. Und das frühe Aufstehen hat sich mehr als gelohnt: Die Kathedrale hatte gerade erst geöffnet und wir waren tatsächlich fast die Ersten. Für eine ganze Weile hatten wir dieses gigantische Bauwerk praktisch für uns allein.

    Was für eine Kirche! Die Cathédrale Notre-Dame de Reims gehört zu den bedeutendsten gotischen Kathedralen Frankreichs. Mit ihren beiden rund 81 Meter hohen Türmen, einer Länge von fast 150 Metern und einem Mittelschiff, das sich fast 40 Meter in die Höhe zieht, wirkt sie schon von außen gewaltig. Gleichzeitig ist die Fassade unglaublich filigran. Überall Figuren, kleine Szenen, Wasserspeier, Heilige, Engel und Könige. Besonders berühmt ist der lächelnde Engel, der „Ange au Sourire“, der zu einem Wahrzeichen von Reims geworden ist.

    Der heutige Bau entstand größtenteils ab 1211, nachdem ein Brand den Vorgängerbau zerstört hatte. Gebaut wurde über viele Jahrzehnte hinweg im Stil der französischen Hochgotik. Auffällig sind die riesigen Fensterflächen: Die Baumeister reduzierten die massiven Wände immer stärker und ließen das Gewicht über Pfeiler und Strebebögen nach außen ableiten. Dadurch konnte das Innere mit Licht gefüllt werden – und genau das merkt man, wenn man morgens fast alleine in diesem riesigen Raum steht.

    Besonders beeindruckend waren für uns die farbigen Fenster. Neben den historischen Glasfenstern gibt es auch moderne Kunst. Berühmt sind die drei Fenster von Marc Chagall in der Achskapelle. Sie wurden 1974 eingesetzt und leuchten vor allem in intensiven Blau-, Grün- und Rottönen. Erstaunlicherweise wirken sie überhaupt nicht wie ein Fremdkörper, sondern passen wunderbar in die mittelalterliche Architektur. Dazu kommen weitere moderne Fenster, unter anderem von Imi Knoebel. Gerade diese Mischung aus Mittelalter und moderner Kunst macht die Kathedrale besonders.

    Reims war aber nicht irgendeine große Kirche. Über Jahrhunderte war die Kathedrale die Krönungskirche der französischen Könige. Der Überlieferung nach wurde hier bereits um 496 der Frankenkönig Chlodwig von Bischof Remigius getauft. Später wurden hier über Jahrhunderte hinweg die französischen Monarchen gekrönt. Besonders berühmt ist die Krönung Karls VII. im Jahr 1429, zu der Jeanne d’Arc ihn nach Reims begleitete. Wer hier durch das Kirchenschiff läuft, steht also an einem der symbolträchtigsten Orte der französischen Geschichte.

    Dass die Kathedrale heute überhaupt so prachtvoll dasteht, ist keine Selbstverständlichkeit. Im Ersten Weltkrieg lag Reims unmittelbar hinter der Front. 1914 wurde die Kathedrale von deutscher Artillerie getroffen, das Dach geriet in Brand und große Teile des Gebäudes und der Ausstattung wurden schwer beschädigt. Die Bilder der brennenden Kathedrale gingen damals um die Welt. Nach dem Krieg begann eine jahrzehntelange Restaurierung. Unter anderem half die amerikanische Rockefeller-Stiftung bei der Finanzierung. Das Dach wurde neu aufgebaut und dabei teilweise mit moderneren, feuerfesteren Konstruktionen versehen. Restauriert wird bis heute immer wieder – bei einem Bauwerk dieser Größe ist das eigentlich eine Daueraufgabe.

    Umso schöner war dieser Morgen. Keine Menschenmassen, kein Stimmengewirr, keine Reisegruppen. Nur wir, das Licht durch die bunten Fenster und diese unglaubliche Höhe über uns. Man konnte einfach stehen bleiben und den Raum wirken lassen. Eine ganz besondere Stimmung und wahrscheinlich eine der schönsten Arten, diese Kathedrale zu erleben.

    Danach sind wir noch ein bisschen durch Reims geschlendert. Die Stadt hat rund 180.000 Einwohner, im größeren Ballungsraum leben deutlich mehr als 300.000 Menschen. Damit ist Reims die größte Stadt des Départements Marne und eines der wichtigsten Zentren der Champagne. Historisch war die Stadt schon zur Römerzeit bedeutend; damals hieß sie Durocortorum und gehörte zu den größten Städten im römischen Gallien. Noch heute erinnert unter anderem die Porte de Mars, ein gewaltiger römischer Triumphbogen, an diese Zeit.

    Heute lebt Reims natürlich ganz wesentlich vom Champagner. Einige der berühmtesten Champagnerhäuser der Welt haben hier ihren Sitz und unter der Stadt erstreckt sich ein riesiges Netz aus Kellern und Stollen. Besonders außergewöhnlich sind die sogenannten „Crayères“, ehemalige Kreidesteinbrüche aus gallorömischer Zeit, die heute teilweise kilometerweit unter der Stadt verlaufen und ideale Bedingungen für die Lagerung von Champagner bieten. Gemeinsam mit den Weinbergen und den Champagnerhäusern gehören sie seit 2015 zum UNESCO-Welterbe. Neben Champagner und Tourismus ist Reims aber auch ein wichtiges regionales Zentrum für Handel, Dienstleistungen, Universität und Lebensmittelindustrie.

    Für uns blieb am Ende noch etwas sehr Französisches: beim Bäcker ums Eck einkaufen. Noch einmal frisches Brot und köstliche Sachen aus einer französischen Boulangerie mitgenommen – Reiseproviant kann schließlich auch gut sein.

    Und dann war es tatsächlich so weit. Nach all den Kilometern, Städten, Küsten, Stränden, Leuchttürmen, Schlössern, Weinbergen, Restaurants und unzähligen Eindrücken ging es raus aus Reims und endgültig Richtung Heimat.

    Jetzt geht’s wirklich heim.
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